Regen­wasser marsch

Nur eine kleine Frak­tion von Land­wirten, Gärt­nern und Winzern nutzt die auf ihren Hof- und Dach­flä­chen anfal­lenden Regen­mengen zur Bewäs­se­rung von Kulturen oder als Tränk­wasser. Hierbei spielt die Über­zeu­gung eine größere Rolle als das ökono­mi­sche Kalkül.

„Wir sind sensibel beim Wasser“, sagt der Winzer Andreas Hemer aus Worms-Aben­heim. Das hat seine Gründe. Liegt doch die jähr­liche Niederschlags­menge im Westen von Rhein­hessen bei geringen 550 l/m2. Daher bewäs­sern er und sein Bruder Stefan vom Ökoweingut Hemer in Phasen großer Trocken­heit mit effi­zi­enter Tropf­bewässerung. 2012 hat der Fami­li­en­be­trieb mit seinen 36 ha Reben und einer eigenen Flaschen­abfüllung eine neue Produktions­halle außer­halb des Orts­kerns errichtet. Die bebaute Fläche umfasst rund 1 ha, davon bedeckt das Hallen­dach – auf der Sonnen­seite mit Photo­vol­taik bestückt – rund 2.000 m2.

Lang­fristig denken

„Das Regen­wasser, das vom Dach anfällt, wollen wir in zwei jeweils 50.000 l großen Zisternen auffangen“, erklärt Hemer vor dem Neubau. Verwertet wird dieses Wasser haupt­säch­lich für das Aufmi­schen von biolo­gi­schen Pflanzen­schutz­mitteln und für die Bewäs­se­rung der um das Hofge­lände ange­pflanzten Hecken. Weiteres Regen­wasser, welches erst über die gepflas­terten Flächen fließt, versi­ckert später in einem um das Gelände ange­legten Graben.

Um die jähr­lich vom Dach anfal­lende Wasser­menge von rund 1 Mio. l auch in der Kelterei einsetzen zu können, beab­sich­tigen die Winzer-Brüder, in die Aufbe­rei­tung des Regen­wassers zu inves­tieren. „Wir nehmen dafür 20.000 € in die Hand, um rund 100.000 l Wasser spei­chern und filtern zu können. Das macht für uns Sinn, weil wir allein in unserer Kelterei für Reinigungs­arbeiten etwa 400.000 l jähr­lich verbrau­chen“, erläu­tert Andreas Hemer sein Wieder­verwertungs­konzept.

Klar, man könne auch einen Brunnen auf eigenen Flächen bohren, doch müsse man am eigenen Standort 80 bis 100 m tief gehen. Das sei nicht billig, davon abge­sehen belaste es den Grundwasser­haushalt, so Hemer. Aller­dings sei die geplante Regenwasser­aufbereitung derzeit noch keine Inves­ti­tion, die sich kurz­fristig amor­ti­sieren würde.

Wir wollen uns am liebsten mit Wasser weitest­gehend selbst ver­sorgen.

Andreas Hemer

„Wir denken da lang­fris­tiger. Wir wollen uns am liebsten mit Wasser weitest­ge­hend selbst versorgen, ähnlich wie im Energie­bereich mit der Hackschnitzel­heizung und dem Strom aus der Photo­vol­taik“, sagt der Winzer, der seinen Betrieb im Jahr 2003 auf ökolo­gi­sche Produk­tion umstellte und heute Mitglied im Anbau­ver­band Ecovin ist. Zudem: Je weniger Abwasser vom Betriebs­ge­lände in die öffent­liche Kana­li­sa­tion gelangt, desto geringer sind die Abgaben für deren energie­aufwendige Aufbe­rei­tung.

Regen­wasser als Tränk­wasser?

Apropos Energie: Immer mehr Fach­leute verweisen auf den engen Zusam­men­hang zwischen Wasser und Energie und verwenden dafür den Begriff „Wasser-Energie-Nexus“: bei stei­gendem Ener­gie­ver­brauch wächst auch der Bedarf an Wasser. Welche großen Wasser­mengen die ganz­jäh­rige Stall­hal­tung erfor­dert, weiß jeder Milch­vieh­halter. Bei einem Tages­be­darf von über 100 l pro Hoch­leis­tungs­tier kommt für einen 200-Kuh-Betrieb die beein­dru­ckende Jahres­menge von 7.300 m3 Wasser zusammen. Dabei saufen die Kühe zumeist Wasser in Trink­wasser­qualität. Was läge da näher, als das Wasser auf den Dächern der Ställe für die durs­tigen Tiere zu verwerten?

Große Kuhherden werden häufig ganz­jährig im Stall gehalten: Der Tränke-Bedarf ist entspre­chend hoch.

