Welche Klimaänderungen sind für Betriebe in Europa auf Sicht der nächsten 20–25 Jahren am wahrscheinlichsten, und was bedeutet das für die Praxis?

Es wird wärmer in Europa, und mit jedem Zehntelgrad steigt das Risiko für Extremwetter. Betriebe müssen häufiger mit Trockenperioden, Starkregen sowie längeren Hitze- und Dürrephasen rechnen. In Mitteleuropa nehmen zudem „blockierte“ Wetterlagen zu, also Hochs oder Tiefs, die länger festliegen und die Extreme verstärken. Für die Praxis bedeutet das, die Planung stärker auf Schwankungen auszulegen, d. h. Wasser sparen und gleichzeitig Starkregen abführen können.
Viele sagen: „Wärmer heißt mehr Wasser in der Luft.“ Warum erleben wir trotzdem wochenlange Trockenheit?
Global kann wärmere Luft mehr Wasserdampf tragen, aber der Regen fällt nicht unbedingt dort, wo er verdunstet ist. Für Betriebe zählt außerdem die Verteilung. Drei Wochen Trockenheit und dann ein Starkregen ersetzen keinen gleichmäßigen Landregen. Genau diese ungleichmäßigen Muster nehmen zu und damit auch das Risiko von Ertrags- und Qualitätsverlusten.
Wo sind Ernteausfälle durch Hitze, Trockenheit oder Starkregen besonders wahrscheinlich? Und was bedeutet das für Betriebe in Nord-, Süd- und Mitteleuropa?
Im Mittelmeerraum ist die Grundtendenz schon heute heißer und trockener. Aber Extremjahre treffen zunehmend auch „klassische“ Ackerbauregionen in Mittel- und Nordeuropa. Der entscheidende Trend ist mehr Variabilität. Betriebe sollten deshalb auf Anbausysteme setzen, die sowohl „zu wenig Wasser“ als auch „zu viel Wasser“ abpuffern können.

Wie weit kann man regionalen Niederschlagsprognosen trauen und wie sollten Landwirte trotz Unsicherheit planen?
Die Trends für Temperaturen sind relativ klar, während die Modellergebnisse bei den regionalen Niederschlägen mit größerer Unsicherheit behaftet sind. Für die Praxis heißt das, nicht auf „es wird sicher trockener oder feuchter“ zu setzen, sondern stattdessen die Standortfaktoren wie Bodenwasserhaltevermögen, Humus und Relief konsequent zu berücksichtigen und zu nutzen sowie in robuste Anbauverfahren zu investieren. Gleichzeitig werden die kurzfristigen Wetterprognosen besser, was beim Timing von Bodenbearbeitung, Düngung, Pflanzenschutz und Bewässerung hilft.

Welche Maßnahmen bringen kurzfristig den größten Erfolg für einen Betrieb?
In der Praxis stehen drei Themenbereiche im Vordergrund: 1) Die Wasserhaltefähigkeit des Bodens fördern, beispielsweise durch Zwischenfrüchte, Mulch und Bodenbedeckung oder durch Humusaufbau. Welche konkreten Maßnahmen sich am besten eignen hängt stark vom jeweiligen Standort ab. 2) Starkregen immer mitdenken und für funktionsfähige Entwässerung und Abflusswege sorgen sowie Bodenverdichtungen vermeiden. 3) Das Risiko streuen durch vielfältigere Fruchtfolgen, besser an den Standort angepasste Kulturen und Sorten oder eine Ernteausfallversicherung. Wenn neue Kulturen angebaut werden sollen, muss der Landwirt auch an Vermarktungsmöglichkeiten und die Rentabilität denken.
Sie arbeiten mit Modellrechnungen und Szenarien. Was können Landwirte daraus konkret ableiten?
Modellbasierte Szenarien liefern keine „Punktprognose“ für den einzelnen Hof, aber sie zeigen robuste Trends und typische Risiken wie größere Temperatur- und Niederschlagsschwankungen. Außerdem ist der Blick auf das Gesamtsystem wichtig. Ernteausfälle wirken über Preise, Handel und Betriebsmittelmärkte zurück auf den Betrieb. Den praktischen Nutzen von Modellrechnungen sehe sehe ich vor allem in der Hilfe bei Entscheidungen: Welche Risiken bin als Landwirt bereit zu tragen? Wo lohnen sich Investitionen in ein resilienteres System und wo sind Aussagen zu unsicher, um darauf zu wetten?
Beim Klimaschutz spielt die Tierhaltung eine große Rolle. Wo liegen aus Ihrer Sicht die wichtigsten Stellschrauben, die auf Betrieben tatsächlich umsetzbar sind?
Ein großer Teil der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft hängt direkt oder indirekt an der Tierhaltung. Auf Betriebsebene helfen daher Maßnahmen zur Verbesserung der Tiergesundheit, der Fütterungseffizienz sowie Gülle abzudecken, aufzubereiten und emissionsarm auszubringen, Nährstoffkreisläufe zu schließen und den Futterbau sowie die Düngung präziser zu steuern. Trotz all dieser Maßnahmen wird es allerdings schwerfallen, ohne sinkende Tierzahlen in der Fläche die Emissionen deutlich zu senken.
Was braucht es politisch, damit Betriebe in Klimaschutz und Anpassung investieren können?
Entscheidend sind verlässliche Instrumente statt nur Zielbilder. Das bedeutet klare, langfristige Anreize, die Emissionsminderung und Risikovorsorge honorieren und Betrieben Wahlfreiheit lassen. Das kann über gezieltere Agrarförderung, Ergebnisprämien oder Formen der Bepreisung von Treibhausgasemissionen passieren. Für Investitionen ist Planbarkeit zentral. Wenn Betriebe nicht wissen, ob Regeln kommen oder wieder verschwinden, wird zu wenig umgestellt.

Wo helfen Digitalisierung und Präzisionslandwirtschaft heute am schnellsten, gerade bei Wetterrisiken?
Am meisten bringt die Digitalisierung dort, wo sie für eine bessere zeitliche und räumliche Umsetzung von Maßnahmen sorgt und Betriebsmittel spart, also bei teilflächenspezifischer Düngung, sensorgestützter Bewässerung, Ertrags- und Bodenkarten, sowie besserer Dokumentation und Auswertung nach Extremjahren. So lassen sich Engstellen wie Bodenverdichtung, Staunässe oder Trockenstress schneller erkennen und Abhilfemaßnahmen gezielter planen.
Ihr wichtigster Rat an junge Betriebsleiter für die nächsten 25 Jahre?
Erstens: Risiken streuen über vielfältigere Fruchtfolgen, eine stabile Bodenstruktur und die Auswahl passender Sorten und Kulturarten. Zweitens: Wasser und Boden als „Versicherung“ behandeln und Bodenverdichtungen vermeiden sowie für Wasserrückhalt und Erosionsschutz sorgen, und dort wo es nötig ist auch für Entwässerung. Drittens: Daten nutzen und lernbereit bleiben, indem man kleine Versuche anlegt, um neue Verfahren und Kulturen zu testen. Die Vermarktung sollte dabei früh mitgedacht werden.





