KI kommt mit Macht

Wie in allen Berei­chen der Wirt­schaft nehmen KI-basierte Tech­no­lo­gien auch in der Agrar­wirt­schaft mit raschem Tempo mehr und mehr Raum ein. Fest steht schon heute: KI wird die land­wirt­schaft­liche Arbeit stark verän­dern. Trotzdem: Der Land­wirt muß der Souverän im Stall und auf dem Feld bleiben.

„Mein Vater ist begeis­tert von der Technik, von den Sensoren, von der Künst­li­chen Intel­li­genz (KI), die aus großen Bild­da­ten­mengen zuver­läs­sige Hand­lungs­an­wei­sungen liefern und die viel­leicht schon bald auch auf seinem Obst­be­trieb in nord­rhein-west­fä­li­schen Röding­hausen einge­setzt wird“, erzählt Moritz Hentzschel auf der renom­mierten Obst­bau­ver­suchs­an­stalt in Jork an der Nieder­elbe. Hentzschel selbst will den elter­li­chen Betrieb mit Beeren- und Kern­obst zwar nicht über­nehmen, doch beschäf­tigt er sich als gelernter Garten­bauer im Rahmen des Forschungs­pro­jektes Samson (Smarte Auto­ma­ti­sie­rungs­sys­teme und -services für den Obstbau an der Nieder­elbe) mit diversen, in der Praxis zwar noch nicht einge­setzten KI-Tech­niken, die aber schon in abseh­barer Zeit für den Obstbau rele­vant sein können.

Neue Forschung zu KI im Obstbau

Der 26-jährige macht einen aufge­räumten Eindruck. Ebenso wie sein Kollege David Berschauer. Er ist wissen­schaft­li­cher Mitar­beiter des Projekt­lei­tenden Fraun­hofer IFAM in Stade und studiert parallel Infor­matik im Master­stu­di­en­gang an der HAW Hamburg. Weil das Projekt so große Fort­schritte und wich­tige neue Erkennt­nisse liefert, wird es wahr­schein­lich auch über das Förde­r­ende 2025 hinaus vom Bund finan­ziert werden. „Wir sind zuver­sicht­lich, daß unsere Arbeit rund um die KI im Obstbau weiter fort­ge­setzt wird“, blickt Beschauer opti­mis­tisch in die Zukunft.

Gerne erklärt er die einge­setzte Technik: Im Kern handelt es sich dabei um eine Sensorbox, die vor der Haube eines Trak­tors montiert wird und mit dem die Forscher ihre Runden im Bestand drehen. In der Box befindet sich einer­seits ein Lidar-Sensor, der Blatt­flä­chen exakt vermißt; ande­rer­seits sind zwei RGB-Kameras im Einsatz, die mit „Stereo-Effekt“ jeweils fünf Bilder pro Sekunde schießen und eine Daten­menge von bis 400 MB pro Sekunde erzeugen. „Zuviel“, wie Berschauer einwirft, „lang­fristig ist das so noch nicht praxis­taug­lich.“ Klar, daß das Team von Samson mit dem Einsatz von Real­time Kine­ma­tisch (RTK) jede Bewe­gung der Kameras an jedem einzelnen Baum im Bestand auf ein paar Milli­meter genau orten können.

Die mobile Samson-Sensorbox wird vorne an einem Traktor instal­liert.

Alle erfassten Daten der Sensorbox können sofort mittels App über ein Smart­phone einge­sehen werden. Wie hier von Moritz Hentzschel demons­triert.

Das ist auch essen­tiell, weil das bild­ge­bende Verfahren mit der dahinter gekop­pelten Künst­li­chen Intel­li­genz diese Genau­ig­keit braucht, um am Ende verwert­bare, erkennt­nis­för­dernde Daten zu liefern. Daten, die, das sei ausdrück­lich betont, „natür­lich“ auch mit einem erfah­renen, geschulten Auge eines Obst­bauers – wenn er denn für jeden einzelnen Baum tatsäch­lich Zeit hätte – ermit­telt werden könnte: Als da wären der opti­male Ernte­zeit­punkt und darüber hinaus eine exakte Prognose, was für eine Ernte­menge zu welchen Quali­täten zu erwarten ist. Letz­teres ist eine sehr wich­tige Infor­ma­tion für die recht­zei­tige Vermark­tung der Früchte.

Wie funk­tio­niert die KI nun?

„Die ermit­telten Bild­daten geben wir in unsere Soft­ware ein, die in einem neuro­nalen System mit mehreren Millionen von Para­me­tern (Gewich­tungen) einge­speist werden. Wir trai­nieren die KI-Modelle fort­lau­fend, so daß die von der Soft­ware ermit­telten Ergeb­nisse, am Ende auch welche sind, auf die sich der Obst­bauer verlassen kann und die für ihn rele­vant sind“, erklärt David Berschauer. Und da diese Daten im Wett­be­werb immer mehr an Bedeu­tung gewinnen, wird nach spek­ta­ku­lären Fort­schritten in Sachen GPS, Auto­ma­ti­sie­rung, Robotik nun die Künst­liche Intel­li­genz auf den land­wirt­schaft­li­chen Betrieb einziehen. Mit hohem Tempo, mit voller Macht. Die Chancen sind groß, die Begeis­te­rung manchmal noch größer. Ebenso gibt es aber auch große Skepsis gegen­über einer Entwick­lung, die ohne Zweifel revo­lu­tio­näres Poten­zial in sich trägt und die die Arbeit auf den land­wirt­schaft­li­chen Betrieben nach­haltig verän­dern wird.

