Erzeu­gern eine Stimme geben

Die fran­zö­si­sche Platt­form Agri­de­main will die Arbeit der Land­wirt­schaft einer breiten Öffent­lich­keit näher­bringen – fernab von Klischees und unter Einbe­zie­hung der ganzen Band­breite von Produk­ti­ons­me­thoden.

In Frank­reich bedarf Agri­de­main keiner großen Vorstel­lung. Ob mit dem Verbands­logo auf den T-Shirts seiner Botschafter im Fern­sehen oder auf YouTube, mit seinem großen Stand auf dem Salon de l’Agriculture oder seiner Präsenz bei Ernte­dank­festen – Agri­de­main setzt den Kommu­ni­ka­ti­ons­auf­trag seiner Vorgän­ger­or­ga­ni­sa­tion Farre (Forum des agri­cul­teurs respons­ables respec­tueux de l’environnement) in erwei­terter Form fort.

„Nach unserer Einschät­zung wurde in Frank­reich nur noch in Bran­chen­kreisen über das Thema Land­wirt­schaft geredet“, so Gilles Maré­chal, Direktor von Agri­de­main. „Was fehlte, war eine in die Breite der Gesell­schaft hinein­wir­kende Erzäh­lung über die Land­wirt­schaft und ihre Entwick­lungen. “

Schu­lung für eine bessere Kommu­ni­ka­tion

Wer kann besser über die verschie­denen Anfor­de­rungen und Berufs­bilder spre­chen als die Land­wirte selbst? Aus dieser Über­zeu­gung heraus entstand die Idee, über das ganze Land hinweg ein Netz von 300 Land­wirten zu knüpfen, die als Kommu­ni­ka­toren der breiten Öffent­lich­keit die alltäg­liche Realität ihrer beruf­li­chen Praxis näher­bringen sollen. „Ein Botschafter ist in erster Linie jemand, der Lust hat, sich mitzu­teilen, und dabei ein Grund­ge­rüst an Werten respek­tiert“, erläu­tert Gilles Maré­chal.

Aurore Pail­lard auf ihrem Safran­feld (600 m²). Diese zeit­in­ten­sive Fruchtart ermög­licht ihr einen direkten Kontakt zu den Verbrau­chern.
Besu­cher­gruppe auf einem Obst- und Gemü­se­bau­be­trieb während der „Natio­nalen Tage der Land­wirt­schaft“ (Jour­nées Natio­nales de l’Agriculture).

Land­wirte, die sich enga­gieren, profi­tieren auch persön­lich von Schu­lungen: Soziale Netz­werke, Medi­en­trai­ning, Kommu­ni­ka­ti­ons­fer­tig­keiten … Aurore Pail­lard, die seit 2016 in Gergy (Saône-et-Loire) einen 130 ha Ackerbau betreibt, ist über die „Jeunes Agri­cul­teurs“ (JA, Jung­land­wirte), bei denen sie sich bereits für die Förde­rung ihres Berufs­stands einge­setzt hatte, auf den Verein aufmerksam geworden. Seit 2022 arbeitet sie als Botschaf­terin. Agri­de­main hat ihr geholfen, ihre rheto­ri­schen Fähig­keiten weiter­zu­ent­wi­ckeln.

„Ein Opern­sänger hat uns gezeigt, wie wir mit Hilfe unserer Stimme und gezielter Beto­nung unsere Gesprächs­partner fesseln können“, erzählt sie. In den Schu­lungen geht es auch um die rich­tige Wort­wahl und um den Umgang mit Stress. „Vor einem Publikum, das nicht vom Fach ist, sind Fach­be­griffe unan­ge­bracht. Und gesti­ku­lieren ist auch nicht hilf­reich! Einer Person, die sich zu viel bewegt, kann man nur schwer folgen“, erzählt sie. Beson­ders hilf­reich fand Sie die bereits bei den JA begon­nenen Schu­lungen „zum Umgang mit der Angst, vor einer großen Menschen­menge spre­chen zu müssen“.

Besu­cher­gruppe bei der Besich­ti­gung eines Milch­vieh­be­triebs.

