Protein in Europa: Reicht es?

Eine größere Unabhängigkeit Europas von Proteinrohstoff-Importen stellt eine der Herausforderungen der Zukunft dar. Zwei Landwirte erzählen, wie sie ihren Beitrag zur Förderung der Proteinproduktion in Europa leisten.

Jean Michel Ombredane steht bei strahlendem Sonnenschein inmitten seines Sojafeldes im französischen Suèvres, Loir et Cher. Er deutet auf die Wurzeln einer frisch ausgegrabenen Pflanze und die daran haftenden Rhizobium-Knöllchen. „Soja passt sich den Fruchtfolgen gut an“, bemerkt er. Nicht weit davon entfernt wachsen Gemüseerbsen in die Höhe. Ombredane, Vorsitzender des Département-Verbandes der Saatgutzüchter (SAMS), baut im Rahmen eines Saatgutvertrages auf 15 ha Sojapflanzen in konventioneller Landwirtschaft an.

Die französische Soja-Branche steckt mit einer Ernte von 420.000 t im Jahr 2018 noch in den Kinderschuhen. Neben der ökologischen Bedeutung besteht die Herausforderung vor allem darin, die derzeitige Lücke von 45% bei der Versorgung der Tierhaltungsbetriebe mit proteinreichen Rohstoffen zu verringern. Jährlich werden 3,5 Mio. t Sojaschrot nach Frankreich importiert. Dies ist allerdings noch ein verhältnismäßig hoher Grad an Eigenversorgung im Vergleich zu Gesamteuropa, dessen Bedarf an proteinreichen Rohstoffen zu 70% aus Importen gedeckt wird. Kritiker weisen seit mindestens 50 Jahren auf besagtes Proteindefizit in Europa hin, aber in den letzten Jahren hat das Thema an politischer Bedeutung gewonnen. Ändern wird sich an dieser Situation aber nur dann etwas, wenn eine eigene Proteinerzeugung für die Landwirte auch ökonomisch Sinn macht.

Soja-Anbau vergleichbar mit Bohnen

Seit 1994 bewirtschaftet Jean Michel Ombredane 350 ha an drei Standorten in einer landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaft mit seinen Eltern und seinen Brüdern François und Damien. Der Anbau von Saatgut nimmt rund 30% der Flächen ein und umfasst etwa ein Dutzend Früchte, darunter Erbsen, Zwiebeln, Spinat, Radieschen, Zuckerrüben sowie Weizen und Gerste für abwechslungsreiche Fruchtfolgen.

„Der Anbau von Soja ist mit dem von Bohnen vergleichbar, jedoch mit einigen zusätzlichen Vorkehrungen“, erklärt Ombredane. Zunächst muss man sich bei geimpftem Saatgut vergewissern, dass das Rhizobium in einem guten Konservierungszustand ist. Der Landwirt hat dieses Jahr eine Getreidesämaschine verwendet, allerdings mit einem drei Mal so großen Reihenabstand. Was die Unkrautbekämpfung betrifft, so „ist sie effizienter, wenn man als Referenz das Entwicklungsstadium des Unkrauts nimmt, eher als das von Soja.“

Soja passt sich den Fruchtwechseln gut an, aber es gibt einen Wermutstropfen: Man muss vorsichtig sein bei dem Wechsel mit grünen Bohnen, da beide Arten anfällig für Weißstängeligkeit sind. Außerdem müssen zwischen dem Anbau der verschiedenen Sorten mindestens vier Jahre liegen, um nicht die Impfdosis erhöhen zu müssen. „Soja hat jedoch keine andere Krankheit und weniger Schädlinge“, betont Ombredane.

