Rooibos: Gesund, begehrt und begrenzt verfügbar

Rooibos-Tee erlebt welt­weit seit Jahren eine stei­gende Nach­frage. Dabei wächst er nur in einem kleinen Natur­raum, wodurch die Produk­tion „natür­lich“ begrenzt wird.

Schon gegen 9 Uhr morgens fängt die Sonne in den Zeder­bergen an zu brennen. Deshalb beginnt die Ernte der Rooibos-Büsche in der semia­riden südafri­ka­ni­schen Provinz Westkap schon in den frühen Morgen­stunden, kurz vor Sonnen­auf­gang. Rund 150 Ernte­ar­beiter schwärmen dann auf der Khoisan Tea Farm der Familie Slab­bert aus, um den Rooibos zu schneiden.

Es ist schwere Hand­ar­beit. Mit Sicheln gehen die Saison­kräfte, viele von Ihnen kommen aus dem Nach­bar­land Soweto, den dünnen Zweigen mit den kleinen nadel­ar­tigen Blät­tern des rauten­artig wach­senden Busches zu Leibe. Die abge­trennten Enden mit einer Länge von etwa einem halben Meter häufen die Arbeiter dann zu 25 kg Bündel zusammen, die für den Trans­port noch mit einem Gewebe umschlungen werden.

Saison­ar­beiter tragen Frisch­ge­erntes in Bündel zu Sammel­stellen.

Ernten, Schneiden, Fermen­tieren

Ein paar Stunden später landet das frisch Geern­tete auf dem Hof. Überall brummt es, Anfang März ist Peak-Season. Die grünen Zweige des „Aspa­la­thus Linearis“ werden in Maschinen hinein­ge­schoben, die den Tee mit rotie­renden Messern in kurze Enden stückeln. Die Arbeiter fahren das Kurz­ge­schnit­tene auf den großen Hofplatz, wo es in kleinen Mieten aufge­reiht ausge­fahren wird. Etwas später wird der Rohstoff für den welt­weit beliebten Tee behutsam mit Wasser benetzt. Um die Fermen­ta­tion unter freier Sonne weiter anzu­regen, fahren Trak­toren mehr­mals über das frische Strauch- und Blattgut.

Anschlie­ßend wird das Grün sorg­fältig auf der Frei­fläche verteilt. Nach nur einer Nacht und ein paar Stunden am folgenden Tag nimmt der werdende Tee seine typi­sche rost­rote Farbe, Nomen est omen, an.  Direkt danach geht es in die weitere Verar­bei­tung vor Ort. Um die Qualität zu errei­chen, wie sie der Konsu­ment in den euro­päi­schen, japa­ni­schen oder nord­ame­ri­ka­ni­schen Verkaufs­re­galen kennt, muss der Tee in den Verar­bei­tungs­hallen noch aufwändig gesiebt und gerei­nigt werden. Zudem klas­si­fi­zieren erfah­rene Exper­tinnen die einzelnen Chargen fein nach Aromen und sortieren sie penibel in Größen (Long Cut, Supe­rior, Fine Cut oder Classic).

Der frisch geern­tete und danach kurz geschnit­tene Rooibos wird mit Wasser für wenige Stunden unter südafri­ka­ni­scher Sonne zur Fermen­ta­tion ausge­breitet.

„Wir sind ganz schön unter Dampf!“ Marten Slab­bert findet in seinem klima­ti­sierten Büro deut­liche Worte während der dies­jäh­rigen Rooi­bos­ernte. Zusammen mit seiner Schwester Maristha Schloms leitet er die Khoisan Tea Farm, die rund 4.000 ha zählt. Neben 80 Voll­zeit­kräften arbeiten je nach Bedarf weitere 40 bis 60 Saison­kräfte auf der Farm. Rund 2.000 ha sind poten­ziell für den Rooibos verfügbar, aktuell werden jedoch nur 1.000 ha bewirt­schaftet. Neben der Teepro­duk­tion spielt die Orange auf einer intensiv bewäs­serten Fläche von 70 ha eine große Rolle, man will die Plan­tage sogar auf 150 ha ausweiten.

Wir sind ganz schön unter Dampf.

