Blau ist etwas ganz Besonderes. Der französische Maler Yves Klein wurde weltberühmt mit seinem monochromen Blau, wie beim wandhohen Relief im Musiktheater in Gelsenkirchen. Aber nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Welt der Lebensmittel nimmt die Farbe eine spezielle Rolle ein. So sind blaufarbige Lebensmittel klar in der Minderheit. Insofern war die Sonderedition eines blauen Bären zum runden Geburtstag eines bekannten Fruchtgummiherstellers ein echter Hingucker.
Statt dem synthetischen Lebensmittelfarbstoff Brillantblau FCF (E133) ist für den besagten blauen Bären der Farbstoff Phycocyanin aus einer Mikroalge verwandt worden. Genauer gesagt aus Spirulina, die seit vielen Jahren auch in Deutschland kultiviert wird. Es gibt sogar eine Algengenossenschaft, deren Mitgliedsbetriebe mit der Anlagentechnik der Firma Novagreen Spirulina züchtet. Darunter unter anderem frühere Schweinehalter, die mit der Mikroalge versuchen, eine neue Produktion zu etablieren.
„Neuland“ mit Spirulina
Trotz aller Vorschusslorbeeren ist die Spirulinaerzeugung hierzulande ein nach wie vor schwieriges Unterfangen. Das weiß auch Jan Dohrmann. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Firma Aquamondis, die auf dem GreenTec Campus im nordfriesischen Enge-Sande auf dem Dach eines Rechenzentrums eine Demonstrationsanlage zur Erzeugung von Spirulina betreibt. Offenherzig gibt er Einblicke ins Anlagenkonzept. Während Parterre die Server des Rechenzentrums heiß laufen und Wärme erzeugen, wird diese direkt in den ersten Stock geleitet, wo sie in einem flachen und überdachten Becken eine Spirulina-Kultur in einem extrem alkalischen Wassermedium beheizt.


Letztlich klimaneutral, denn das Rechenzentrum wird konsequenterweise mit erneuerbaren Energien (Wind, Sonne, Biogas) aus der nordfriesischen Region gespeist. Und dessen Abwärme im Sinne des Kreislaufgedankens genutzt wird, um Eiweiß und Farbstoffe gedeihen zu lassen. Für Dohrman steht die Spirulina für eine neue Generation von Nahrungsmitteln, die eine dreifachen Effekt vorweisen können: Sie erfordert kein (überall knapper werdendes) Ackerland, sie ist gänzlich unabhängig von fossilen Energien und obendrein souverän gegenüber knapper werdenden Wasserressourcen. Zudem: Spirulina soll bei der Protein-Produktion pro Hektar Fläche angeblich 100-mal effizienter sein als die Rinderhaltung.
An diesem kühlen Tag im Vorfrühling wachsen die Mikroalgen in Enge-Sande allerdings nicht, weil die Außentemperaturen einfach zu niedrig sind. So sind die klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa tatsächlich ein begrenzender Faktor für den Metabolismus. „An mitteleuropäischen Standorten können wir maximal eine schwarze Null schreiben“, konstatiert Jan Dohrmann. Deshalb will er zukünftig die Produktion auf die Kapverden verlegen.

An mitteleuropäischen Standorten können wir maximal eine schwarze Null schreiben.
Jan Dohrmann, Aquamondis
Höherer Output in Äquator-Nähe
Ein mutiger Kraftakt, der hohe Investitionen erfordert. Dohrmann hält diesen Schritt aber für notwendig, weil die kapverdischen Inseln ideale Voraussetzungen bieten: Die Sonneneinstrahlung ist doppelt so hoch wie in hiesigen Breiten und garantiert damit im Gegensatz zu deutschen Standorten mit 125 Tagen vielversprechende 365 Produktionstage. Statt 15 Tonnen pro Hektar könne auf den Kapverden bis zu 60 Tonnen pro Hektar geerntet werden. Außerdem gibt es Strom aus PV und Windenergie auf den kreolischen Inseln vor Westafrika reichlich; überdies gibt es dort konstant durchschnittlich 24 Grad Celsius warmes Meerwasser, das in Entsalzungsanlagen aufbereitet ein nachhaltiges Wassermanagement ermögliche. Weiterhin bieten bereits existierende Glasfaserinfrastrukturen alle Optionen digital-automatisierter Prozesssteuerungen bei der Spirulina-Produktion. Das Vorhaben von Aquamondis weckt auch die Aufmerksamkeit der Wissenschaft. So arbeitet die Körber Technologies GmbH bereits an weiteren Optimierungen der Spirulina-Produktion mit Hilfe von KI-Algorithmen.
Unabhängig der unternehmerischen Herausforderungen verweist Dohrmann auf die weltweit wachsenden Märkte von Spirulina. Während im Jahr 2022 laut Statistiken 436 Millionen Euro Umsatz erzielt wurden, gehen Prognosen davon, dass diese Zahl schon am Ende der jetzigen Dekade auf über eine Milliarde steigen werde. Die Gesamtnachfrage nimmt also zu, die Nachfrage nach nicht tierischen Eiweißen ebenfalls.

