Bessere Tier­ge­sund­heit und mehr Ökologie

In den letzten Jahren ist in Sachen digi­taler Moder­ni­sie­rung auf den Höfen viel passiert. Wenn­gleich ein Ende dieser viel­schich­tigen Entwick­lungen kaum abzu­sehen ist, ergeben sich doch für viele land­wirt­schaft­liche Betriebe neue Optionen, um kommende Heraus­for­de­rungen zu bewäl­tigen.

Es ist wohlig ruhig im Kuhstall von Ignatz Heere­mann. Im neuen Gebäude in Offen-Bauweise sind sowohl Tempe­ratur und Luft­feuch­tig­keit optimal. Ein Mess­gerät ober­halb der Spal­ten­böden kontrol­liert perma­nent Methan- und Ammo­niak­werte. Der Futter­an­schie­be­ro­boter dreht stumm seine Runden. Der elek­tri­sche Automat fegt die Gras­si­lage, die mit photo­elek­tri­schen Sensoren direkt am Fahr­silo auf Eiweiß­ge­halt, pH-Wert und andere ernäh­rungs­phy­sio­lo­gi­sche Para­meter über­prüft worden ist, in den Trog. Insge­samt acht Melkro­boter, ange­trieben von erneu­er­baren Ener­gien, tun ihren Dienst nach vorpro­gram­mierter Eingabe. Die Milch fließt reich­lich – die Daten auch. Und zwar fließen sie in die Leit­zen­trale, wo pro Schicht zwei Mitar­beiter über mehrere Bild­schirme die Produk­tion der 400-köpfigen Milch­vieh­herde minu­tiös wie bequem über­prüfen.

Auch die Gesund­heit der Tiere wird indi­vi­duell über­blickt: Körper­tem­pe­ratur, Gewicht, diverse Blut- und Hormon­werte sowie die Säure­zu­sam­men­set­zung im Pansen sind nur einige von weiteren Daten, die in Echt­zeit in eine Daten­bank über­mit­telt und mit kluger Soft­ware grafisch anspruchs­voll aufbe­reitet werden.

Tier­ge­sund­heit digi­ta­li­siert: Anhand einer kleinen Blut­probe kann der Land­wirt mit einer Appa­ratur (Wellion Belua) inner­halb kurzer Zeit den Keton-Gehalt der Kühe ermit­teln.

Ergeb­nisse der Bitkom Studie

Will­kommen in der „schönen neuen Welt der Rind­vieh­ställe“. Sieht so die Zukunft moderner Milch­vieh­hal­tung aus? Wer weiß das schon genau, aber auf jeden Fall geht die Entwick­lung mit hohem Tempo dahin; denn schon heute ist die im fiktiven Stall vom fiktiven Land­wirten Heere­mann geschil­derte Situa­tion zu mindes­tens teil­weise schon Praxis in vielen Ställen. So stellt sich eigent­lich gar nicht mehr die Frage, ob die Digi­ta­li­sie­rung in Vieh­hal­tung und Land­wirt­schaft voll­zogen wird, sondern es geht eigent­lich viel mehr darum, wie und in welchem Tempo sie einkehren wird.

Wie weit die deut­sche Land­wirt­schaft in Sachen Digi­ta­li­sie­rung tatsäch­lich schon ist, demons­triert eine im Früh­jahr 2020 veröf­fent­lichte Studie, die vom Bundes­ver­band Infor­ma­ti­ons­wirt­schaft, Tele­kom­mu­ni­ka­tion und Neue Medien, (Bitkom), dem Deut­schen Bauern­ver­band und der Renten­bank gemeinsam in Auftrag gegeben wurde. Für die Erhe­bung wurden 500 Land­wirte in Deutsch­land befragt. Dabei kam heraus, dass mehr als acht von zehn land­wirt­schaft­li­chen Betrieben schon digi­tale Tech­no­lo­gien einsetzen und weitere zehn Prozent derzeit planen, welche in Zukunft einzu­setzen.

