Weniger Stress, mehr Milch

Ein natür­li­ches Pheromon hilft einem Milch­vieh­be­trieb in England den Stress in der Herde zu senken. Dabei kann sich mehr Ruhe im Stall messbar auf Leis­tung, Frucht­bar­keit und das Wohl der Tiere auswirken.

Auf Stowell Farms in Wiltshire hat sich in wenigen Jahren viel verän­dert: Aus einer Herde mit 500 Kühen wurde ein moderner Milch­vieh­be­trieb mit aktuell 945 Kühen, zwölf Melk­ro­bo­tern und einer Jahres­leis­tung von durch­schnitt­lich 13.000 Litern Milch pro Kuh. Herden­ma­nager Chris Gowen ist über­zeugt, dass ein möglichst stress­armes Umfeld ein entschei­dender Faktor für diesen Fort­schritt ist. „In einer stress­freien Umge­bung können die Kühe ihr volles Poten­zial entfalten“, sagt Gowen.

Wachstum braucht Ruhe

Stowell Farms bewirt­schaftet rund 1.400 Hektar und beher­bergt die preis­ge­krönten Serena-Holstein-Herde. Die laktie­renden Kühe werden ganz­jährig im Stall gehalten und kalben über das gesamte Jahr verteilt ab, monat­lich etwa 100 Tiere. Trocken­ste­hende Kühe gehen in den Sommer­mo­naten auf die Weide, Jung­tiere in der Regel ganz­jährig.

In einer stress­freien Umge­bung können die Kühe ihre volle Leis­tungs­fä­hig­keit entfalten.

Chris Gowen

Für Gowen ist diese Orga­ni­sa­tion kein Selbst­zweck. Sie hilft dem Team, das Wohl der Tiere, die Fütte­rung, die Abkal­bungen und die Arbeits­ab­läufe genau im Blick zu behalten. Denn gerade in einem wach­senden Betrieb entscheidet nicht nur die Technik über den Erfolg, sondern auch die Frage, wie gut die Tiere mit Verän­de­rungen zurecht­kommen. „Wenn wir ein stress­freieres Umfeld schaffen können, werden die Kühe den Über­gang gut bewäl­tigen“, sagt Chris Gowen.

Die Herde von Stowell Farms wird voll­ständig im Stall gehalten, und die Kühe kalben das ganze Jahr über.

Stress entsteht oft an Über­gängen

Beson­ders kritisch sind Phasen, in denen Kühe ihre Umge­bung, Gruppe oder Routine wech­seln. Das gilt vor allem für Färsen, die etwa einen Monat vor dem Abkalben zu den trocken­ste­henden Kühen kommen. „Sie sind prak­tisch von zwei Jahren Nichtstun dazu über­ge­gangen, effektiv mit der Arbeit zu beginnen“, beschreibt Gowen die Situa­tion. „Das ist eine große Umstel­lung.“

Stress kann die Futter­auf­nahme verrin­gern, was mit direkten Folgen für Pansen­fül­lung, Entwick­lung des Fötus, Frucht­bar­keit, Gesund­heit und Milch­leis­tung nach dem Kalben verbunden sein kann. Deshalb sucht das Team auf Stowell Farms gezielt nach Möglich­keiten, diese Belas­tung zu redu­zieren.

Ein Pheromon als zusätz­li­ches Werk­zeug

Auf Empfeh­lung seines tier­ärzt­li­chen Bera­ters und Freundes Rob Drys­dale testete Gowen das Produkt FerAp­pease zunächst bei Färsen. Es enthält ein synthe­ti­sches Analogon eines natür­lich vorkom­menden mütter­li­chen Phero­mons, der soge­nannten Mate­rnal Bovine Appeasing Subs­tance. Ziel ist es, die Auswir­kungen von Stress zu mindern.

„Die Philo­so­phie, in einer stres­sigen Zeit ein stress­freies Umfeld für die Kuh zu schaffen, ist einfach sinn­voll“, sagt Gowen. Neue Produkte werden auf Stowell Farms jedoch nicht blind über­nommen. Häufig führt der Betrieb eigene Versuche durch, bevor eine Entschei­dung gefällt wird. Auch FerAp­pease musste sich zunächst in der Praxis bewähren.

Auf Empfeh­lung seines tier­ärzt­li­chen Bera­ters und Freundes Rob Drys­dale testete Gowen das Produkt FerAp­pease zunächst bei Färsen.

Ruhiger in neuen Situa­tionen

Bei Beob­ach­tungen im Stall stellte das Team Verän­de­rungen fest. Die Tiere wirkten ruhiger, wenn sie in neue Situa­tionen kamen, beispiels­weise beim ersten Betreten der Melk­ro­boter oder rund um das Kalben. Aus dem anfäng­li­chen Versuch mit Färsen entstand deshalb Schritt für Schritt ein brei­terer Einsatz in der Herde, unter anderem beim Abkalben, Trocken­stellen und beim Trans­port zu Ausstel­lungen.

Auch die Leis­tungs­kenn­zahlen entwi­ckelten sich positiv. Zwischen 2023 und 2025 stieg die Konzep­ti­ons­rate insge­samt von 39 auf 46,1 Prozent. Die verbes­serte Leis­tung der Färsen gab dem Betrieb außerdem die Sicher­heit, die frei­wil­lige Warte­zeit von 50 auf 60 Tage zu verlän­gern. Außerdem erreichten mehr Kühe eine zweite Kalbung. Der Anteil stieg um sieben Prozent­punkte auf 83,6 Prozent.

Gowen betont, dass diese Fort­schritte nicht allein einem Produkt zuge­schrieben werden können. Der Betrieb arbeitet konti­nu­ier­lich an vielen Stell­schrauben. „Aber es ist auf jeden Fall ein weiteres Werk­zeug in unserem Reper­toire“, sagt er.

FerAp­pease wird auf die Schnauze und den Genick­be­reich des Tieres aufge­tragen

Das Personal stellte fest, dass die Kühe beim ersten Betreten der Roboter deut­lich ruhiger waren.

Den Flaschen­hals erkennen

Für Gowen liegt der wich­tigste Effekt darin, kriti­sche Momente im System besser abzu­fe­dern. „Ich glaube, wir machen die Dinge manchmal unnötig kompli­ziert“, sagt er. „Letzt­end­lich sind Kühe Säuge­tiere. Sie tun das, was sie tun, schon seit Jahren. Wenn man die Engpässe im System in den Griff bekommt, kann man dort wirk­lich etwas bewirken.“

Der Ansatz von Stowell Farms zeigt: Wer Stress im Stall ernst nimmt, inves­tiert nicht nur in Tier­wohl. Mehr Ruhe kann auch helfen, Leis­tungs­po­ten­ziale besser auszu­schöpfen – beson­ders in Phasen, in denen Kühe ohnehin unter Druck stehen.

Kurz erklärt: FerAp­pease

  • FerAp­pease ist eine synthe­ti­sche Version eines natür­li­chen mütter­li­chen Phero­mons.
  • Das Produkt wird auf Schnauze und Genick­be­reich des Tieres aufge­tragen.
  • Es soll die Cortisol­pro­duk­tion und damit Stress­re­ak­tionen senken.
  • Die Wirkung hält nach Herstel­ler­an­gaben rund 14 Tage an.
  • Die Kosten liegen bei etwa 3,50 Pfund pro Anwen­dung.
  • In Groß­bri­tan­nien ist FerAp­pease für Bio-Herden im Rahmen der Programme der Soil Asso­cia­tion sowie von Organic Farmers and Growers zuge­lassen.