Während noch offen ist, wie es mit den spannenden Intentionen von Aquamondis weitergehen wird, ist die Firma oceanBASIS GmbH bereits im Markt fest etabliert. Rund 20 Mitarbeiter zählt das Unternehmen aus Kiel, das aus Makro-Algen eine ganze Palette von Naturkosmetika unter dem Markennamen Oceanwell herstellt. Inez Linke ist Mitbegründerin und Mitinhaberin der innovativen Firma. Die promovierte Meeresbiologin und ihre Kolleginnen beschäftigen sich seit den 2000er Jahren intensiv mit diversen Ansätzen, um eine nachhaltige Nutzung an und im Küstenmeer für entweder Ernährung und Gesundheit oder als nachwachsende Rohstoffe für die Verarbeitung in verschieden industriellen Bereichen voranzubringen.
Meere als Quelle nachhaltiger Produkte
Nach vielen Experimenten und Forschungsprojekten, wie beispielsweise eine Algenzucht in der Kieler Förde, sind Linke und ihr Team schließlich bei der Extraktion von wertvollen Inhaltsstoffen aus Makroalgen für Kosmetika (Hautcremes etc.) gelandet. „Ein Kilogramm Alge enthält die Spurenelemente von 10.000 Liter Meerwasser“, hebt Linke hervor. Wichtige Stoffe wie Jod, Selen oder B12 – um nur einige zu nennen. „Im Gegensatz zu Landpflanzen nehmen die Makroalgen diese Spurenelemente eben nicht über Wurzeln auf, sondern ausschließlich über ihre Blätter, deshalb ist die biologische Konzentration so hoch“, erklärt Linke. Dabei liegt in der selbstentwickelten Technik zur Fermentation von Algenextrakten mittels spezieller Hefekulturen wohl der eigene Schlüssel für den langfristigen Erfolg der oceanBASIS GmbH, die sich im Übrigen selbst in der Verantwortung sieht: Aus dem Verkauf eines jeden Oceanwell-Produkts gehen pauschal zehn Cent in den Meeresschutz.

Ein Kilogramm Alge enthält die Spurenelemente von 10.000 Liter Meerwasser.
Inez Linke, oceanBASIS GmbH
Dies schmälert die eigenen Ansprüche jedoch nicht: „Wir wollen zu den fünf bekanntesten Naturkosmetikmarken in Deutschland werden“, sagt Linke. Obschon am Firmensitz direkt an der Kieler Förde die Ostsee zu riechen ist, bezieht das Unternehmen seinen Rohstoff von einer Algenfarm aus Norwegen. Wieso? Ganz einfach: Zum einen sind die Norweger führend in der marinen Aquakultur und zum anderen mag die von der oceanBASIS GmbH präferierte Alge – ganz anders als die Spirulina – kalte Wassertemperaturen. Im kühlen Wasser, welches es vor Norwegen noch gibt, wächst sie einfach schneller.
Balance zwischen großen Potenzialen und deren Nutzung
Obwohl man als Unternehmen wachsen möchte, ist für Linke und ihr Team die nachhaltige Nutzung im Meer die Basis allen Tuns. „Wir dürfen aus dem Meer nicht mehr entnehmen, als es hergibt“, mahnt Chefin Inez Linke. „So unterstützen wir mit unserer Initiative ‘Protect the Ocean‘ aktiv Meeresschutzprojekte wie unter anderem die Betreuung gefährdeter Meeresschildkröten auf den Kapverden oder die Bergung von Geisternetzen in der Ostsee.“
Dabei sind die nachhaltigen Potenziale, die das Meer offeriert, noch längst nicht ausgeschöpft. Im Zuge des Ausbaus der Offshore-Windenergie sehen manche Pioniere der Algenwirtschaft große Chancen. Dann nämlich, wenn in den Offshore-Windparks etwaige Algenzuchten etabliert werden könnten, die die Fundamentstrukturen sinnvoll nutzen. Zumal Algen – es gibt schätzungsweise über 400.000 Arten (!) – sogar als „blaue Apotheke“ für die globale Medizin interessant sind: Zwar können auch marine Wirkstoffe nicht das „Blaue vom Himmel“ vom Himmel versprechen, aber sie lassen spannende Alternativen in der Behandlung von Krankheiten erwarten – dank beispielsweise antitumoraler Inhaltsstoffe. Bis es aber in der Praxis so weit ist, bedarf es allerdings noch großer Anstrengungen in Forschung und Entwicklung. Fest steht schon heute: Der Algen-Metabolismus inspiriert in unsicheren Zeiten an Land mehr und mehr Pioniere. So wie einst die Kunst von Yves Klein.