Doch es gibt Bedenken. „Die Kühe brau­chen das beste Wasser“, betont Dr. Peter Pascher. Der Geschäfts­führer für Agrar­struktur und Regio­nal­po­litik beim Deut­schen Bauern­ver­band meint daher, dass aus Gründen der Sauber­keit (Keime, Fremd- und Schad­stoffe) vieles gegen den Einsatz von Regen­wasser spräche. „Die Lebens­mit­tel­pro­duk­tion in Europa hat mitt­ler­weile sehr hohe Qualitäts­anforderungen, die durch den Einsatz von Regen­wasser gefährdet würden“, wirft Pascher ein. „Da sind die Milch­pro­du­zenten sensi­bi­li­siert.“ Er befürchtet, dass eine unzu­rei­chende Qualität des Tränk­was­sers auch weit­rei­chende Folgen für die Tier­ge­sund­heit haben kann.

Pioniere im Gartenbau

Während sich in der Tier­hal­tung bei vergleichs­weise nied­rigen Wasser­kosten und trotz eines sich immer deut­li­cher abzeich­nenden Klima­wan­dels nur wenige Betriebs­leiter mit einer lang­fris­tigen Stra­tegie zur lokalen Aufbe­rei­tung der wert­vollen Ressource beschäf­tigen, ist man im Gartenbau offenbar schon weiter. „Die Regen­was­ser­auf­be­rei­tung wird mitt­ler­weile von vielen Betrieben ange­wandt“, freut sich Dr. Andreas Wrede. Dabei verschweigt der Versuchs­leiter am Garten­bau­zen­trum der Landwirtschafts­kammer Schleswig-Holstein in Eller­hoop nicht, dass ein problem­loses Recy­cling ohne phyto­sa­ni­täre Behand­lung nicht zu empfehlen ist – auch wenn diese teuer ist.

„Klar ist doch allen, dass die Wasser­preise in Zukunft steigen werden und auch der Bau von neuen Brunnen schwie­riger wird“, bemerkt der Gartenbau-Experte. „Die kommende Umset­zung der EU-Wasser­schutz­richt­linie wird daher das Wasser­re­cy­cling auf jeden Fall neu beför­dern“.

Ob Zier­pflanzen oder Gemüse unter Glas: Gesunde Pflanzen brau­chen regel­mäßig ein ausrei­chendes Quantum an Wasser.

Andreas Wrede hat noch ein weiteres Argu­ment: „Der Einsatz von Regen­wasser hat noch einen Vorteil.  Im Gegen­satz zum harten, kalk­hal­tigen Leitungs­wasser ist das kosten­lose Niederschlags­wasser weicher, was sich positiv auf das Pflan­zen­wachstum auswirkt.“ Er hofft, dass in Zukunft noch mehr Garten­bauer, Winzer und Land­wirte neue Wege einschlagen werden, um die Grund­wasser-Ressourcen zu schonen.

Zumal kein Zweifel daran besteht, dass die Land­wirt­schaft, ob nun in Europa oder welt­weit, bei stei­gendem Nahrungs­mittel­bedarf zukünftig wohl noch effi­zi­enter mit Wasser umgehen muss, um die sensi­blen Wasser­haushalte nicht aus dem Gleich­ge­wicht zu bringen.

 

Durs­tige Pflanzen

Pflanzen im Gewächs­haus sind ziem­lich durstig: Wenn­gleich es von Pflanze zu Pflanze zum Teil erheb­liche Unter­schiede gibt, werden für 1.000 m2 Kultur durch­schnitt­lich rund 42 m3 Wasser täglich gebraucht. Um die Spei­cher für Baum­schulen und andere Garten­bau­be­triebe passend zu dimen­sio­nieren, zieht man folgende Richt­werte heran: Baum­schulen produ­zieren während der jähr­li­chen Vege­ta­ti­ons­pe­riode auf 1 m2 Contai­ner­stell­fläche rund 2 kg Frisch­masse Gehölz. Dafür benö­tigen sie rund 550 l Wasser. Um diesen Bedarf durch die Winter­nie­der­schläge zu decken, ist für die Stell­fläche von 1 ha ein Spei­cher mit einem Volumen von 3.500 m3 nötig.

Könnten die Nieder­schläge auch während des Sommers gesam­melt werden, so die Berech­nung von Andreas Wrede vom Garten­bau­zen­trum Eller­hoop, dann könnte das Spei­cher­vo­lumen bei gleich­zei­tiger Filte­rung sogar um ein Drittel redu­ziert sein. Große Bedeu­tung hat aber nicht nur das Sammeln, sondern auch die Art der Bewäs­se­rung auf den Wasser­kreis­lauf. Während der Einsatz eines Kreis­reg­ners rund 100 m3 Wasser pro Hektar und Tag bean­sprucht, benö­tigt eine Tropf­be­wäs­se­rung nur 20 m3.

 

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