Marten Slab­bert

Pro Hektar müssen dafür 12.000 € inves­tiert werden. Die Arbeits­kräfte seien aber knapp, die Löhne steigen, die Ener­gie­kosten schießen nach oben und über­dies mache der Klima­wandel dem Rooibos inzwi­schen ziem­lich zu schaffen. „Ich war anfäng­lich doch sehr skep­tisch gegen­über den Warnungen zum Klima­wandel, aller­dings habe ich aus den Erfah­rungen der letzten fünf Jahre meine Meinung ändern müssen“, räumt Slab­bert ein. „Wir haben hier so viele Tage mit mehr als 45° C als im Vergleich zu früher. Zudem ist in den letzten Jahren nur noch die Hälfte der sonst übli­chen Regen­menge gefallen. Jähr­lich nur noch etwa 250 mm. Außer einem einzigen kleinen Regen­schauer haben wir seit August 2025 keinen einzigen Tropfen mehr bekommen“, konsta­tiert der 41-jährige Farmer ernüch­tert.

Folgen des Klima­wan­dels

Der mangelnde Regen schadet dem Rooibos sichtbar. Wer durch die Täler rund um die schmucke Klein­stadt Clan­wil­liam fährt, einge­rahmt durch bizarr-archai­sche Berg­for­ma­tionen, der sieht auf den sandigen Rooibos-Plan­tagen immer wieder Büsche, die verdorrt sind. Tatsäch­lich wachsen derzeit viele Exem­plare kümmer­lich, errei­chen nicht ihre gewöhn­liche Wuchs­höhe von etwa 1,5 m. In guten Jahren ernten die Teefarmer rund eine halbe Tonne pro Hektar, in diesem Jahr liegt das Maximum schon oft bei 350 kg. Zudem fürchtet Slab­bert, dass manche Pflanzen den Ernte­schnitt einen halben Meter über dem Wurzel­stock nicht über­leben und nach der Ernte eingehen werden.  Spannte sich die Lebens­dauer der Rooibos-Pflan­zungen früher über elf, zwölf Ernten, sind es heute ledig­lich nur drei oder vier Ernten. 

Dennoch: Trotz der Widrig­keiten geraten das Rooibos-Busi­ness und die Anbauer in der Region nicht in Panik. Obgleich in diesem Jahr die Ernte­menge wohl nicht über 13.000 t hinaus­geht und damit um rund 10.000 t unter­halb des eins­tigen Rekords aus dem Jahr 2021 liegt, erfreut sich der südafri­ka­ni­sche Rotbusch nach wie vor hoher Beliebt­heit und Nach­frage – in Südafrika, wie welt­weit. Kein Wunder, ist doch der Rooibos, der zur Familie der Legu­mi­nosen gehört, in der viel­fäl­tigen Welt des Tees ein Unikum der beson­deren Art: Nur hier in den sandig-stei­nigen und trockenen Tälern mit seiner einzig­ar­tigen Botanik ist der Rooibos zu Hause: Er gehört zur ende­mi­schen Pflan­zen­so­zio­logie dieser Region. 

Schon die Urein­wohner dieser bis heute sehr dünn besie­delten bergigen Gegend, die Khoi und San, kannten die Vorteile dieser gelb­blü­henden, eher unschein­baren Büsche. Enthält doch der Rooibos kein Koffein! Wenig Tannine, aber dafür wert­volle Flavo­noide, Poly­phe­nole und Mine­ral­stoffe wie Natrium und Kalium. Dem Tee werden daher allge­mein heilende Kräfte zuge­schrieben. 

Die Nach­frage nach Rooibos-Tee ist in den vergan­genen Jahr­zehnten stark gestiegen.

