Unter dem wachsenden Druck, messbare Umweltleistungen zu erbringen, zeigt eine neue Initiative, dass das frühe Nektarangebot des Rapses vielleicht sein größter Wert ist. Nach Jahren der Verteufelung wegen des (früher teils notwendigen) Einsatzes von Neonicotinoiden zur Schädlingsbekämpfung stellt sich nun die Frage: Können Landwirte den Raps wieder in Ihre Fruchtfolge aufnehmen und dabei zugleich Großbritanniens Bienen helfen?
Im vergangenen Jahrzehnt ging die Rapsanbaufläche im Vereinigten Königreich von ihrem Höchststand aus um nahezu 60 % zurück. Der Rapserdfloh, Risiken beim Auflaufen und der Etablierung der Bestände sowie volatile Märkte veranlassten viele Landwirte, den Raps in der Fruchtfolge neu zu bewerten. Auf zahlreichen Betrieben wurde er durch vermeintlich sicherere Alternativen ersetzt, also Anbaufrüchte, die ein geringeres Risiko- und Kostenprofil mit sich bringen.
Doch mit dem Raps verschwand unerwarteterweise auch das frühe Nahrungsangebot für die Bienen. Sie sind auf den frühen gelben Blüten angewiesen, weil zu dieser Zeit kaum etwas anderes blüht. Der Raps hilft ihnen, sich nach dem Winter zu erholen und starke Völker aufzubauen. Fehlt er in der Agrarlandschaft, starten die Bestäuber in das, was Imker die Hungerperiode nennen: eine Zeit knapper Nahrung mit spürbaren Folgen auch für die Biodiversität und Pflanzenproduktion.
„Ich glaube nicht, dass es jemals falsch war, Raps anzubauen“, sagt James Warner, Geschäftsführer bei United Oilseeds. „Auch wenn es in den vergangenen zehn Jahren Herausforderungen gab, haben viele Landwirte weiterhin erfolgreich Raps angebaut. Gleichzeitig sehen wir heute oft geringeren Druck durch den Rapserdfloh und verstehen den Schädling deutlich besser. Durch branchenweite Anbaustrategien gepaart mit einer starken heimischen Nachfrage sind die agronomischen und finanziellen Anreize inzwischen wieder sehr überzeugend.“
Neustart mit Raps
United Oilseeds erkannte in den vergangenen Jahren, dass das Vertrauen in den Anbau nach Jahren der Frustration über Rapserdfloh-Schäden und lückenhaften Feldaufgang wieder aufgebaut werden muss, wenn der Raps ein fester Bestandteil einer wirtschaftlichen Fruchtfolge bleiben soll. Dabei setzt das Unternehmen auf praktikable Lösungen und gemeinsames Lernen direkt auf dem Betrieb. Das Ergebnis war der Start von „Oilseed Rape Reboot“ im Jahr 2024.
„Raps ist das Herzstück unseres Geschäfts, und wenn jemand für diese äußerst wertvolle Kultur kämpfen sollte, dann United Oilseeds“, sagt James Warner. „Die Kampagne hat schnell Fahrt aufgenommen. Das zeigt, wie sehr die gesamte Branche den Raps in der Fruchtfolge behalten möchte. Er ist stark nachgefragt, unterstützt die Biodiversität, könnte bis zu 1 Mrd. £ (1,15 Mrd. €) pro Jahr zur Wirtschaft beitragen und ist gleichzeitig eine wichtige Quelle für heimisches Öl und Protein.“
Raps ist das Herzstück unseres Geschäfts, und wenn jemand für diese äußerst wertvolle Kultur kämpfen sollte, dann United Oilseeds.
James Warner

Ein Kernbaustein der Initiative ist es, den Lebenszyklus des Rapserdflohs mit einfachen, kostengünstigen Maßnahmen zu durchbrechen, die sich leicht in die üblichen Betriebsabläufe integrieren lassen. Auf Basis von Forschungsergebnissen von Colin Peters (NIAB, National Institute of Agricultural Botany) wird Landwirten empfohlen, den Boden nach der Ernte flach zu bearbeiten, um Puppen in den obersten Zentimetern zu stören. Die Untersuchungen zeigen dort, wo der Boden vollständig bewegt wird, eine um 50–90 % geringere Zahl schlüpfender Käfer.
