Neues von altbe­währter Scholle

In Slawo­nien schlägt das Herz der kroa­ti­schen Land­wirt­schaft. Achtzig Prozent aller land­wirt­schaft­li­chen Produkte werden im Osten von Kroa­tien, zwischen den Flüssen Save und Drava, erzeugt.

„Die Land­wirt­schaft spielt für die Gesamt­ent­wick­lung dieser Region eine große Rolle“, unter­streicht Ivan Pavlović von der Novo­com­merce Inter­na­tional d.o.o. in Osijek, die als Handels­partner von John Deere agiert. Von der mittel­großen Stadt, nur rund 30 Kilo­meter von der Donau und vom Nach­barn Serbien entfernt und damit an der östli­chen Grenze der Euro­päi­schen Union gelegen, ist es nur ein paar Kilo­meter bis zum Betrieb Fermo­promet in Bran­jina. Im Büro von Inhaber Siniša Ćuk gibt es zuerst einmal einen Quit­ten­schnaps. Selbst­ge­brannt, hervor­ra­gend – aber einer reicht vormit­tags.

Ćuk und seine 50 Mitar­beiter bewirt­schaften rund 3.000 Hektar und weitere 3.000 Hektar auf der serbi­schen Seite, in der Vojvo­dina. Die Frucht­folge ist klas­sisch: Weizen, Gerste, Mais, Raps. Letz­terer ist in der Saison 2021 kaum zu sehen, weil es Probleme mit der Zulas­sung von Herbi­ziden gegeben hat, so Ćuk, „dafür läuft es aber beim Weizen und beim Mais umso besser. Wir ernten in diesem Jahr bis zu 13 Tonnen Körner­mais pro Hektar.“

Auch beim Soja, der seit den 80er Jahren ange­baut wird, läuft es offenbar gut. „Wir erwarten derzeit Preise von rund 700 Euro pro Tonne“, froh­lockt Ćuk vor betriebs­ei­genen Silos, in denen die Soja­bohnen getrocknet und bis zu einem güns­tigen Verkaufs­termin gela­gert werden.

In der Nähe Visnjica, auf einem ehema­ligen Gut des Fürs­ten­hauses von Schaum­burg-Lippe, befindet sich heute eine große Rinder­mast­farm.

Heraus­for­de­rungen für Milch­vieh­be­triebe

Während ein vieh­loser Groß­be­trieb wie Fermo­promet von stei­genden Commo­di­ty­preisen profi­tiert, haben bäuer­liche Milch­vieh­be­triebe wie der von Ivan Kvetek in Gorica mit nied­rigen Preisen zu kämpfen. Und das schon seit vielen Jahren. Nicht zuletzt deswegen haben viele Milch­bauern die Milch­pro­duk­tion aufge­geben. Zdenko Ivkić  von der staat­li­chen Agentur für Land­wirt­schaft und Ernäh­rung (Hapih) schätzt, dass rund ein Drittel aller Milch­vieh­be­triebe in den letzten zehn Jahren das Melken aufge­geben haben. So gibt es in Kroa­tien nur noch 4.000 Milch­vieh­be­triebe, die für den Markt produ­zieren, davon allein rund 800 in Slawo­nien. Darüber hinaus exis­tieren zwar noch weitere 10.000 (Neben)erwerbsbetriebe, die aller­dings nur für den eigenen und lokalen Bedarf erzeugen.

Junge Mast­bullen in gut klima­ti­sierten Ställen.

Ein Ende dieser Entwick­lung ist noch nicht abzu­sehen. Denn nach dem sehr trockenen und heißen Sommers 2021 liegt der Milch­preis bei mageren 31 Cent. “Viel­leicht bekommen wir im Winter 38 Cent“, hofft Kvetek beim Rund­gang durch seinen vor einigen Jahren ausge­sie­delten Hof. Rund 100 Hektar bewirt­schaftet er mit seinem Vater.

Darunter sind 15 Hektar Sonnen­blumen, für deren Drusch er sich extra einen Mähdre­scher mietet. Als Grund­futter für die Kühe setzt Kvetek vor allem auf Heu aus Luzerne. Große Ballen stapeln sich unter halb­kreis­ar­tigen Zelten, die er mit wenig Aufwand hinter seinem Kuhlauf­stall aufge­stellt hat.

Seine Herde mit 40 Kühen der wohl­ge­bauten lokalen Vari­ante des Simmen­taler Fleck­viehs macht einen vitalen Eindruck. Die Kühe werden im Lauf­stall mit Schwemm-Schub­stan­gen­ent­mis­tung gehalten und von einem Lely-Melkro­boter gemolken. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt Ivan zum Roboter, dessen Anschaf­fung zur Hälfte vom kroa­ti­schen Staat bezahlt wurde.