Vorsichtiger Optimismus bei der Proteinlücke

„Soja benötigt Wasser, jedoch weniger als Mais.“ Wegen der diesjährigen Trockenheit wurden die Felder Mitte Juli bereits zweimal mit jeweils 30 mm bewässert. Die Ernte findet typischerweise im September statt. Das geerntete Saatgut ist relativ wenig empfindlich. Alles in allem bewegt sich der erwartete Ertrag zwischen 30 und 40 dt/ha und der Preis für das Saatgut kann etwa 100 €/t über dem Marktpreis für Import-Sojabohnen liegen. „Wir werden weitermachen, wenn wir neue Verträge haben“, sagt der Landwirt.

Soja passt sich den Fruchtfolgen gut an.

Jean-Michel Ombredane

Im Hinblick auf eine Ausweitung des Sojaanbaus zur Verringerung der Proteinlücke ist er vorsichtig optimistisch: „Politischer Wille ist vorhanden, aber werden die wirtschaftlichen Bedingungen dem folgen? In Frankreich ist die finanzielle Belastung sehr hoch und die Normen und Auflagen sind sehr streng.“ Und dann gelten auch noch die Marktgesetze: Die Futtermittelindustrie ist auf die Verwendung von Importsoja ausgerichtet. Aber die Fähigkeit der Landwirte zur Produktion von hochwertigem, gentechnikfreiem Soja sei vorhanden, stellt Jean Michel Ombredane fest: „Technisch sind wir gut aufgestellt!“

Erhaltungszucht

Im Ackerbaubereich betreibt Uwe Brede Saatgutvermehrung, Futterproduktion für den Verkauf sowie Erhaltungszucht. Neben dem Getreide (Winterweizen, Sommer- und Wintergerste, Wintertriticale, Winterroggen, Hafer) baut er verschiedene Leguminosen wie Erbsen, Rotklee und Ackerbohnen an.

Mit 2,6 Mio. t Soja, die jedes Jahr in Europa produziert werden, kann der Bedarf der Tierhaltungsbetriebe an konzentrierten Proteinen bei weitem noch nicht gedeckt werden – es sei denn, man setzt auf zukünftige Weiterentwicklungen der Sorten. „Eine Verringerung dieses Defizits wäre dank alternativer Lösungen möglich“, so die Einschätzung von Uwe Brede, Erzeuger von Bio-Eiern in Nordhessen.

Auf der Domäne Niederbeisheim mit ihren 180 ha ist die Unabhängigkeit im Hinblick auf Protein seit Anfang 2000 das Leitprinzip. „Mit Bio-Eiweißfuttermitteln wird es in Deutschland knapp.“ Der Betrieb füttert 10.500 Legehennen und 18.000 für den Verkauf bestimmte Lohmann Brown-Junghennen.

Zwei Gehminuten von den Ställen entfernt erstreckt sich ein großes Feld mit Ackerbohnen. „Wir haben uns darauf spezialisiert“, verrät Uwe Brede nicht ohne Stolz, der dieses Jahr Ackerbohnen auf 20 ha anbaut. Es handelt sich um die Varietät „Bilbo“, die der Landwirt sowohl für seine Futterration als auch als Erhaltungszucht anbaut. „Dies ist eine langstrohige Sorte. Die bevorzugen wir wegen der Unkrautunterdrückung. Sie besitzt eine ganz homogene Abreife, was ebenfalls wichtig für uns ist. Der Eiweißgehalt liegt bei guten 27%, und der Ertrag bewegt sich zwischen 40 und 60 dt/ha.“

Legeleistung bleibt erhalten

Ein weiterer Vorteil der Sorte ist, dass sie in der Region trotz der 25 bis 40 Bodenpunkte ihre guten Eigenschaften beibehält. Dank eines günstigen Aminosäureprofils und weil die Tiere sie ohne die tanninhaltige Schale aufnehmen, tragen die Ackerbohnen zur Unabhängigkeit des Betriebs hinsichtlich der Proteine bei, ohne die Eierleistung zu beeinträchtigen (rund 270 Eier pro Henne und Jahr). Geschälte Ackerbohnen machen 12% der Futterration aus.

