Gülle ansäuern, Stick­stoff erhalten

Die Zugabe von Schwe­fel­säure erhöht den Dünge­wert von Gülle. Letzt­lich entschei­dend ist aber, unter welchen Bedin­gungen die Mehr­kosten durch die erzielten Vorteile ausge­gli­chen werden können.

90 % der euro­päi­schen Ammo­ni­ak­emis­sionen stammen aus der Land­wirt­schaft, vor allem aus den tieri­schen Ausschei­dungen. Zwar wirkt sich das Gas nicht direkt auf das Klima aus, es trägt jedoch zur Eutro­phie­rung bei und bildet gesund­heits­schäd­liche Fein­staub­par­tikel. Eine Möglich­keit zur Minde­rung dieser Emis­sionen besteht darin, den pH-Wert der Gülle zu senken, denn je saurer das Milieu, desto mehr verschiebt sich das chemi­sche Gleich­ge­wicht vom gasför­migen Ammo­niak hin zum gebun­denen Ammo­nium.

Versuche zur Ansäue­rung im Stall zeigen, dass NH₃-Emis­sionen dort um etwa 40 % sinken können. Bei der Lage­rung sind laut Lite­ratur Minde­rungen von bis zu 90 % möglich. Bleibt der pH-Wert in Stall oder Lager über längere Zeit niedrig, lassen sich außerdem Methan­emis­sionen redu­zieren.

In der Praxis kommen hierfür mehrere Ansätze infrage. In Däne­mark wird Gülle teils bereits im Stall oder im Lager ange­säuert. Deutsch­land tut sich damit schwerer, weil die Ansäue­rung im Stall und Lager tech­nisch und recht­lich aufwendig sind. Eine Alter­na­tive besteht darin, die Schwe­fel­säure erst bei der Ausbrin­gung zuzu­geben. Genau hier entsteht schließ­lich etwa die Hälfte der Ammo­ni­ak­ver­luste. Der entschei­dende Vorteil dabei ist, dass der nicht verflüch­tigte Stick­stoff den Pflanzen erhalten bleibt. Ob sich damit auch die Mehr­kosten ausglei­chen lassen, hängt jedoch stark von den Einsatz­be­din­gungen ab.

Praxis­ver­suche

In Deutsch­land unter­sucht das Projekt Säure+ im Feld die Praxis­taug­lich­keit des Verfah­rens auf 39 Praxis­be­trieben. Einge­setzt wird dabei das vom däni­schen Unter­nehmen Biocover entwi­ckelte SyreN-System, das die Schwe­fel­säure während der Ausbrin­gung in den Güllestrom dosiert einbringt. „Bei Acker­kul­turen konnten wir bisher in 62 % der Fälle Mehr­erträge beob­achten, im Schnitt lagen diese posi­tiven Fälle bei plus 3,8 %“, erklärt Tim Wantulla, Projekt­ko­or­di­nator bei der Land­wirt­schafts­kammer Nord­rhein-West­falen.

Der Trans­port von Schwe­fel­säure fällt unter das Gefahr­gut­recht: Für Fahrten auf öffent­li­chen Straßen ist ein ADR-Schein erfor­der­lich. Auch Lage­rung, Achs­lasten und säure­feste Bauteile müssen entspre­chend berück­sich­tigt werden.

Insge­samt umfassten die bishe­rigen Auswer­tungen 67 Ertrags­er­geb­nisse, über­wie­gend in Winter­ge­treide. Die durch­schnitt­liche Wirkung über alle Fälle blieb mit 0,6 % Mehr­ertrag aller­dings gering. Das liegt vor allem daran, dass sich bei den Demons­tra­ti­ons­an­lagen die Ausbrin­gungs­ter­mine nicht immer nach den idealen Emis­si­ons­be­din­gungen wählen lassen. Teils wurde die Gülle auch bei kühlem oder feuchtem Wetter ange­säuert, in Situa­tionen also, in denen die Ammo­ni­ak­ver­luste ohnehin niedrig sind. Deut­li­cher fallen die Ergeb­nisse im Grün­land aus. Dort wurden 61 Ergeb­nisse aus Dauer­grün­land und Acker­gras ausge­wertet. In 74 % der Fälle stieg der Ertrag, bei diesen posi­tiven Fällen im Schnitt sogar um 13 %.

Auch die Rohpro­te­in­ge­halte legten tenden­ziell zu. In Acker­kul­turen lagen 59 % der Ergeb­nisse höher, im Schnitt um 0,4 Prozent­punkte. Bei Feld­tagen wurden zudem Ammo­niak­kon­zen­tra­tionen direkt über ange­säu­erter und nicht ange­säu­erter Gülle, die in Bändern ausge­bracht wurde, vergli­chen.