Strom aus der eigenen PV-Anlage

Der Strom­be­darf für das auto­ma­ti­sierte Melken wird zu einem großen Teil von der eigenen PV-Anlage mit einer Leis­tung von 35 kWp, die auf dem Dach des Stalls instal­liert ist, abge­deckt. Das spart Kosten: Statt 17 Cent an den kroa­ti­schen Netz­be­treiber zu zahlen, muss der 41-Jährige für seinen eigenen Solar­strom nur rund sieben Cent Entste­hungs­kosten berappen. Übri­gens: Bemer­kens­werter Weise gibt es schon ca. 50 Betriebe, die Melkro­boter einsetzen.

Neben Fami­li­en­be­trieben à la Kvetek gibt es auch ganz große Player in Slawo­nien wie auch in den anderen Regionen Kroa­tiens. Wenn­gleich sie sich geogra­fisch und histo­risch sehr unter­scheiden, ist Allen eines gemein. Es ist deren gemein­same Vergan­gen­heit als Teil des sozia­lis­ti­schen Jugo­sla­wiens, das im Sommer 1991 jäh ausein­an­der­brach und in einem viel­schich­tigen Bürger­krieg mündete. Die Wunden von damals sind bis heute nicht gänz­lich verheilt.

So stehen vor allem im östli­chen Kroa­tien immer noch viele Häuser leer, in denen einst serbi­sche Fami­lien gewohnt haben. Viele von ihnen verließen ihre alte Heimat und sind nach Serbien gesie­delt. Zu sehen sind vieler­orts noch Einschuss­lö­cher von Maschi­nen­ge­wehren kämp­fender Parteien in Gemäuern und Türen. Noch wirft die Vergan­gen­heit ihre Schatten, genauso wie die eins­tigen sozia­lis­ti­schen Struk­turen ihren Abdruck im länd­li­chen Raum bis in die Gegen­wart hinein hinter­lassen haben.

Misch­kon­zerne mit mehreren Stand­beinen

Ähnlich wie in Ostdeutsch­land ist es einigen früheren staat­li­chen land­wirt­schaft­li­chen Groß­be­trieben in Kroa­tien gelungen, sich mit allerlei Verän­de­rungen in einem markt­wirt­schaft­lich orien­tierten System zu behaupten. Aus ihren Reihen haben sich Misch­kon­zerne gebildet, die neben anderen Bran­chen auch einen land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens­zweig haben. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Žito Grupa, die in Mala Bran­je­vina eine Milch­pro­duk­tion mit 800 Holstein Frisian am Standort einer alten Produk­ti­ons­ge­nos­sen­schaft betreibt.

Seit vier Jahren komplet­tiert eine impo­sante Biogas­an­lage mit insge­samt vier Mega­watt elek­tri­scher Leis­tung die Akti­vi­täten. „Jeder Betrieb sollte so eine Anlage errichten“, strahlt Jakob Zvonarić, der für die Biogas­an­lage verant­wort­lich ist. „Das hat Zukunft“,  meint der 22-jährige Maschi­nen­schlosser opti­mis­tisch. Und auch Dražan Toma­novič, der sich im 25-köpfigen Mitar­bei­ter­stab als Vete­ri­när­tech­niker um die Gesund­heit der Kühe und Kälber kümmert, fühlt sich wohl auf dem Betrieb. „Ich mag meinen Job mit den Tieren“, sagt er in einem guten Deutsch, hat doch der 44-Jährige einst seine Kind­heit in Baden-Würt­tem­berg verbracht. Tauschen mit einem Job in der Indus­trie möchte er nie und nimmer.

Einige große Biogas­an­lagen sind in den vergan­genen Jahren in Slawo­nien in Betrieb gegangen.

Auf dem Weg zum größten Kartof­fel­bauern Kroa­tiens, in die nörd­liche Region Međi­murje, nahe der unga­ri­schen und slowe­ni­schen Grenze, geht es vorbei an vielen, kleinen Tabak­fel­dern und verein­zelten Wein­stö­cken, aber auch an einigen neuen Biogas­an­lagen. Im September ist Ernte­zeit. PS-starke Trak­toren fahren mit großen, fabrik­neuen Lade­wagen frisch gehäck­selten Mais von den frucht­baren Feldern zu den Stand­orten der Biogas­an­lagen. Eine davon befindet sich in der Nähe der Stadt Slatina. „Unsere Anlage ist vor fünf Jahren in Betrieb gegangen, die Akzep­tanz gegen­über Biogas ist aber gegen Null“, verrät Betriebs­leiter Josip Butka.

Unsere Anlage ist vor fünf Jahren in Betrieb gegangen, die Akzep­tanz gegen­über Biogas ist aber gegen Null.

Josip Butka

Er berichtet, dass rund 500 Hektar Mais in den Fermenter gefahren werden, rund 25.000 Tonnen.  Mit der Aussage, „wir sind zwar eine alte Firma, aber mit jungen Inves­ti­tionen“, bringt der studierte Elek­tro­in­ge­nieur ziem­lich genau auf den Punkt, was gerade im Herzen der kroa­ti­schen Land­wirt­schaft passiert: Einige Jahre nach EU-Beitritt und kurz vor der Einfüh­rung des Euro sucht ein Teil der jungen Genera­tion trotz des langen Schat­tens der Geschichte nach neuen Wegen, um die Zukunft auf dem Land lebens­wert gestalten zu können.

