Anfang Oktober herrscht in Niels Kreuks Betrieb Ruhe vor dem Sturm. Im Hintergrund laufen die Vorbereitungen für die neue Tulpensaison, die noch in diesem Monat startet. Gegen Ende Oktober werden die Tulpenzwiebeln für den nächsten Vermehrungszyklus gesetzt. Rund 70 km vom Hof entfernt im Flevopolder setzt ein Lohnunternehmer die Zwiebeln in die fruchtbaren Lehmböden, zwei von Niels’ Festangestellten unterstützen ihn dabei.
Kurz darauf beginnt zu Hause die neue Treibsaison: Die Zwiebeln werden 14 bis 19 Wochen lang gekühlt, um den Winter zu simulieren. Anschließend wachsen die Tulpen im Gewächshaus in einem weitgehend automatisierten, mehrschichtigen Anbausystem. Die vorbereiteten Zwiebeln lagern in Kisten auf einer Seite des Gewächshauses. Sobald daraus erntereife Tulpen geworden sind, werden die Kisten automatisch in den Verarbeitungsbereich transportiert. Dort werden die Blumen geschnitten und zu Sträußen gebündelt.

Ich möchte, dass jeder, der hier arbeitet, persönlich wahrgenommen wird.
Niels Kreuk, Betriebsleiter
Zwischen Mitte Dezember und Mitte Mai verlassen rund 15 Millionen Tulpen den Betrieb und werden an Supermarktketten in ganz Europa geliefert. Wenn die Blütezeit in den Gewächshäusern zu Ende geht, beginnt im Juni die Ernte der neuen Tulpenzwiebeln sowie die Aufbereitung und Vorbereitung des Pflanzmaterials für die nächste Saison. „Das ist eine sehr arbeitsreiche Zeit für uns, in der wir alle Hände brauchen“, erklärt Niels. Im Spätsommer lässt der Druck ein wenig nach. Dann führen wir Wartungsarbeiten und Verbesserungen durch, ehe der ganze Prozess von vorne beginnt.
30-köpfiges Team mit immer wieder neuen Nachwuchskräften
Niels führt das Unternehmen zusammen mit vier Festangestellten, acht Saisonarbeitern und 18 Oberstufenschülern. Die Schüler helfen im Sommer bei der Ernte und dann wieder im Winter, wenn die Zwiebeln gepflanzt werden. „Der allgemeine Trend geht dahin, dass immer weniger Schüler in der Landwirtschaft arbeiten wollen und lieber im Gastgewerbe tätig sind“, erzählt Nils. „Zum Glück haben wir immer noch eine Gruppe begeisterter junger Leute, die zu uns kommen. Wenn die Älteren zum Studium oder zu einer anderen Arbeit weiterziehen, kommen mit Brüdern, Schwestern und deren Freunden immer wieder neue Nachwuchskräfte hinzu.“

Auch viele polnische Arbeitnehmer kehren häufig auf den Betrieb zurück. Ganz bewusst verzichtet Niels auf Personal von Zeitarbeitsfirmen und bevorzugt seine eigenen Gelegenheitsarbeiter. „Sie sind Teil des Teams. Am liebsten behalte ich die Leute, aber auch hier gibt es Fluktuation, weil solche Leute überall sehr gefragt sind. Manchmal kommen 70 – 80 % von ihnen zurück und bringen andere mit. Das freut mich zu sehen.“
Die vier festangestellten Mitarbeiter haben klare Zuständigkeiten und gleichzeitig die Möglichkeit, unterschiedliche Aufgaben zu übernehmen. „Jeder von ihnen ist sowohl an der Instandhaltung als auch an der Logistik beteiligt; das hat sich ganz natürlich entwickelt.“ Dem Team ist eine gute Atmosphäre wichtig. In der geräumigen Kantine ist Platz für gemeinsame Pausen, und zum Saisonende wird ein Fest für alle Mitarbeitenden organisiert. „Jeder gehört hierher, und jeder ist wichtig. Wir statten zum Beispiel auch die Schüler mit einem Polohemd im Unternehmensdesign aus“, erklärt Niels. „Das sind Kleinigkeiten, aber sie zeigen: Wir ziehen gemeinsam an einem Strang.“
Coaching unterstützt die Mitarbeitenden
Eine gute Atmosphäre und Teamgeist sind wichtig, doch für Niels reicht das nicht. Ihm geht es darum, jeden Einzelnen bewusst wahrzunehmen. Vor einigen Jahren nahm er über die zentrale Lohnbuchhaltung, der er angeschlossen ist, an einem staatlich geförderten Coaching-Projekt teil. Seitdem hat er bereits mehrfach eine Coachin hinzugezogen, die mit den Festangestellten Einzelgespräche führt. Die Organisationsberaterin Marloes Sjerps unterstützt Menschen dabei, sich selbst und ihre Beziehungen zu anderen bewusster wahrzunehmen.
„Ich war sofort begeistert davon“, erinnert sich Niels. „Jeder weiß, wie wichtig es ist, sich in seiner Haut wohlzufühlen. Es ist leicht zu sagen, dass es einem gut geht, aber was geht wirklich im Kopf vor? Wie läuft es zu Hause? Und auch: Womit haben sie bei der Arbeit Schwierigkeiten? Gibt es unausgesprochene Ambitionen oder Themen, die ihnen schwerfallen? Mit unserer Coachin können sie offen sprechen. Das ist wichtig, in erster Linie für die Person selbst, aber auch für ein Unternehmen. Denn wer sich nicht wohlfühlt, kann seine Arbeit nicht gut machen.“
Jeder übernimmt Verantwortung
Niels hat festgestellt: Die Gespräche, die oft auf gemeinsamen Spaziergängen mit der Coachin geführt wurden, haben die Kommunikation im Team spürbar verbessert. „Man lernt sich gegenseitig besser kennen“, erklärt er. „Unser Zusammenhalt ist intensiver geworden, und wir wissen mehr darüber, was den anderen beschäftigt. Dadurch fällt es leichter, offen zu sprechen, auch über schwierige Themen. Ich hoffe, dass wir uns weiterhin trauen, einander alles zu sagen.“

