„Betriebe müssen ihre Planung stärker auf Wetter­schwan­kungen auslegen.“

Extrem­wet­ter­er­eig­nisse werden zur neuen Norma­lität: Trocken­phasen, Stark­regen und Hitze­tage nehmen zu, aber regional sehr unter­schied­lich. Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klima­fol­gen­for­schung (PIK) erklärt, worauf Betriebe sich bei Wetter­ex­tremen einstellen sollten und welche Maßnahmen bei Boden, Wasser, Frucht­folge und Technik jetzt am meisten bringen.

Welche Klima­än­de­rungen sind für Betriebe in Europa auf Sicht der nächsten 20–25 Jahren am wahr­schein­lichsten, und was bedeutet das für die Praxis?

Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen ist Agrar­ökonom und Leiter der Forschungs­ab­tei­lung 2 „Klima­re­si­lienz“ am Potsdam-Institut für Klima­fol­gen­for­schung. Außerdem ist er Professor für Nach­hal­tige Land­nut­zung und Klima­wandel an der Humboldt-Univer­sität zu Berlin.

Es wird wärmer in Europa, und mit jedem Zehn­tel­grad steigt das Risiko für Extrem­wetter. Betriebe müssen häufiger mit Trocken­pe­ri­oden, Stark­regen sowie längeren Hitze- und Dürre­phasen rechnen. In Mittel­eu­ropa nehmen zudem „blockierte“ Wetter­lagen zu, also Hochs oder Tiefs, die länger fest­liegen und die Extreme verstärken. Für die Praxis bedeutet das, die Planung stärker auf Schwan­kungen auszu­legen, d. h. Wasser sparen und gleich­zeitig Stark­regen abführen können.

Viele sagen: „Wärmer heißt mehr Wasser in der Luft.“ Warum erleben wir trotzdem wochen­lange Trocken­heit?

Global kann wärmere Luft mehr Wasser­dampf tragen, aber der Regen fällt nicht unbe­dingt dort, wo er verdunstet ist. Für Betriebe zählt außerdem die Vertei­lung. Drei Wochen Trocken­heit und dann ein Stark­regen ersetzen keinen gleich­mä­ßigen Land­regen. Genau diese ungleich­mä­ßigen Muster nehmen zu und damit auch das Risiko von Ertrags- und Quali­täts­ver­lusten.

Wo sind Ernte­aus­fälle durch Hitze, Trocken­heit oder Stark­regen beson­ders wahr­schein­lich? Und was bedeutet das für Betriebe in Nord-, Süd- und Mittel­eu­ropa?

Im Mittel­meer­raum ist die Grund­ten­denz schon heute heißer und trockener. Aber Extrem­jahre treffen zuneh­mend auch „klas­si­sche“ Acker­bau­re­gionen in Mittel- und Nord­eu­ropa. Der entschei­dende Trend ist mehr Varia­bi­lität. Betriebe sollten deshalb auf Anbau­sys­teme setzen, die sowohl „zu wenig Wasser“ als auch „zu viel Wasser“ abpuf­fern können.

Durch den Klima­wandel treten Dürre­phasen und Stark­re­gen­er­eig­nisse häufiger auf.

Wie weit kann man regio­nalen Nieder­schlags­pro­gnosen trauen und wie sollten Land­wirte trotz Unsi­cher­heit planen?

Die Trends für Tempe­ra­turen sind relativ klar, während die Modell­er­geb­nisse bei den regio­nalen Nieder­schlägen mit größerer Unsi­cher­heit behaftet sind. Für die Praxis heißt das, nicht auf „es wird sicher trockener oder feuchter“ zu setzen, sondern statt­dessen die Stand­ort­fak­toren wie Boden­was­ser­hal­te­ver­mögen, Humus und Relief konse­quent zu berück­sich­tigen und zu nutzen sowie in robuste Anbau­ver­fahren zu inves­tieren. Gleich­zeitig werden die kurz­fris­tigen Wetter­pro­gnosen besser, was beim Timing von Boden­be­ar­bei­tung, Düngung, Pflan­zen­schutz und Bewäs­se­rung hilft.

Böden mit einem hohen Humus­ge­halt können Wasser besser spei­chern

Welche Maßnahmen bringen kurz­fristig den größten Erfolg für einen Betrieb?

In der Praxis stehen drei Themen­be­reiche im Vorder­grund: 1) Die Wasser­hal­te­fä­hig­keit des Bodens fördern, beispiels­weise durch Zwischen­früchte, Mulch und Boden­be­de­ckung oder durch Humus­aufbau. Welche konkreten Maßnahmen sich am besten eignen hängt stark vom jewei­ligen Standort ab. 2) Stark­regen immer mitdenken und für funk­ti­ons­fä­hige Entwäs­se­rung und Abfluss­wege sorgen sowie Boden­ver­dich­tungen vermeiden. 3) Das Risiko streuen durch viel­fäl­ti­gere Frucht­folgen, besser an den Standort ange­passte Kulturen und Sorten oder eine Ernte­aus­fall­ver­si­che­rung. Wenn neue Kulturen ange­baut werden sollen, muss der Land­wirt auch an Vermark­tungs­mög­lich­keiten und die Renta­bi­lität denken.