Die grüne Vari­ante wird immer beliebter

Aller­dings hatte der aus den Zweigen und zarten Blät­tern gewon­nene Tee noch während der dunklen Zeit der Apart­heid nicht annä­hernd die Bedeu­tung wie heute. Einen großen Schub nach vorne gab es erst, als die west­liche Welt die gesund­heit­li­chen Aspekte dieses Tees mit der eigen­willig sanften, leicht fruchtig-süßli­chen Note neu entdeckte. Plötz­lich wurden dem südafri­ka­ni­schen Tee heil­samen Wirkungen nach­ge­sagt und sogar Anti-Aging-Kräfte zu geschrieben. Dies sorgte vor Allem in Japan für einen regel­rechten Nach­frage-Boom. Und zwar nicht für die gewöhn­lich rotfer­men­tierte Frak­tion, sondern für die grüne Vari­ante, die kaum fermen­tiert ist und sich in die japa­ni­sche Grün-Tee-Tradi­tion perfekt einfügt. Die südafri­ka­ni­schen Anbauer stellten sich auch auf diesen Konsu­men­ten­wunsch ein; und so werden mitt­ler­weile rund 15 % des gesamten Ernte­gutes nicht mehr unter der sengenden Sonne fermen­tiert. Statt­dessen wird der frisch­ge­ern­tete Rooibos für vier­ein­halb Sekunden bei 145 °C erhitzt, so dass der Feuch­tig­keits­ge­halt auf sechs Prozent redu­ziert und damit die Fermen­ta­tion beendet wird. 

Teebeutel ohne Ende: Arbei­te­rinnen bei der Verpa­ckung des gesunden Tees.
Prägnantes Rotbraun: Nicht ohne Grund heißt er Rooibos („Rotbusch“).

Analog zur gestie­genen Nach­frage in Südafrika und in weiteren 50 Ländern ist die Anbau­fläche in den letzten drei Jahr­zehnten stark ange­wachsen. Gegen­wärtig sind es rund 60.000 ha. Unter­dessen schätzen manche lokale Rooibos-Experten, wie Johan Brand von der Rooibos Limited sogar von einem theo­re­ti­schen Expan­si­ons­po­ten­zial von 120.000 ha. Nach seiner Auffas­sung sei dies sogar nach­haltig und ohne große Eingriffe in das von der UNESCO schon im Jahr 2004 zum Welt­na­tur­erbe erklärten Cape Flora Region, zu der die Zeder­berg-Region gehört, möglich. Wie dem auch sei: Derzeit betreiben rund 300 kommer­zi­elle Betriebe, darunter auch Platz­hir­sche wie die Khoisan Tea Farm oder die Rooibos Limited mit Flächen über 1.000 ha, den Rooibos-Anbau.

Nur elf Unter­nehmen sind in der Weiter­ver­ar­bei­tung enga­giert und verfügen über große Lager­ka­pa­zi­täten, mit denen die meisten Tee-Anbauer Anbau- und Abnah­me­kon­trakte haben. Neben diesen Struk­turen gibt es noch rund 300 weitere klei­nere Farmen in den Orten Wupper­thal, Moed­ver­loor und Heiveld.  Diese bewirt­schaften oft klei­nere und eher abge­le­gene Felder.  Die Anbau­ge­nos­sen­schaft in Wupper­thal, einer Sied­lung, die von deut­schen Missio­naren im 19. Jahr­hun­dert einst gegründet wurde, hat eine eigene Verar­bei­tung und geht in der Vermark­tung eigene Wege.  Es sind bewun­derns­werte Akteure, die ihren Rooibos auf Flächen in einer natur­be­las­senen Hoch­ebene kulti­vieren, die nur über eine stei­nige, extrem holp­rige und atem­be­rau­bende Straße, die sich serpen­ti­nen­artig an den Berg­hängen schmiegt, erreichbar ist. Oben­drein ist deren Produk­tion vom anthro­po­so­phi­schen Anbau­ver­band Demeter zerti­fi­ziert – mehr Einzig­ar­tig­keit geht nicht!

Winzige Saat im Sandigen

Alle südafri­ka­ni­schen Teean­bauern ist eines aber gemein: Sie inte­grieren ihre Teepflanzen in einen mehr­jäh­rigen Frucht­wechsel. Nach einem Jahr Anwuchs folgen in der Regel vier Ernte­sai­sons, sodass durch­schnitt­lich zwei Tonnen Erntegut in fünf Jahren erzielt werden. Nach dem Roden der Büsche gibt es für das erste Jahr die Vari­ante Luzern-Roggen, dann ein Jahr Brache, noch einmal ein Jahr Roggen, um dann wieder mit Rooibos weiter­zu­ma­chen. Dabei gewinnen die Teebauern die winzige Saat, deren Schale in der wilden Natur nur durch Feuer oder Wind­ab­rieb aufbre­chen würde, durch mühsames Absam­meln der Bestände; vorge­zogen in Baum­schulen werden die Setz­linge auf dem Feld mit einem Abstand von 45 cm in der Reihe und bis zu 1,5 m zwischen den Reihen gepflanzt.  Ziem­lich tief, zwischen 15 bis 20 cm.