„Manchmal sind einfache Lösungen die besten“, sagt James Warner. „Auch wenn wir für die Ernte 2025 noch keine statistischen Daten haben, zeigte eine Umfrage unter unseren Mitgliedern Ende 2024, dass 80 % die Methode übernommen hatten. Das ließ uns darüber nachdenken, ob genau diese Maßnahme ein Schlüsselfaktor war, der die Rapserdfloh-Zahlen im folgenden Frühjahr senken half.“
Der Neustart führte außerdem zur nationalen Larvenbonitur, die von NIAB und unterstützt von Hutchinsons, Agrii und United Oilseeds durchgeführt wurde. Dabei wurden 174 Pflanzenproben aus dem gesamten Vereinigten Königreich gesammelt. Das Ergebnis: Die Larvenzahlen lagen unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre, wobei es allerdings noch einige regionale Hotspots gab. Trotzdem ist das Gesamtbild deutlich positiver, auch nach einem ähnlich ermutigenden Rückgang der Rapserdfloh-Käferzahlen im Herbst.
„Man sagt häugig, dass wir viel mehr erreichen können, wenn wir zusammenarbeiten, und genau das passiert hier“, sagt James Warner. „Wir haben uns zusammengeschlossen und Beobachtungen, Daten und Projekte ausgetauscht, sogar mit Wettbewerbern. Es klingt vielleicht etwas kitschig, aber es geht wirklich um das große Ganze.“
United Oilseeds hat außerdem die erste branchenweit abgestimmte Leitlinie zur zur Etablierung des Rapsbestands erarbeitet. Sie umfasst zehn erprobte Strategien, die mit Hilfe von Züchtern, Forschenden, Beratern und Landwirten entwickelt wurden. Ziel ist es, den Rapsanbau durch die Kombination von Maßnahmen des integrierten Pflanzenbaus, die bei unterschiedlichen Bodenverhältnissen und Witterungsverläufen funktionieren, zu fördern.
„Dass eine Branche gemeinsam hinter gut recherchierten und konsistenten Empfehlungen steht, ist selten“, ergänzt James Warner. „Wir müssen die Herausforderung annehmen und die bewährten Werkzeuge weiterhin nutzen, um den Rapserdfloh im Griff zu behalten.“

Das AgriSound-Pilotprojekt
United Oilseeds kooperierte mit dem Agri-Tech-Innovator AgriSound, um die Vorteile von Raps für die Biodiversität unter realen Praxisbedingungen zu ermitteln. Das AgriSound-Pilotprojekt läuft auf sechs Mitgliedsbetrieben von United Oilseeds im Süden Englands. Dort erfassen 54 akustische Monitoring-Geräte in Echtzeit die Aktivität von Bestäubern in Raps-, Leguminosen-Brache- und Getreideflächen.
Jede der solarbetriebenen Messstationen zeichnet nicht nur das charakteristische Summen von Bienen und anderen Insekten auf, sondern auch andere Umweltfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchte und Lichtverhältnisse. Zusammen ergeben diese Datenströme ein detailliertes Bild davon, wie Bestäuber im Verlauf der Vegetationsperiode mit verschiedenen Kulturen und Bedingungen interagieren.
„Als überzeugter Verfechter datenbasierter Entscheidungen wollte ich zeigen, wie wichtig Raps für Bestäuber ist“, sagt James Warner. „Wir haben ein kleines Pilotprojekt auf einigen Betrieben im Süden durchgeführt, und die Daten zeigten sofort, dass es in einem Rapsbestand fünfmal so viele Bienen gibt wie in einer Leguminosen-Brache.“ Das ist ein klarer Beleg für den außergewöhnlichen Wert der Kultur für Bienen während der kritischen Hungerperiode im Frühjahr“.
Diese Praxisdaten untermauern, was Forschende seit Langem über den gegenseitigen Nutzen von Raps und Bestäubern wissen. Pro Hektar blühendem Raps entstehen schätzungsweise 25 bis 91 Millionen Blüten sowie mehr als 50 Liter Nektar. Dieses reichhaltige Nahrungsangebot entsteht genau dann, wenn Bienen aus dem Winter kommen. Umgekehrt zeigen Studien, dass zwei Bienenvölker pro Hektar die Rapserträge um 15–20 % steigern können, unter anderem durch gleichmäßigere Schotenbildung und bessere Keimfähigkeit des Saatguts.
Indem das Pilotprojekt diese ökologischen Wechselwirkungen messbar macht, hilft es zu zeigen, dass den Raps zurück in die Fruchtfolge zu holen, nicht nur gute fachliche Praxis bedeutet sondern auch einen konkreten Gewinn für Bestäuber und Biodiversität auf Betriebsebene darstellt.
„Daten sollten die Grundlage solider Entscheidungen sein“, sagt James Warner. „Deshalb haben wir ein Positionspapier für die Regierung erstellt und setzen uns dafür ein, blühende Kulturen in der Fruchtfolge gezielt zu fördern, um die Biodiversität zu stärken und den Rückgang der Bienenpopulationen umzukehren.“
Top-Tipps für die Bestandsetablierung
- Den Rapserdfloh-Zyklus durch flache Stoppelbearbeitung nach der Ernte unterbrechen, um die Puppen zu stören und den Schlupf adulter Käfer zu reduzieren.