81 Prozent

der befragten Land­wirte geben an,
dass die Digi­ta­li­sie­rung ihre Produk­ti­ons­ef­fi­zienz erhöht

In der Studie, die kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie erstellt wurde, bestä­tigen 81 Prozent der befragten Land­wirte, dass die Digi­ta­li­sie­rung vor allem ihre Produk­ti­ons­ef­fi­zienz erhöhe. 79 Prozent benennen die körper­liche Entlas­tung als einen weiteren wich­tigen Vorteil, mehr als jeder Zweite (57 Prozent) betont darüber hinaus eine bessere Verein­bar­keit von Beruf und Privat­leben. Insbe­son­dere können aber aus Sicht der meisten Land­wirte Umwelt und Tiere von den Vorteilen der Digi­ta­li­sie­rung profi­tieren: Die große Mehr­heit von 93 Prozent ist der festen Ansicht, dass digi­tale Tech­no­lo­gien helfen können, Dünger, Pflan­zen­schutz­mittel und andere Ressourcen einzu­sparen. Sie ermög­li­chen eine umwelt­scho­nen­dere Produk­tion – Kollege Roboter hackt statt, dass die Pflan­zen­schutz­spritze akti­viert wird. Ange­sichts dieser Einschät­zung verwun­dert es nicht, dass sieben von zehn Land­wirten betonen, die Digi­ta­li­sie­rung sei prin­zi­piell eine große Chance für eine nach­hal­ti­gere Land­wirt­schaft.

40 Prozent

aller befragtem Land­wirte arbeiten inzwi­schen mit Agrar-Apps
für das Smart­phone oder Tablet

Bekannter Maßen sind GPS-gesteu­erte Land­ma­schinen unter den Land­wirten beliebt. Sie werden mitt­ler­weile von vielen Land­wirten genutzt. Aber nicht nur im Ackerbau, auch im Stall ist viel digital-gesteu­ertes in Bewe­gung. Bei fast jedem zweiten Nutz­tier­halter sind intel­li­gente Fütte­rungs­sys­teme bereits im Einsatz. 40 Prozent aller Land­wirte arbeiten inzwi­schen mit Agrar-Apps für das Smart­phone oder Tablet, eben­falls 40 Prozent steuern ihren Betrieb mithilfe von Farm- oder Herden­ma­nage­ment-Systemen.

Digi­ta­li­sie­rung in der Tier­hal­tung

Rein­hold Koch vom LBZ in Echem ist mit seinen Kühen digital „vernetzt“: mit dem iPad im Stall und mit mehreren Compu­tern im Büro.

Dass sich all diese Tech­no­lo­gien auch auf die Arbeit der Tier­ärzte auswirken, liegt nahe. „Das sind Entwick­lungen unserer Zeit, die sind nicht aufzu­halten“, sagt Vete­ri­när­me­di­ziner Dr. Sieg­fried Moder, „man muss zwar bei Weitem nicht alles per se gutheißen und die Digi­ta­li­sie­rung bringt allein betrachtet noch keinen Vorteil in der Tier­hal­tung, doch bietet eine fach­ge­rechte Auswer­tung der Daten, die man durch Sensoren und Kameras erhält, für die Prophy­laxe und so am Ende auch für die Tier­ge­sund­heit große Chancen.“

So ist Moder, Präsi­dent des Bundes­ver­bandes Prak­ti­zie­render Tier­ärzte e. V. (bpt), in der rund 9.000 Tier­ärzte orga­ni­siert sind, ein beken­nender Befür­worter der Digi­ta­li­sie­rung. Für den 63-Jährigen ist es daher selbst­ver­ständ­lich mit dem Laptop unterm Arm auf den Höfen zu agieren. „Aber wie schon gesagt, letzt­lich kommt es immer darauf an, was sie aus den Daten, die sie aus den digi­talen Anwen­dungen gewinnen, am Ende machen, welche Maßnahmen sie daraus ableiten.“

Moder gibt Beispiele: „So können Sie anhand einer Tempe­ra­tur­mes­sung an der Ober­fläche des Saug­napfes recht­zeitig erkennen, ob ihre Kälber gesund sind oder ob sie im Begriff sind zu erkranken. Oder nehmen Sie ,intel­li­gente Ohren­marken‘, die zum einen eine schnelle Ortung der Tiere ermög­li­chen, aber auch anzeigen, ob eine Kuh brünstig ist oder sich eine Euter­krank­heit anbahnt.“

Benito Weise versetzt sich mit digi­taler Kuhbrille in die Blick­weise einer Milchkuh

Diese neuen Ansätze des indi­vi­du­ellen Moni­to­rings von Tieren in einer großen Herde, so Moder weiter, offe­rieren ganz neue Optionen und Quali­täten der tier­me­di­zi­ni­schen Betreuung und Diagnostik. Voraus­ge­setzt aller­dings, dass der „Herr der Daten“, der Land­wirt, diese Daten auch frei­mütig an die Tier­ärzte über­mit­telt. Dieser Daten­fluss hat jedoch in den letzten Jahren aus verschie­denen Gründen etwas gelitten.