Wupper­thal: In einer Hoch­ebene ziehen Land­wirte dort aus gesam­melten Samen neue Setz­linge, die später auf den Feldern verpflanzt werden.

Neben Roggen gibt es auch andere Frucht­folgen, in dem Süßlu­pinen, Hafer, Gerste, Wicken und Gemüse wie Rettich oder Hülsen­früchte einge­setzt werden. Bei tenden­ziell immer weniger Nieder­schlägen rückt in den Reihen der Rooibos-Akteure die Qualität des Bodens immer mehr in den Fokus. Mehr orga­ni­sche Substanz in die Sand­böden zu bekommen, ist eine der Optionen die Boden­qua­lität zu verbes­sern, räumt Anbau-Experte Johan Brand ein, durch Kompos­tie­rung oder durch Zwischen­frucht­anbau. Ein gesunder Boden ist oftmals der Garant für gesunde Teepflanzen, die sich dann vital gegen Insekten wie Para­si­ten­wespen, Motten, Baum­woll­kap­sel­würmer, Zikaden oder Draht­wurm erwehren können. Dagegen lässt sich notfalls Chemie einsetzen, ist aber in der ökolo­gisch sensi­blen Umge­bung lang­fristig sicher­lich nicht die nach­hal­tigste Lösung.

Bis der rote Tee mit hoher Qualität und Kontrolle im Beutel landet, „kann wirk­lich viel schief­gehen“, bekennt Donovan Small, Opera­tion Manager der Khoisan Tea Farm inmitten einer Tee-Kultur stell­ver­tre­tend für alle seine Kollegen und Kolle­ginnen. Beson­ders dann, wenn der Anbau ökolo­gisch zerti­fi­ziert ist, was beim Anbauer aus dem Citrustal auf einem Teil der Flächen der Fall ist. Da braucht es sensible Kennt­nisse, um die Anbau-Risiken managen zu können.

Diver­si­fi­zie­rung gegen Risiken

Der Nach­bar­be­trieb Skim­mel­berg mit seinem Betriebs­leiter Jan Hendrik arbeitet in unmit­tel­barer Nähe zum gleich­na­migen Natur­ge­biet bereits konse­quent „im Einklang mit der Natur und mit der Hilfe natür­li­cher Ressourcen.“ Kompost-Tee wird als Flüs­sig­dünger einge­setzt, alle Flächen sind biozer­ti­fi­ziert. Der Betrieb Skim­mel­berg erntet auf 90 ha Rooibos, kulti­viert auf 15 ha Orangen und baut Buchu ein. Buchu? Ja, ein noch weithin unbe­kannter Newcomer unter den koffe­in­freien, heil­wirk­samen Tees. Sein Öl erzielt stolze Preise von fast 700 € pro Liter. Der Geschmack seines Tees ist unver­wech­selbar, nicht so sanft wie der Rooibos, eher mit domi­nanter Duft­note. „Der Anbau von Buchu ist noch in den Anfängen, nur rund 30 Farmer beschäf­tigen sich mit dieser Teepflanze, die gesamte Ernte beläuft sich auf nicht mehr als 2.500 t“, erklärt der 35-jährige Nach­fahre nieder­län­di­scher Siedler, die hier im Jahr 1654 ankamen. 

Jan Hendrik, Leiter des Betriebs Skim­mel­berg, legt Wert darauf, im Einklang mit der Natur zu wirt­schaften.

Diver­si­fi­zie­rung seines Anbaus erachtet Jan Hendrik sowieso als sehr wich­tigen Aspekt auf seinem Betrieb, um mit den Risiken der Zukunft besser umgehen zu können. Ideal daher, dass Rooibos und Buchu auch als Mix in den Teebeutel landen können. Noch sind die Rollen klar verteilt: 97 % sind Rooibos, drei Prozent Buchu. Gemeinsam ist beiden aber der ende­mi­sche Zauber von Kultur­pflanzen in einer ökolo­gisch-geolo­gisch einma­ligen Region. Die Khoi und San wussten um diese eigen­wil­lige Einzig­ar­tig­keit schon lange, ihre hierher migrierten Nach­ahmer haben dies inzwi­schen auch erkannt und wissen dies zu nutzen.