- Auf warme, feuchte Böden und einen gleichmäßigen Feldaufgang achten.
- Bestände auf Schädlingsdruck überwachen und das Management bei Bedarf anpassen.
- Bestäuber fördern: Blühvielfalt erhalten und den Insektizideinsatz minimieren.
Praxisbericht: Timothy Parton
In South Staffordshire liegt die Brewood Park Farm nördlich von Wolverhampton. Farmmanager Tim Parton verfolgt dort einen eigenen Ansatz im Rapsanbau. „Wir wirtschaften seit 17 Jahren regenerativ“, sagt er. „Ich versuche, so biologisch und nährstoffbasiert wie möglich zu arbeiten. Ich setze keine Insektizide, Fungizide oder Wachstumsregler ein.“
Der 300 ha Ackerbaubetrieb, den Tim Parton von seinem Vater übernommen hat, hält am Raps in einer fünf- bis sechsjährigen Fruchtfolge fest. Während viele Betriebe die Kultur in den letzten Jahren reduziert haben, blieb Tim dabei, vor allem wegen guter historischer Erträge und einem System, das den Bestand widerstandsfähig halten soll.
„In der Vergangenheit hatte ich richtig gute Erträge“, erklärt er. „Dieses Jahr lag ich wegen der Trockenheit etwas darunter. Aber bei den aktuell niedrigen Weizenpreisen wirkt Raps attraktiv.“ Tim sät direkt und hat seit 17 Jahren nicht gepflügt. Statt zur Bekämpfung der Rapserdfloh-Larven den Boden zu bearbeiten, geht er anders vor: „Wir bauen Raps zusammen mit Weiß- und Inkarnatklee an“, sagt er. „Das dient der Stickstofffixierung und hält den Boden bedeckt. Das erste Mal habe ich es 2015 ausprobiert. Direkt nach der Einführung stieg der Ertrag um zusätzliche 0,5 t/ha. Deshalb habe ich es anschließend auf dem gesamten Betrieb ausgerollt.“
Wir haben eine massive Zunahme an Bienen und insgesamt an Insekten auf dem Hof. Wir stellen die gesamte Nahrungskette wieder her.
Tim Parton

Der biologische Ansatz zeigt sich auch im Umgang mit Schädlingen. „Ich hatte früher selbst Probleme mit dem Rapserdfloh“, gibt er zu. „Oft greifen die Käfer die Pflanze nur an, weil die Assimilation ins Stocken gerät und sich Nitrat und Ammonium anreichern. Eine weitere Möglichkeit mit dem Rapserdfloh umzugehen, besteht in der Stärkung der Zellwand.“
„Wenn der Silizium- und Kalziumgehalt in der Zellwand stimmt, wird sie deutlich stabiler, und der Käfer kann viel schwerer eindringen.“ Tim Parton begleitet die Kultur fortlaufend mit Saftanalysen, um eine ausgewogene Nährstoffversorgung sicherzustellen. Falls Ungleichgewichte festgestellt werden, werden diese durch eine Blattapplikationen von Nährstoffen korrigiert.
Die Einführung des Sustainable Farming Incentive (SFI), einem Programm, das Landwirte für umweltfreundliche Maßnahmen vergütet, hat die Kulturwahl vieler britischer Betriebe beeinflusst, zumal die Rapserträge teils schwer planbar waren. Für Tim Parton passte das jedoch nicht: „Ich habe gute Böden und kein Problem mit Ungräsern. Weil ich mit Raps immer gut gefahren bin, ist das für mich attraktiver, als Flächen ins SFI zu geben.“
Tim Parton möchte andere Landwirte daran erinnern, dass Raps weiterhin eine tragfähige Kultur ist: „Andere Kulturen sind im Moment kaum wirtschaftlich, und mit Raps kann man immer noch Geld verdienen. Ich persönlich habe keine Bedenken, Raps anzubauen.“ Außerdem sieht er übergreifende Vorteile für dem Betrieb: „Wir haben eine massive Zunahme an Bienen und insgesamt an Insekten auf dem Hof“, sagt er. „Wir stellen die gesamte Nahrungskette wieder her.“
Warum Bienen Raps lieben
- Frühe Blüte liefert nach dem Winter dringend benötigte Nahrung.
- Pro Hektar entstehen Millionen Blüten und bis zu 50 L Nektar.
- Stärkere Völker verbessern die Bestäubung auf dem gesamten Betrieb.