Einfa­cher Austausch durch kurze Wege

Bei diesem Schu­lungs­pro­gramm geht es nicht darum, Redner oder Spezia­listen für Pres­se­ar­beit auszu­bilden, die dann im Radio und in den Fern­seh­nach­richten auftreten können. Viel­mehr sollen die Botschafter vor Ort präsent sein und mit der Bevöl­ke­rung in Kontakt treten. „Das Image der Land­wirt­schaft lässt sich nicht von oben verordnen“, erklärt Gilles Maré­chal. „Für die Verbes­se­rung bedarf es echter Basis­ar­beit bei der Bevöl­ke­rung.“

Aurore Pail­lard teilt diese Aussage unein­ge­schränkt. Sie hat ihre Produk­ti­ons­weise ange­passt, um eine direkte Verbin­dung zu den Verbrau­chern aufnehmen zu können. „Früher lieferte ich all unser Erzeug­nisse an eine Genos­sen­schaft. So hatte ich keinen Kontakt zur Öffent­lich­keit“, erin­nert sie sich. Daher entschied sie sich 2020 dazu, 30.000 Safranzwie­beln anzu­pflanzen. 

„An einem Tag fahre ich einen Traktor mit einer 24 m breiten Feld­spritze, am nächsten Tag ernte ich den Safran von Hand.“ Der Safran wird vor Ort verar­beitet und an Gastro­nomen und auf Märkten verkauft. So hat sie nun Gele­gen­heit, mit anderen ins Gespräch zu kommen. „Zuerst geht es immer um die Frage, wie der Safran in der Küche einge­setzt wird, und wie ich ihn anbaue – oft werde ich auch gefragt, welche Erzeug­nisse ich außerdem im Angebot habe und wie ich arbeite“, erzählt Aurore Pail­lard.

Dialog und Blick über den Teller­rand

Aurore Pail­lard hält das Thema Ernäh­rung für den besten Einstiegs­punkt in eine Diskus­sion mit Verbrau­chern. Dies macht sich Agri­de­main bei konkreten Aktionen wie der Agri­de­main-Tour zunutze. „Wir reisen – ähnlich wie ein Wander­zirkus – mit einem Aufnah­me­studio, welches in einem Food­truck unter­ge­bracht ist, durchs Land und laden Einwohner und lokalen Poli­tiker ein“, erzählt Gilles Maré­chal.

In den Arènes de Lutèce in Paris bot das Agrar­for­schungs­in­stitut INRAE ein Escape Game zum Thema „Land­wirt­schaft besser verstehen, um besser zu konsu­mieren“ an.

Das Konzept erwies sich als Voll­treffer, und so entstand die Idee, es auf der Land­wirt­schafts­messe mit dem „Table d’hôte“ (Einheits­menü zum Pauschal­preis) zu wieder­holen. Auf 100 m2 isst ein gutes Dutzend Besu­cher mit Land­wirten zu Mittag. Das Essen wird von einem Koch aus den Erzeug­nissen der Land­wirte zube­reitet. „So entwi­ckelt sich ein Dialog zwischen Land­wirten, Koch und Besu­chern. Die Besu­cher verstehen dann, dass hinter jedem Essen nicht nur ein Koch, sondern auch ein Erzeuger steht.“

Frank­reich feiert die Land­wirt­schaft

Als 2020 das Thema Ernäh­rungs­si­cher­heit in den Mittel­punkt der Debatten rückte, schlug Agri­de­main dem fran­zö­si­schen Staats­prä­si­denten in einem offenen Brief die Einrich­tung eines natio­nalen Tags der Land­wirt­schaft vor. Die 5. Veran­stal­tung im Juni 2025 lockte mehr als 220.000 Besu­cher auf fast 2.000 Veran­stal­tungen. „Wir wollen zeigen, dass es nicht nur eine Lösung gibt, sondern dass die Viel­falt der Land­wirt­schaft und der Lebens­mit­tel­branche außer­or­dent­liche Vorteile für unser Land darstellen“, unter­streicht Gilles Maré­chal.