Von daher könnte die fort­schrei­tende Tele­me­dizin respek­tive Digi­ta­li­sie­rung dazu beitragen, dass Tier­ärzte und Land­wirte im Inter­esse der Tier­ge­sund­heit wieder mehr zusam­men­rü­cken. „Es kommt doch auf die Lebens­ef­fek­ti­vität und damit auch auf die Lebens­zeit der Kühe an, die leider im Durch­schnitt keine drei Lakta­tionen mehr andauert“, setzt Milch­vieh­ex­perte Moder auf eine Abkehr eines zu einsei­tigen Schie­lens auf Leis­tung.

Apropos Schielen. Die Kuhbrille, die am Land­wirt­schaft­li­chen Bildungs­zen­trum (LBZ) Echem entwi­ckelt wurde, bietet auf jeden Fall einen Perspek­tiv­wechsel. Wer dieses futu­ris­tisch anmu­tende Gerät vor die Augen schnallt, der sieht alles aus der Sicht einer Kuh: Zwei­farbig, extrem kontrast­reich, mit einem Sicht­feld von 330 Grad, wovon aber nur ein relativ schmales Segment scharf ist und oben­drein mit einer wesent­lich lang­sa­meren Anpas­sungs­fä­hig­keit der Iris. Um all dies optisch zu simu­lieren, braucht es eine hoch­kom­plexe Soft­ware, wie Projekt­leiter Benito Weise verrät.

 

Wenn er zwischen den Kühen in den Ställen des EBZ herumstakt, dann mag es für den Betrachter fast ein biss­chen albern ausschauen, aber diese Brille gibt jedem Halter wich­tige Einblicke darin, weshalb die vermeint­lich „dumme Kuh“ gar nicht dumm ist. „Wer durch diese Brille schaut, erhält eine tieferes Verständnis für die Kuh, entwi­ckelt eine neue Empa­thie zum Tier“, unter­streicht Weise, der die Brille sowohl den land­wirt­schaft­li­chen Auszu­bil­denden in Nieder­sachsen als auch den Klau­en­pfle­gern näher­bringt.

Wer durch die Kuhbrille schaut, entwi­ckelt eine neue Empa­thie zum Tier.

Benito Weise

Dabei sei, so Weise weiter, nicht nur die anders­ar­tige visu­elle Wahr­neh­mung von Bedeu­tung, auch die Geräusch­ku­lisse im Stall spielt für das Wohl­be­finden eine heraus­ra­gende Rolle, deshalb arbeitet man in Echem auch an der Entwick­lung eines „Kuhohres“: „Gerade die Frequenzen, die der Mensch gar nicht mehr wahr­nimmt, können von den Kühen als sehr störend erlebt werden.“

Digi­tales Herden­ma­nage­ment

Auch Rein­hold Koch, Ausbilder und mitver­ant­wort­lich für das Herden­ma­nage­ment der 150 Kühe am LBZ, steht tech­ni­schen Neue­rungen grund­sätz­lich offen gegen­über. Zumal „Smart Dairy“ in seiner tägli­chen Arbeit fest veran­kert ist – ganz abge­sehen davon habe der Roboter nie schlechte Laune. Vor mehreren Bild­schirmen sitzend erklärt Koch, wie er kombi­niert mit Brunst- und Fütte­rungs­pro­grammen umgeht.

„Wenn mir der Sensor am Hals­band eine abfal­lende Kiefer­ak­ti­vität vermeldet, dann erfahren wir das schnell und können handeln“, sagt Koch. Wie viel­fältig die digi­talen Anwen­dungs­be­reiche schon heute sind, zeigen Themen wie die digital kata­lo­gi­sierte geno­mi­sche Zucht­wert­schät­zung, die elek­tri­sche Leit­wert­mes­sung der Milch oder auch die ad-hoc-Keton-Messung. Alle­samt bringen diese Tech­niken viele Daten, die für Milch­vieh­halter nicht so einfach und schnell verfügbar waren.

„Daten sind wichtig, doch sind sie nicht alles“, weiß Rein­hold Koch. „Den geschulten Blick des Land­wir­tens kann es jedoch nicht ersetzen“, so der 57-Jährige. Seine Auszu­bil­dende Kris­tina Dralle, die in einigen Jahren zusammen mit ihrem Bruder den elter­li­chen Milch­vieh­be­trieb im Land­kreis Gifhorn über­nehmen will, wider­spricht ihrem Chef an dieser Stelle nicht, betont aber unmiss­ver­ständ­lich, „Digi­ta­li­sie­rung braucht man einfach.“