Diese Messungen erlauben keine exakte Umrech­nung in einge­sparte Kilo­gramm Stick­stoff, übli­cher­weise war die Ammo­niak­kon­zen­tra­tion in der Mess­haube über den ange­säu­erten Gülle­bän­dern gegen­über der nicht ange­säu­erte Gülle jedoch um etwa 45 bis 75 % geringer. Was dies für die tatsäch­liche Stick­stoff­ein­spa­rung bedeutet, hängt vom abso­luten Ausmaß der Ausgangs­emis­sionen ab. Wantulla betont deshalb: „Die Ansäue­rung ist kein Auto­ma­tismus. Sie ist vor allem dann sinn­voll, wenn hohe Emis­sionen während der Ausbrin­gung zu erwarten sind.“

Bei der Lage­rung von Gülle entstehen häufig Ammo­ni­ak­emis­sionen. Ammo­niak selbst ist kein Treib­hausgas, ein Teil des Stick­stoffs kann jedoch später durch Mikro­or­ga­nismen zu Lachgas (N₂O) umge­wan­delt werden und so indi­rekt zum Klima­wandel beitragen.

Zur ökono­mi­schen Rech­nung gehört darüber hinaus der Schwefel. Mit jedem Liter Schwe­fel­säure werden rund 0,6 kg elemen­tarer Schwefel ausge­bracht. Das bedeutet bei 25 m³ Gülle je Hektar und 2 l Säure je m³ unge­fähr 30 kg S pro Hektar. Ein Teil der Kosten lässt sich daher über die einge­sparte Schwe­fel­dün­gung verrechnen: Aller­dings muss die Schwe­fel­gabe zum Bedarf der Kultur passen. Rech­ne­risch erfor­dert jeder Liter Schwe­fel­säure rund 1,87 kg CaCO₃ zusätz­liche Kalkung zur Neutra­li­sa­tion. Im Projekt konnten beim Vergleich der Boden-pH-Werte in den Demons­tra­ti­ons­an­lagen nach der Ernte bisher standort­über­grei­fend keine eindeu­tigen Unter­schiede im Vergleich zu den Flächen ohne Ansäue­rung fest­ge­stellt werden.

Anspruchs­volle Technik

Stefan Vogel­sang, Betreiber eines Misch­be­triebs in Rheda-Wieden­brück, testet seit 2023 das SyreN-System. In drei Jahren hat er Schweine-, Sauen-, Rinder- und Milch­vieh­gülle, Misch­gülle sowie Gärreste mit und ohne Säure ausge­bracht. „Die Ergeb­nisse sind sehr unter­schied­lich“, bilan­ziert er. „Bei bewölkter Witte­rung und leichtem Regen messen wir prak­tisch keinen Effekt, weil die Verluste ohnehin gering sind. Fahren wir zum dritten Schnitt Gülle bei Sonne, Wind und ohne ange­kün­digten Regen, konnten wir im Grün­land dagegen 20 bis 25 % Mehr­ertrag fest­stellen.“

Bei Gülle, die im Strip-Till-Verfahren zu Mais einge­ar­beitet wird, beob­achtet Vogel­sang eben­falls Ertrags­ef­fekte. Da die Gülle in diesem Fall ohnehin im Boden liegt und kaum Ammo­niak entweicht, vermutet er als Ursache eher eine bessere Phos­phor­ver­füg­bar­keit durch den nied­ri­geren pH-Wert.

Die behan­delte Gülle wird auf einen pH-Wert von etwa 6,5 einge­stellt und ist damit nicht saurer als viele Böden. Rein rech­ne­risch ergibt sich durch die Schwe­fel­säure zwar ein zusätz­li­cher Kalk­be­darf; im Projekt wurde nach der Ernte standort­über­grei­fend bisher keine eindeu­tige Absen­kung des Boden-pH in Folge der Ansäue­rung fest­ge­stellt. Zudem könnte die Ansäue­rung die Phos­phor­ver­füg­bar­keit erhöhen.

Schwe­fel­säure ist fast doppelt so dicht wie Wasser. Voll beladen wiegt die Front­ein­heit rund 3,3 t und stellt damit hohe Anfor­de­rungen an die Hubkraft des Front­hub­werks.

Tech­nisch ist das Verfahren anspruchs­voll: Die Front­ein­heit wiegt leer etwa 1,5 t, voll befüllt mit 1.000 l Schwe­fel­säure rund 3,3 t. Entspre­chend hoch sind die Anfor­de­rungen an Hubkraft, Achs­last und Hydrau­lik­leis­tung des Schlep­pers. Die Säure wird hinter dem Fass inji­ziert, die Dosie­rung anhand des konti­nu­ier­lich gemes­senen pH-Werts in Echt­zeit ange­passt.

Dabei ist das Ziel einen pH-Wert von etwa 6 bis 6,5 einzu­halten. Für Fahrer und Betrieb kommen weitere Anfor­de­rungen hinzu. Schwe­fel­säure ist Gefahrgut und benö­tigt für den Trans­port auf öffent­li­chen Straßen einen ADR-Schein erfor­der­lich. Zudem braucht es säure­feste Bauteile, eine Einwei­sung und geeig­nete Lager­mög­lich­keiten.