Aurore Pail­lard nahm in diesem Jahr an der Veran­stal­tung auf dem Gelände der Arènes de Lutèce in Paris teil, wo sich Vertreter aus allen Erzeu­gungs- und Vermark­tungs­stufen – vom Saat­gut­zucht bis zu den großen Einzel­han­dels­ketten – der Öffent­lich­keit vorstellten. Auf dem Programm standen unter anderem Koch­work­shops und Vorträge über Ernäh­rung. Sie zieht eine posi­tive Bilanz aus den Gesprä­chen. „Der Blick auf die Land­wirt­schaft hat sich verän­dert. Seit der Pandemie und den großen öffent­li­chen Veran­stal­tungen zeigen die Leute mehr Inter­esse. Sie haben bemerkt, dass wir in den Regionen präsent waren. “ 

Dennoch haben viele Bürger noch keine „klare Meinung“ über die Land­wirt­schaft – eine Situa­tion, die ihrer Meinung nach Raum für Dialog bietet. „Wenn wir nicht über uns spre­chen, dann werden es andere tun – und nicht unbe­dingt zu unserm Vorteil“, warnt sie. Wenig über­ra­schend ist der Pflan­zen­schutz ein häufiges Thema in den Gesprä­chen. „Manche glaube, dass wir Pflan­zen­schutz­mittel zum Spaß ausbringen. Ich mag es, mit diesen Klischees zu brechen, und die sach­li­chen Zusam­men­hänge und unsere Moti­va­tion dahinter zu erklären.“

Junge Verbrau­cher aufklären

Diese 5. Veran­stal­tung der Natio­nalen Land­wirt­schafts­tage stand unter dem Motto „Land­wirt­schaft besser verstehen und Nahrungs­mittel besser konsu­mieren“. „Dazu haben wir im vergan­genen Jahr eine Diskus­sion über unsere Netz­werke gestartet“, erläu­tert Gilles Maré­chal. „Eine häufig gestellte Frage lautetet: Wie erzieht man Kinder zu einer besseren Ernäh­rung? Insge­samt gab es etwas 800 Vorschläge, wie beispiels­weise Besuche von Schul­klassen bei Land­wirten, eine Mobi­li­sie­rung des Bildungs­mi­nis­te­riums und Auftritte von Erzeu­gern in Schulen, um die Verbin­dung zum Ursprung unserer Lebens­mittel wieder­her­zu­stellen. “

Über die Frau­en­kom­mis­sion des Depar­te­ments hat Aurore Pail­lard bereits zwei Schul­klassen durch ihrem Betrieb geführt. Außerdem tritt sie in Schulen mit dem Verein Demain je serai paysan (Morgen werde ich Bauer) auf. „Mir gefällt beson­ders der Austausch mit den Kindern“, sagt sie. Dies deckt sich mit den Erfah­rungen bei den Natio­nalen Land­wirt­schafts­tagen in Paris: „Die Kinder haben spontan ein posi­tives Bild von der Land­wirt­schaft. Und sie wollen wissen, wo ihr Essen herkommt. Dies führt auch zu Gesprä­chen mit ihren Eltern, die manchmal genauso wenig wissen wie sie. “ 

Agri­de­main in Kürze 

Die Platt­form agri­de­main wurde 2016 gegrün­dete. Sie ist eine gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tion mit der Aufgabe, die Kommu­ni­ka­tion mit der breiten Öffent­lich­keit zu profes­sio­na­li­sieren und zu festigen. Sie fungiert als gemein­same Marke für die unter ihrem Dach versam­melten Berufs­or­ga­ni­sa­tionen (u. a. FNSEA, Jeunes Agri­cul­teurs, Land­wirt­schafts­kam­mern, Crédit Agri­cole, Mutualia, APAD, Phyteis, AXEMA, ADIVALOR, AGPB, SEMAE und Terra Vitis).

Agri­de­main arbeitet mit verschie­denen Formaten: den Natio­nalen Tage der Land­wirt­schaft, die Agri­de­main­Tour (Tour der fran­zö­si­schen Land­wirt­schaften), Ernte­dank­feste, Kollo­quien, das Programm „Hinter meinem Teller“ oder auch „RDV en ferme inconnue“.