Die Milchviehhaltung stellt besondere Anforderungen an die Mitarbeitenden in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Laut einer aktuellen Studie von Idèle (ehemaliges Institut de l’Elevage) gibt es in der Europäischen Union fast 6700 große Milchviehbetriebe mit durchschnittlich 440 Kühen. Allein diese Betriebe liefern bereits fast 20 % der europäischen Milch.
In Frankreich gibt es laut dem Experten Philippe Perrot 44.000 Milchviehbetriebe, von denen nur 6 % zwischen 200 und 300 Kühe haben. Bei einer Herde von mehr als 300 Tieren sinkt der Anteil auf 1,8 %, was weniger als 800 Betrieben entspricht. Im vergangenen Oktober besuchte Le Sillon einen dieser großen Milchviehbetriebe in der Bocage im Département Orne: die SCEA des Rives d’Or in La Chapelle d’Andaine, einige Kilometer von Bagnoles-de-l’Orne entfernt.
Geschäftsführer Luc Sassel ist 35 Jahre alt und beschäftigt bis zu 14 Personen, was 8 Vollzeitstellen entspricht. Der Hof in La Petite-Houssaye produziert 3,7 Millionen Liter Milch, die er an das Unternehmen der Familie Fléchard, einen örtlichen Verarbeiter von hochwertiger Butter, sowie die Käserei Gillot, einen großen Namen für Camembert mit geschützter Ursprungsbezeichnung (AOP)*, liefert.

Alles andere als eine Agrarfabrik
„Meine Eltern sind gebürtige Luxemburger und haben sich 2002 in der Region niedergelassen“, erzählt sich Luc Sassel. „15 Jahre später hatten sie 80 Milchkühe auf 80 ha.“ „Wie meine Geschwister habe auch ich studiert und anschließend gearbeitet. Dabei habe ich in Paris gutes Geld verdient. 2018 haben meine Frau und ich beschlossen, uns hier niederzulassen, damit ich wieder meiner Leidenschaft als Rinderzüchter nachgehen kann. Nach der Fusion von drei Betrieben umfasst die SCEA des Rives d’Or 350 Kühe, und wir haben uns vorgenommen, die Herde in den nächsten Jahr auf 450 Tiere zu vergrößern.“
Das Dorf La Petite-Houssaye liegt an einer kleinen Straße. Häufig kommen Wanderer durch den Ort und finden es einfach schön, bis zu 200 Kühe, die sich nicht in der höchsten Laktationsphase befinden, auf gepflegten Koppeln weiden zu sehen. Der große, tiergerechte Stall mit Sandeinstreu und Belüftung, die hochmoderne Kälberaufzuchtstation und vor allem ein brandneuer Melkstand passen sich harmonisch in die gepflegte Umgebung ein und vermitteln nicht den Eindruck einer Agrarfabrik.
Lediglich die Spezialgeräte für die Siloentnahme und die Mischung der Futterrationen gehören dirket zum Betrieb. Für die Feldarbeit sind die ETA Gautier Frères aus der Mayenne und die CUMA de l’Aiguillon langjährige Partner und tragen dazu bei, die Maschinenkosten so gering wie möglich zu halten. Die Partner bieten die nötige Schlagkraft, wenn es zum Beispiel darum geht, die 120 ha Mais auf dem Hof zu säen oder zu silieren.


Reisen bildet die Jugend und ihre Führungsqualitäten
„Von meinen Eltern habe ich die Leidenschaft für Tiergenetik und die Beherrschung der deutschen Sprache geerbt. So konnte ich als internationaler Richter für Holstein-Friesian Kühe Experten aus allen möglichen Bereichen treffen“, erzählt der Züchter. „In Frankreich gibt es zwar große Herden, aber diese gehören in der Regel Familienbetrieben, die ein oder zwei Mitarbeiter beschäftigen”, stellt er fest, „während in Nordeuropa der Betriebsleiter allein ist, aber von einer größeren Anzahl von Mitarbeitern unterstützt wird. Dies ist auch bei mir der Fall. Daher habe ich mir im Ausland die besten Praktiken zur schnellen Einstellung und Bindung guter Mitarbeiter angeeignet.“
„Ich habe Fehler gemacht und Kündigungen hinnehmen müssen, das gebe ich sehr wohl zu“, räumt Luc Sassel ein, „aber ich nehme mir jetzt die Zeit, die es braucht, damit sich unsere Mitarbeitenden bei Rives d’Or integrieren und wohl fühlen. Dies gilt insbesondere für die jüngeren, denn sie legen viel Wert auf ihre Freizeit. Als Arbeitgeber muss man ihnen diese Zeit zugestehen. “