Nicht ohne Wider­sprüche, nicht ohne Hinder­nisse – zumal die Löhne in der Land­wirt­schaft vieler­orts immer noch sehr bescheiden sind. Deshalb wandern immer noch viele junge Leute ab – nach Zagreb oder an die Adria, wo der Tourismus viele Arbeits­mög­lich­keiten bietet. So über­rascht es nicht sonder­lich, dass in der Nähe von Visnjica, in einer Gegend in der vor dem Ersten Welt­krieg das Fürs­ten­haus von Schaum­burg-Lippe große Lände­reien bewirt­schaf­tete, auf einer großen Rinder­mast­farm ein aus Katmandu einge­flo­genes Team von Nepali die Tiere füttert und ausmistet. Sie beherr­schen ihr Job offen­sicht­lich sehr gut, denn die Bullen der Rassen Limousin, Charo­lais und Simmen­taler machen auf Stroh gebettet in den sechs neuen Offen­ställen einen guten Eindruck.

Kartof­feln in der „Schweiz Kroa­tiens“

In Međi­murje ange­kommen, manche bezeichnen diesen Landes­teil auch als die „Schweiz Kroa­tiens“, geht es dann gleich in die Kartof­feln. Das Wetter ist trocken, bei der Familie Dodlek sind sämt­liche Kartof­fel­ernter im Einsatz. „Unser Groß­vater begann in der sozia­lis­ti­schen Zeit im Jahr 1961 mit ein biss­chen Land­wirt­schaft rund ums Haus“, erzählt Andrija Dodlek vom beschei­denen Start eines Betriebes, der heute bis zu 18.000 Tonnen Kartof­feln jähr­lich erntet, lagert, verpackt und vermarktet. Dafür haben Andrija, sein Bruder Karlo sowie ihr Vater Mirjan in den letzten Jahren sowohl in Ernte­technik, Bewäs­se­rung, Lager­hallen als auch auto­ma­ti­schen Verpa­ckungs­ma­schinen viele Millionen Euro inves­tiert. Sie scheuen mit ihrer Dodlek-Agro d.o.o. im Ort Belica offenbar kein Risiko.

Auf eigenem Land baut die Familie auf rund 115 Hektar Kartof­feln an – insge­samt acht Sorten. Mit weiteren 30 Betrieben im weiteren Umkreis von Belica wird eng koope­riert. Es sind Betriebe in der Größen­ord­nung von 15 bis 75 Hektar, die insge­samt auf rund 500 Hektar Kartof­feln kulti­vieren. Ihre Ernte liefern sie an die Dodleks ab, die sie dann unter ihrer Marke weiter abpa­cken und vermarkten. Jede zweite Kartoffel in Kroa­tien kommt mitt­ler­weile aus ihrer Prove­nienz. Darüber hinaus expor­tiert man unter anderem in die Ukraine, nach Serbien, Bulga­rien und Ungarn.

Wohin die Reise noch geht, ist kaum abzu­sehen. Doch ist die Moti­va­tion, trotz Corona-Rück­schlägen, hoch. Das ist allen Fami­li­en­mit­glie­dern anzu­merken, aber auch den Mitar­bei­tern, mit denen man auch gerne mal ein Bier­chen während kleiner Ernte­pausen teilt. Dabei sind die Aufgaben im eigenen Betrieb klar aufge­teilt. Während Karlo den land­wirt­schaft­li­chen Part betreut, deckt der jüngere Andrija, der unter anderem in Buda­pest Wirt­schaft studierte, den tech­nisch-betriebs­wirt­schaft­li­chen Bereich ab.

Opti­mis­ti­sche Inves­ti­tionen

Trotz des Erfolgs ist er bescheiden geblieben; und er ist ständig zusammen mit seinem Bruder auf der Suche nach Opti­mie­rungen. Über einen Solar­strom­spei­cher und über neue Lager­ka­pa­zi­täten wird ebenso nach­ge­dacht wie über neue Optionen im Anbau von Sellerie oder Zwie­beln. Außerdem will Andrija einen neuen Kartof­fel­ernter anschaffen, der in der Lage ist, zukünftig auch die kleinen Kartof­feln aus dem stein­rei­chen Boden heraus­zu­holen.

Unab­hängig von seinem eigenen land­wirt­schaft­li­chen Unter­nehmen hofft Andrija, dass Kroa­tien und vor allem der Osten Kroa­tiens, das „Herz der kroa­ti­schen Land­wirt­schaft“, mit der Einfüh­rung des Euro weitere wich­tige Impulse für eine (land)wirtschaftliche Erneue­rung erfahren. Wenn der Nachbar Serbien irgend­wann später auch Mitglied der EU wäre, würde der über­zeugte Euro­päer Andrija dies auf jeden Fall begrüßen.