Die Sensorbox ist mit diversen Sensoren und zwei RGB-Foto­ka­meras ausge­stattet.
Die App auf dem Smart­phone zeigt Auswer­tungen der gewon­nenen Daten an.

Aber zurück zu Samson und dem Obstbau: Die Daten­er­fas­sung via Sensoren ist die eine Seite der Medaille. Die Daten sinn­voll zu verar­beiten, die andere, ebenso wich­tige Seite. Dies muß trai­niert werden. Dabei macht das Trai­ning derzeit rasante Fort­schritte, sodass schließ­lich am Ende für jeden Baum eine indi­vi­du­elle pflan­zen­bau­liche Betreuung möglich ist. Was der Mensch trotz größter Anstren­gung nicht leisten kann, es fehlt ihm einfach die Zeit, gelingt durch „Rechen­leis­tung“ der Hard­ware. So öffnet sich mithilfe von KI am Ende die Spritz­düse für mannig­fal­tigen Pflan­zen­schutz oder es wird Frost­schutz nur dann ange­wandt, wenn es wirk­lich nötig ist. Das spart und schont die Umwelt. Beispiel Frost­schutz: Bisher wird in vielen Apfel­plan­tagen bei befürch­teten Nacht­frösten mit Wasser beregnet, um drohenden Schaden abzu­wenden. Oft auch dann, wenn die Tempe­ra­turen unter Null Grad Celsius zwar ange­kün­digt, aber am Ende gar nicht auf das gefähr­liche Frost­ni­veau fallen. Dadurch entstehen viele Kosten (pro Stunde Frost­schutz werden 40.000 Liter/ha einge­setzt), die eine KI, gespeist durch viele Wetter­daten und zusätz­liche Daten über die Kultur­pflanzen, auf das Nötigste redu­ziert.

Dennoch: Auch die KI hat ihren Preis. Sie kostet in der Entwick­lung, Instal­la­tion und verbraucht Energie. Sie muss sich daher rechnen, will sie einge­setzt werden, obgleich junge Forscher wie Berschauer und sein Kollege Frede­rick Blome sagen, mit KI sind Ertrags­stei­ge­rungen von 20 bis 30 Prozent zu erwarten. So lange der Obst­bauer der Souverän des Gesche­hens bleibt und die KI-Anwen­dung „easy bedienbar“ ist, hat Berschauer keine Bedenken, „die Gefahren sind klar bere­chenbar“.

Unkrau­ter­ken­nung leicht gemacht

Samson im Obstbau ist wie Sam-Dimen­sion (Smart Arial Mapping) im Ackerbau: Im sonnen­be­seelten Juni, morgens um acht Uhr, zieht ein Schlepper von John Deere eine Feld­spritze im schleswig-holstei­ni­schen Armstedt durch ein Zwie­bel­feld. Es sind rote und weiße Zwie­beln auf einem 15 Hektar großen Schlag, die Tjark Hart­mann-Paulsen vom Hof Hasen­krug für die Einzel­han­dels­kette Edeka anbaut. Die Szene ist an sich wenig sensa­tio­nell. Doch das täuscht. Denn beim Pflan­zen­schutz, durch­ge­führt vom Lohn­un­ter­nehmer Scheel aus Sarl­husen, kommt ein KI-basiertes System des Stutt­garter Start-ups SAM-DIMENSION GmbH zum Einsatz.

Land­wirt Tjark Hart­mann-Paulsen und Droh­nen­pilot Jannik Robrahn vom Lohn­un­ter­nehmen Scheel Sarl­husen mit einer Drohne von SAM Dimen­sion.

SAM Dimen­sion liefert eine Appli­ka­ti­ons­karte mittels KI ausge­wer­teten Droh­nen­bil­dern, die mit Hilfe des GPS am Schlepper und der Feld­spritze zur punk­tu­ellen Unkraut­be­kämp­fung einge­setzt wird.

Die SAM Dimen­sion Karte mit den loka­li­sierten Unkraut­stellen wird in das Opera­tions Center von John Deere per USB-Stick einge­lesen.