Einen Monat im Voraus planen und andere gute Ideen…
1. Die monatliche Planung der Bereitschaftsdienste
Diese riesige Tafel mit ihren farbigen, namentlich gekennzeichneten Magneten erfordert von Luc und seinem Team eine mehrstündige Besprechung am Monatsanfang. Jedes Teammitglied, egal ob es morgens oder nachmittags eingeteilt ist, sieht seine Zuordnung klar vor sich. „Wer mit wem zusammenarbeitet ist wichtig“, berichtet der Betriebsleiter. „Selbstverständlich sind die Mitarbeitenden flexibel, wenn persönliche Einschränkungen auftreten. “
2. WhatsApp-Gruppe
Der Betrieb hat zwei private WhatsApp-Gruppen: Die erste Gruppe versorgt das gesamte Team mit Informationen über den Betrieb (Tage an denen siliert wird, Ankunft neuer Mitarbeitender usw.) sowie mit dem Bereitschaftsplan am Monatsanfang. Die zweite Gruppe ist den Melkteams vorbehalten und informiert Luc Sassel über die tägliche Milchabholung und alle Ereignisse, die mit den Kühen im Melkstand zu tun haben.
3. Stellenbeschreibungen
„Mir ist klar geworden, dass es wichtig ist, detaillierte Stellenbeschreibungen zu erstellen. Wenn uns jemand verlässt, weiß ich genau, welches Profil ich suchen muss, um die Person zu ersetzen. Ein guter, sorgfältiger und sanfter Melker, um diesen Profiltyp zu nennen, ist schwer zu finden“, sagt der Landwirt. „Außerdem bestehe ich auf Pünktlichkeit. Ihre Einhaltung ist sowohl den für den Zusmmenhalt in der Gruppe als auch für die Kühe wichtig“, fügt er hinzu.
4. Express-Rekrutierung über soziale Netzwerke
Jeder Arbeitgeber in der Landwirtschaft wird bestätigen, dass es manchmal Monate dauert, bis ein Arbeitsvertrag abgeschlossen wird, auch wenn das Gehalt nicht das Problem ist. „Ich habe den Prozess verkürzt, indem ich meine Anzeigen angepasst habe: duzen, hervorheben, was die Atmosphäre auf unserem Betrieb auszeichnet, auf die Einhaltung der Wochenarbeitszeit bestehen und wohlwollend sein, denn man kann nicht immer alles wissen…“
5. Interne Kommunikation
Nach dem ersten Melken gegen 9:30 Uhr wird bei Rives D’Or Tradition gemeinsam gefrühstückt. Luc Sassel erzählt: „Dabei wird nicht unbedingt nur über Arbeit gesprochen. Es ist eine gesellige Zeit, die das Team zusammengeschweißt. Jeder kann eine schwierige persönliche Phase durchleben, ohne dass er darüber spricht. Es ist auch eine Gelegenheit für den Chef, seine Unzufriedenheit mit etwas zum Ausdruck zu bringen oder natürlich auch einen Erfolg hervorzuheben.“ Auch mittags wird oft gemeinsam gegessen.
6. Aufgaben statt Stunden vergüten
Auch wenn es überraschen mag, meint Luc Sassel: „Es ist logisch, dass kompetente und motivierte Arbeitnehmer eine höhere Vergütung erhalten sollten.“ Daher wird in dem Arbeitsvertrag neben der gesetzlich vorgeschriebenen Stundenzahl auch die dem Mitarbeitenden zugewiesene Aufgabe und vor allem die geschätzte Dauer dieser Aufgabe klar beschrieben. Diese Präzisierung fördert und belohnt die Motivation bei der Arbeit.
7. Externe Kommunikation
„Ich aktualisiere meine Facebook-Seite sechs- oder siebenmal im Jahr mit Fotos, die die Neuigkeiten aus der Zucht illustrieren und mit kleinen Anekdoten“, verrät Luc Sassel. „Viele junge Menschen sprechen mich darauf an, wenn ich bei Zuchtwettbewerben als Jurymitglied tätig bin.“
8. Ergonomie und Arbeitsumgebung
Milchtaxi, leichtes Melkgeschirr, Melkstände auf Schienen, überdachte Kälberhütten, Sandboxen, gepflegte Außenanlagen, reservierte Parkplätze für das Personal … Die Liste ist lang. Luc legte großen Wert darauf, dass auf alles geachtet wird. Wir wollen, dass niemand „im roten Bereich“ ist, begründet er.

Teamfokus steigert die Betriebsleistung
Bei Les Rives d’Or scheint jeder Mitarbeiter in der Lage zu sein, sein Bestes für die Kühe zu geben, denn „das ist schließlich das Ziel“, sagt Luc Sassel. Ein Glaubensbekenntnis, das nebenbei die Entscheidung für einen großen Melkstand aus dem Jahr 2020 anstelle der Installation von Melkrobotern rechtfertigt. Und die Zahlen sprechen für diese menschenfreundliche Organisation: Mit Mitarbeitern, die 35 bis 42 Stunden pro Woche arbeiten, weist die SCEA ein beneidenswertes Bruttoergebnis pro Vollzeitäquivalent von 220.000 Euro aus. „Die Stabilität der Herde und engagierten Mitarbeitende, das ist mir wichtig“, gesteht Luc.
Überlassen wir Tom Decheppe das Schlusswort, einem der leidenschaftlichsten Mitarbeiter des Rives D’Or-Teams: „Ich habe schon viele Praktika in Frankreich gemacht, aber es ist das erste Mal, dass ich einen so organisierten Milchviehbetrieb wie diesen sehe. Einen Monat im Voraus auf feste Zeiten zählen zu können, ist für die Freizeit eines Fahrradfreaks wie mich von entscheidender Bedeutung! “
*Geschützte Ursprungsbezeichnung (Appellation d’Origine Protégée, AOP)