Der Prozess hat Niels außerdem geholfen, seine eigene Rolle klarer zu sehen. Über die Jahre hat er immer mehr Aufgaben delegiert, und die Zuständigkeiten im Team haben sich entsprechend weiterentwickelt. „Früher, als ich den Betrieb gerade übernommen hatte, habe ich alles selbst organisiert. Das ist heute nicht mehr möglich, und ich würde es auch nicht wollen. Jeder übernimmt Verantwortung und sorgt dafür, dass alles reibungslos läuft“, sagt er. „Manchmal werden Dinge anders gelöst, als ich es selbst tun würde. Das ist nichts Schlechtes, sondern ganz im Gegenteil.“
„Es gibt Dinge, mit denen ich mich noch gar nicht intensiv beschäftigt habe. Seit einigen Jahren haben wir zum Beispiel einen Selektionsroboter, der kranke Pflanzen auf dem Feld automatisch erkennt. Sil, einer der Festangestellten, kümmert sich darum einschließlich der Wartung. Ich könnte das nicht leisten. Dafür kenne ich die Maschine nicht gut genug.“
Das Team berät sich: Was lief gut, was soll anders werden?
Für Niels ist entscheidend, dass der Betrieb auch weiterhin wie eine gut geölte Maschine läuft, damit er auch für Kundentermine oder die Mitarbeit in Ausschüssen unterwegs sein kann. „Ich kann beruhigt gehen. Das ist eine Menge wert“, sagt er.
Kurz vor Beginn der neuen Tulpensaison berät sich Niels intensiv mit seinem Team. Sie besprechen, was gut läuft und was sie in diesem Jahr bewusst anders machen wollen. „Jedes Jahr ist anders: Vorschriften ändern sich, und man lernt ständig dazu. Meine Mitarbeiter haben Ideen und ich auch. Wir schauen gemeinsam darauf und fragen: Wie reagieren wir auf künftige Herausforderungen? Dafür müssen wir uns wirklich zusammensetzen und es gründlich besprechen. Wenn die Saison läuft, gibt es zwar weiterhin regelmäßigen Austausch, aber eher zwischen den laufenden Aufträgen. Dann macht jeder sein eigenes Ding.“

Für Niels ist kontinuierliche Optimierung und ein Blick auf Zukunftsszenarien wichtiger als eine reine Wachstumsstrategie. „Heute halte ich es für besonders wichtig, dass Unternehmen auf Veränderungen reagieren können, sei es wegen des Klimawandels oder weil Pflanzenschutzmittel vom Markt verschwinden. Man muss kreativ und flexibel bleiben und gemeinsam weiterlernen.“
Gemeinsam in die Zukunft blicken
Neben effizienten Abläufen spielt auch die persönliche Entwicklung im Team eine zentrale Rolle. Niels möchte seinen Mitarbeitenden gezielt neue Perspektiven eröffnen. „Ob Weiterbildungskurs oder Ausbildungsprogramm, vieles ist möglich. Aus unserer Erfahrung passen externe Angebote nicht immer optimal. Deshalb bieten wir internes Coaching an. So können wir viel voneinander lernen.“

Wie die Unternehmensnachfolge einmal aussehen wird, ist noch offen. Erste Ideen liegen jedoch bereits auf dem Tisch. „Einer der Festangestellten hat den Wunsch geäußert, in das Unternehmen hineinzuwachsen. Das finde ich großartig und unterstütze es. Welche Ambitionen meine eigenen Kinder einmal haben werden, ist noch offen. Umso wichtiger ist es, dass wir darüber offen sprechen können. Ich möchte außerdem sicherstellen, dass ich rechtzeitig loslasse. Ich glaube, dass man als Unternehmer nur 10 bis 15 Jahre lang wirklich enthusiastisch und innovativ ist. Danach kann man noch eine Weile optimieren, aber dann ist es Zeit für frischen Wind.“