Legehennen haben einen erhöhten Bedarf an proteinhaltigen Rohstoffen, und der Landwirt muss sich zusätzlicher Quellen bedienen (Presskuchen aus Hanf, Erdnüssen, Distel, Leinsaat, Kürbiskernen oder Haselnüssen, je nach Verfügbarkeit), um ein weiteres Viertel der Ration zu decken. Der Sojaanteil konnte so dieses Jahr auf 5% reduziert werden, und Uwe Brede kauft sein Soja direkt bei deutschen bzw. europäischen Bauern. Getreide (Weizen und Gerste) machen 37% der Ration aus, hinzu kommen Presskuchen aus Sonnenblumen und Raps (jeweils 4%) sowie Mineralien und andere Ergänzungsstoffe.

Der Futterbedarf des Betriebs von Uwe Brede beträgt rund 550 t/Jahr und der Betrieb besitzt 28 Silos für die Erzeugung des eigenes Bio-Mischfutters.

Verringerung der Versorgungslücke

Ein solches System bedeutet natürlich erhöhte Produktionskosten. Uwe Brede optimiert seine Gewinne durch den Verkauf an regionale Supermärkte ohne Zwischenhändler. Das Ziel der Unabhängigkeit ist nur mit einer Kundschaft erreichbar, die bereit ist, für ein Nachhaltigkeitssiegel mehr zu bezahlen. Trotzdem ist das Ganze wirtschaftlich, und Uwe Brede ist der Ansicht, dass eine Unabhängigkeit hinsichtlich des Eiweißes bei der Tierzucht im Bio-Sektor in Deutschland erreicht werden könnte.

Mittelfristig sei eine solche Unabhängigkeit in der konventionellen Produktion laut Brede zwar illusorisch, „Aber man könnte die Eiweißlücke weitgehend verringern. Es werden viel mehr Mittel für Forschung und Zucht sowie für die Optimierung der Verarbeitung benötigt, beispielsweise durch Anwendung der bei Soja üblichen Methoden.“

Zwei Drittel des Umsatzes der Domäne Niederbeisheim werden in der Tierhaltung erzielt: Eierverkauf an regionale Supermärkte unter der eigenen Marke sowie Verkauf von 17 Wochen alten Lohmann Brown-Junghennen an andere Höfe.

Schlüsselfaktor Eiweiß-Nachfrage

Die wirkliche Veränderung sollte aber, laut Uwe Brede, durch den Handel kommen. „Wir erzeugen einen Angebotsmarkt. Es muss auch Nachfrage geschaffen werden. Eine Werbekampagne beispielsweise zu ‚Wurst aus heimischem Eiweiß‘ wäre großartig.“ Auch wenn diese Lösung ein Ideal darstellt – sie wäre aus seiner Sicht nachhaltiger als die Finanzierung durch Greening-Prämien. „Hülsenfrüchte wären im Ackerbau rentabler und dies wäre auch eine wirtschaftliche Absicherung für die Tierhaltung.“

Wir erzeugen einen Angebotsmarkt. Es muss auch Nachfrage geschaffen werden.

Uwe Brede

Nur: Über das Thema zu kommunizieren, ist nicht einfach. „Freilandhaltung kann man leicht vermitteln – die Leute sehen, dass die Tiere Platz haben. Aber der Zusammenhang zwischen importiertem Soja, Nitraten, Stickstoff-Fixierung, Tierzucht… Das alles ist sehr komplex für den Verbraucher.“ Uwe Brede versucht daher, aufzuklären: Ein Faltblatt zu dem Thema liegt jedem verkauften Eierkarton bei, und der Internetauftritt des Hofes wird gerade entsprechend aktualisiert. Außerdem wird es zum diesjährigen 35. Jubiläum der Domäne einige Tage der offenen Tür geben, zu denen Uwe Brede rund 2.000 Besucher erwartet.