Mehr Spiel­raum, homo­gene Vertei­lung

Für Stefan Vogel­sang liegt der eigent­liche Vorteil weniger im Mehr­ertrag als in der gewon­nenen Flexi­bi­lität, denn die Ansäue­rung erwei­tert das Zeit­fenster für die Ausbrin­gung deut­lich. „Ich muss nicht mehr darauf warten, dass Regen ange­sagt ist, sondern kann stärker nach Befahr­bar­keit entscheiden“, so der Land­wirt. Dies könnte perspek­ti­visch für Lohn­un­ter­nehmen inter­es­sant sein, da das Gülle­fass dann nicht nur in engen Wetter­fens­tern nach­ge­fragt wird. Auf Vogel­sangs Flächen, die sich in roten Gebieten befinden, sei zudem „jedes Kilo­gramm Stick­stoff wert­voll“, das nicht verflüch­tigt wird.

Ein weiterer prak­ti­scher Effekt zeigt sich im Gestänge. Durch die Reak­tion mit der Säure schäumt die Gülle stark auf. CO₂ wird schlag­artig frei­ge­setzt und der Druck im Vertei­ler­kopf steigt deut­lich. „Wir kommen dort statt auf 0,4 bar auf 2 bis 4 bar“, berichtet Vogel­sang. „Dadurch haben wir prak­tisch keine Verstop­fungen mehr, und die Vertei­lung über die gesamte Arbeits­breite wird wesent­lich gleich­mä­ßiger.“

Die Säure­zu­gabe wird konti­nu­ier­lich an den pH-Wert der Gülle ange­passt, sodass die behan­delte Gülle während der Ausbrin­gung auf einem konstanten Ziel-pH bleibt.

Auch zähe Gülle lässt sich so homo­gener ausbringen. Im Projekt wurde eben­falls beob­achtet, dass sich weniger feste „Gülle­würste“ bilden und die Gülle sich so besser im Boden verteilt. Proble­ma­tisch kann es aller­dings werden, wenn ein Fass fast voll­ständig geleert und die Säure­do­sie­rung nicht recht­zeitig deak­ti­viert und anschlie­ßend nicht mit Gülle nach­ge­spült wird. In einer solchen Situa­tion kann die Säure­kon­zen­tra­tion im Vertei­ler­kopf stark ansteigen.

Kosten im Fokus

Mit Inves­ti­ti­ons­kosten von rund 100.000 € dürfte die Technik über­wie­gend über Lohn­un­ter­nehmen ihren Weg in die Praxis finden. „Für den normalen Betrieb lässt sich eine Anschaf­fung wirt­schaft­lich kaum recht­fer­tigen“, sagt Vogel­sang. Er selbst nutzt das SyreN-System im Rahmen einer Erpro­bungs­ko­ope­ra­tion: Die Technik wird ihm gestellt, die Schwe­fel­säure bezahlt er selbst. Für eine Dienst­leis­tung hält er einen Aufpreis von etwa 15 € je Hektar für realis­tisch. Dazu kommen noch die Kosten für die Säure. Darüber erwartet er bei vielen Betrieben nur eine begrenzte Zahlungs­be­reit­schaft.

Tim Wantulla kommt zu einer ähnli­chen Einschät­zung: „Weil nicht jede Ausbrin­gung ange­säuert werden sollte und nicht jeder Wirt­schafts­dünger gleich gut reagiert, muss das System möglichst hoch ausge­lastet werden.“ Außerdem haben Gärreste häufig eine hohe Puffer­ka­pa­zität und benö­tigen entspre­chend mehr Säure, um den Ziel-pH zu errei­chen.

Die Vertei­lung über die gesamte Arbeits­breite wird wesent­lich gleich­mä­ßiger.

Stefan Vogel­sang

Noch ist die Verbrei­tung über­schaubar. Nach Angaben aus dem Projekt waren im Früh­jahr 2026 rund 14 SyreN-Systeme in Deutsch­land im Einsatz, auch wenn das Inter­esse deut­lich größer ist, als die Zahl der Maschinen vermuten lässt. Neben Kosten und Technik spielt dabei auch die öffent­liche Wahr­neh­mung eine Rolle. „Mit einem Gefahr­gut­schild am Traktor wird man kritisch beäugt“, sagt Vogel­sang.

Entschei­dend wird daher sein, ob Ansäue­rung poli­tisch stärker geför­dert oder regu­la­to­risch ange­rechnet wird. Bis dahin bleibt sie ein Werk­zeug für Betriebe und Lohn­un­ter­nehmen, die hohe Nähr­stoff­ver­luste vermeiden wollen – vor allem dort, wo Witte­rung, Wirt­schafts­dünger, Stand­ort­auf­lagen und Kosten zusam­men­passen.