Mulch oder Zwischen­früchte sorgen für eine Bede­ckung des Bodens und …

… erhöhen so die Wasser­hal­te­fä­hig­keit.

Sie arbeiten mit Modell­rech­nungen und Szena­rien. Was können Land­wirte daraus konkret ableiten?

Modell­ba­sierte Szena­rien liefern keine „Punkt­pro­gnose“ für den einzelnen Hof, aber sie zeigen robuste Trends und typi­sche Risiken wie größere Tempe­ratur- und Nieder­schlags­schwan­kungen. Außerdem ist der Blick auf das Gesamt­system wichtig. Ernte­aus­fälle wirken über Preise, Handel und Betriebs­mit­tel­märkte zurück auf den Betrieb. Den prak­ti­schen Nutzen von Modell­rech­nungen sehe sehe ich vor allem in der Hilfe bei Entschei­dungen: Welche Risiken bin als Land­wirt bereit zu tragen? Wo lohnen sich Inves­ti­tionen in ein resi­li­en­teres System und wo sind Aussagen zu unsi­cher, um darauf zu wetten?

Beim Klima­schutz spielt die Tier­hal­tung eine große Rolle. Wo liegen aus Ihrer Sicht die wich­tigsten Stell­schrauben, die auf Betrieben tatsäch­lich umsetzbar sind?

Ein großer Teil der Treib­haus­gas­emis­sionen aus der Land­wirt­schaft hängt direkt oder indi­rekt an der Tier­hal­tung. Auf Betriebs­ebene helfen daher Maßnahmen zur Verbes­se­rung der Tier­ge­sund­heit, der Fütte­rungs­ef­fi­zienz sowie Gülle abzu­de­cken, aufzu­be­reiten und emis­si­onsarm auszu­bringen, Nähr­stoff­kreis­läufe zu schließen und den Futterbau sowie die Düngung präziser zu steuern. Trotz all dieser Maßnahmen wird es aller­dings schwer­fallen, ohne sinkende Tier­zahlen in der Fläche die Emis­sionen deut­lich zu senken.

Um die Treib­haus­gas­emis­sionen aus der Tier­hal­tung möglichst gering zu halten sollte an der Tier­ge­sund­heit und Fütte­rungs­ef­fi­zienz gear­beitet werden.

Außerdem sollten Güllelager abge­deckt sein …

… und die Gülle emis­si­onsarm ausge­bracht werden.

Was braucht es poli­tisch, damit Betriebe in Klima­schutz und Anpas­sung inves­tieren können?

Entschei­dend sind verläss­liche Instru­mente statt nur Ziel­bilder. Das bedeutet klare, lang­fris­tige Anreize, die Emis­si­ons­min­de­rung und Risi­ko­vor­sorge hono­rieren und Betrieben Wahl­frei­heit lassen. Das kann über geziel­tere Agrar­för­de­rung, Ergeb­nis­prä­mien oder Formen der Beprei­sung von Treib­haus­gas­emis­sionen passieren. Für Inves­ti­tionen ist Plan­bar­keit zentral. Wenn Betriebe nicht wissen, ob Regeln kommen oder wieder verschwinden, wird zu wenig umge­stellt.

Digi­ta­li­sie­rung hilft vor allem dort, wo sie für eine bessere zeit­liche und räum­liche Umset­zung von Maßnahmen sorgt und Betriebs­mittel spart.

Wo helfen Digi­ta­li­sie­rung und Präzi­si­ons­land­wirt­schaft heute am schnellsten, gerade bei Wetter­ri­siken?

Am meisten bringt die Digi­ta­li­sie­rung dort, wo sie für eine bessere zeit­liche und räum­liche Umset­zung von Maßnahmen sorgt und Betriebs­mittel spart, also bei teil­flä­chen­spe­zi­fi­scher Düngung, sensor­ge­stützter Bewäs­se­rung, Ertrags- und Boden­karten, sowie besserer Doku­men­ta­tion und Auswer­tung nach Extrem­jahren. So lassen sich Engstellen wie Boden­ver­dich­tung, Stau­nässe oder Trocken­stress schneller erkennen und Abhil­fe­maß­nahmen gezielter planen.

Ihr wich­tigster Rat an junge Betriebs­leiter für die nächsten 25 Jahre?

Erstens: Risiken streuen über viel­fäl­ti­gere Frucht­folgen, eine stabile Boden­struktur und die Auswahl passender Sorten und Kultur­arten. Zwei­tens: Wasser und Boden als „Versi­che­rung“ behan­deln und Boden­ver­dich­tungen vermeiden sowie für Wasser­rück­halt und Erosi­ons­schutz sorgen, und dort wo es nötig ist auch für Entwäs­se­rung. Drit­tens: Daten nutzen und lern­be­reit bleiben, indem man kleine Versuche anlegt, um neue Verfahren und Kulturen zu testen. Die Vermark­tung sollte dabei früh mitge­dacht werden.