Schon vorher ist das gesamte Zwie­bel­feld von einer Drohne abge­flogen worden, die mit einer Kamera das ganze Gelände en detail bild­lich erfaßt hat. Das gene­rierte Bild­da­ten­paket hat ein Volumen von mehreren hundert GB, das bereits auf dem Feld vorpro­zes­siert und dann an den Sam-Zentral­com­puter verschickt wird. Auf diesem Zentral­com­puter arbeitet sich eine KI-basierte Soft­ware durch die Bilder­flut und iden­ti­fi­ziert Unkraut und Ungräser in super­schnellem Tempo. Am Ende gene­riert die KI-basierte Soft­ware eine Feld­karte mit kleinem Daten­vo­lumen, die an das Lohn­un­ter­nehmen Scheel zurück­ge­schickt und dann an Bord von Traktor bzw. Spritz­technik einge­lesen wird.

Wo ich früher über die ganze Fläche die gleiche Spritz­menge ausge­fahren habe, ist es mit diesem System tatsäch­lich nur noch etwa ein Fünftel.

Tjark Hart­mann-Paulsen, Land­wirt

Diese Feld­karte gibt exakt vor, wo es auf dem Zwie­bel­schlag Unkräuter gibt und wo eben nicht. Die SAM-Appli­ka­ti­ons­karte ermög­licht zusammen mit dem GPS-System von John Deere und einer Feld­spritze mit Puls­wei­ten­mo­du­la­tion eine punk­tu­elle, hoch­ge­naue und gezielte Sprit­zung. Das spart Spritz­mittel. „Wo ich früher über die ganze Fläche die gleiche Spritz­menge ausge­fahren habe, ist es mit diesem System tatsäch­lich nur noch etwa ein Fünftel, einfach weil an vielen Stellen kein Unkraut­druck besteht und mir die KI-basierte Sam-Tech­no­logie dies mitteilt“, so Land­wirt Tjark Hart­mann-Paulsen.

Die Drohne bewegt sich in unge­fähr 60 Meter Höhe, macht sechs Bilder pro Sekunde und braucht für 15 Hektar unge­fähr 15 Minuten Flug­zeit.

Die Drohne, die vorher den Zwie­be­la­cker über­flogen hat, bewegt sich dabei in unge­fähr 60 Meter Höhe, macht sechs Bilder pro Sekunde, braucht für die 15 Hektar unge­fähr 15 Minuten Flug­zeit; anschlie­ßend werden die gesam­melten Bild-Daten an SAM-DIMENSION geschickt. Lohn­un­ter­nehmer Jan Marten Scheel ist der erste in Nord­deutsch­land, der Drohne und KI-basierte Daten­er­mitt­lung einsetzt. Für den 26-Jährigen ist das alles noch ganz frisch, aber er ist von SAM und KI-Systemen über­zeugt. Das sei die Zukunft. „Dafür habe ich einen höheren fünf­stel­ligen Betrag inves­tiert“, sagt der inno­va­ti­ons­freu­dige Lohn­un­ter­nehmer, „darin enthalten sind die Drohne als Träger­platt­form für die Sam-Cam AI Kartie­rungs­ka­mera, des Weiteren die komplette Soft­ware zur Nutzung des SAM Dimen­sion Systems und die Daten­ver­ar­bei­tung zur Karten­her­stel­lung.“ Scheel berechnet den Land­wirten für seinen Extra-Service nach Hektar und Pflan­zenart – im Fall der Zwie­beln 35 Euro. Lächelnd fügt er hinzu: „Win-win für alle“.

Lohn­un­ter­nehmer Jan Marten Scheel setzt das KI basierte SAM Dimen­sion System zur Unkraut­be­kämp­fung auf einem Feld mit Zwie­beln ein.

Kamille im Zwie­bel­feld: Dieses Unkraut wird von der Drohne erfasst und in die Appli­ka­ti­ons­karte zur punk­tu­ellen Behand­lung aufge­nommen.

Und wie geht es mit KI in der Land­wirt­schaft weiter?

Wie und wo sich die KI letzt­lich etablieren wird, ist noch nicht genau abzu­sehen. Ob sie die Arbeit auf den Höfen erleich­tert, verbes­sert oder eher doch verkom­pli­ziert? Dazu hat Lea Fließ, Geschäfts­füh­rerin vom Forum Land­wirt­schaft (FML), einem Zusam­men­schluß von über 60 Mitglie­dern aus der Agrar­branche, eine klar-posi­tive Posi­tion: „Ob Künst­liche Intel­li­genz Fluch oder Segen für die Land­wirt­schaft wird, entscheidet sich an der Art, wie wir sie nutzen. Wenn sie gemeinsam mit Land­wir­tinnen und Land­wirten entwi­ckelt wird – und im Dialog mit der Gesell­schaft – kann sie ihr Poten­zial voll entfalten. Denn nur wenn Menschen verstehen, wie KI auf dem Acker wirkt und welchen Beitrag sie zu Umwelt, Tier­wohl und Ernäh­rung leistet, kann Vertrauen wachsen. Richtig einge­setzt, spart sie Zeit, redu­ziert Betriebs­mittel und eröffnet neue Spiel­räume für Nach­hal­tig­keit. Damit das gelingt, braucht es Gestal­tung: praxisnah, verant­wor­tungs­voll und mit poli­ti­schem Rück­halt.“