Ein warmer Frühlingsmorgen im Mai. Auf der großzügigen Terrasse im Garten hinter dem Haus serviert Bianca Lütje Kaffee und Kekse. Ihr Mann Ernst Lütje erzählt: „Wenn Kunden mal zu uns nach Hause kommen, dann finden Sie es hier so herrlich entspannt. Ist es auch, aber dahinter steckt harte und kontinuierliche Arbeit.“ Zusammen mit seinem Partner Jochen Gaus, der wenig später dazukommt, bewirtschaftet er 550 ha Ackerland hauptsächlich mit Getreide, Zuckerrüben, Raps und Kartoffeln an der südlichen Grenze zur Lüneburger Heide. Außerdem hält jeder der Partner für sich noch Schweine und nutzt Gebäudedächer für Photovoltaikanlagen.
Das wichtigste Standbein ist mit ungefähr 100 ha Anbaufläche die Kartoffel, dazu kommen 12 ha Zwiebeln und 2,5 ha Süßkartoffeln. Zu diesem Betriebszweig gehören neben dem Anbau auch die Lagerung und die Vermarktung der Produkte – sowohl direkt an Endkunden über einen Online-Shop und Hofläden als auch über Supermärkte in der Region. Begonnen haben die Zusammenarbeit vor über 40 Jahren die Väter der heutigen Betriebsleiter, zunächst als Maschinengemeinschaft und seit 1992 mit dem gemeinsamen Kartoffelanbau. Inzwischen steht in beiden Familien die dritte Generation in den Startlöchern und bereitet sich auf die Betriebsübernahme vor – ein klares Indiz für die Zukunftsfähigkeit des Betriebskonzepts und das Interesse an der Landwirtschaft.

Vom Direktverkauf in den Supermarkt
Am Anfang des Kartoffelanbaus stand der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit von der Agrarpolitik. Wie die Landwirte es aus dem Getreideanbau kannten, schlossen sie zunächst Verträge mit verarbeitenden Unternehmen wie Schälbetrieben ab. Allerdings erhielten sie im ersten Jahr mehr Geld für überschüssige Kartoffeln, die sie als Futter verkauften, als für die eigentliche in den Verträgen vereinbarte Ware. „Das Gute daran war, dass uns die Kartoffeln geschmeckt haben. Und wir glaubten daran, dass sie unseren Nachbarn auch schmecken würden“, sagt Ernst Lütje. So begannen sie zunächst mit dem Direktverkauf über Selbstbedienungsstände in den umliegenden Dörfern.

Uns haben die Kartoffeln geschmeckt. Und wir glaubten daran, dass sie unseren Nachbarn auch schmecken würden.
Ernst Lütje
Damit die Kunden wussten, wo die Kartoffeln herkommen, entwickelten sie ein eigenes Logo, welches heute noch auf ihren Verpackungen, Verkaufsständen, Auslieferungsfahrzeugen und ihren Internet- und Social-Mediaseiten zu sehen ist. Das Logo wurde durch den Spruch „Vergiss die Nudeln“ ergänzt, und schon bald wurde die erste Supermarktkette in der Umgebung auf sie aufmerksam. Schnell lernten die Landwirte, wie wichtig Bekanntheit, aber auch die Produktqualität, sowie ein zuverlässiger Service, wie die Verfügbarkeit von möglichst frischen Kartoffeln über das ganze Jahr, für die Kunden sind.

Positive Einblicke auf Social Media
„Die Produktwerbung war anfangs klassisch über Anzeigen“, erzählt Bianca Lütje. „Das funktioniert heute aber nicht mehr so gut.“ Stattdessen gibt es eigene Regalflächen in den Supermärkten, innovative plastikfreie Verpackungen und die Möglichkeit über speziell gekennzeichnete Kisten Kartoffeln lose in den Supermärkten anzuliefern und einzeln zu vermarkten. Neue Produkte wie Zwiebeln, besonders schonend hergestellte knackige Süßkartoffelchips oder während der Coronazeit eigens hergestelltes Mehl, helfen, das Gesicht der Marke frisch und jung zu halten.
Während für die ältere Kundschaft gelegentlich besondere Marketingaktionen veranstaltet werden, setzt Bianca Lütje bei dem jüngeren Publikum vor allem auf Social Media. Regelmäßig bespielt sie den Instagram-Kanal „Gaus-Luetje Kartoffeln“ mit über 11 000 Followern. Gepostet wird, was auf dem Hof gerade passiert, welche neuen Produkte es gibt, oder sie berichtet über Aktivitäten, bei denen die Gesichter der Familie immer wieder gekonnt in Szene gesetzt werden. So erhalten die Nutzer positive Einblicke in die Landwirtschaft, und durch die Personen bekommt der Landwirt ein Gesicht, was Vertrauen schafft.


Bianca Lütje unterhält noch einen weiteren Instagramm Kanal – „Hof-Luetje“. Dort zeigt sie vor allem Kleintiere wie Hühner, Katzen, Zeigen, Schafe und Ponys. Außerdem nutzt sie den Kanal als Werbeplattform für Kindergeburtstagsfeiern, die sie auf dem Hof veranstaltet. Bei den Geburtstagsfeiern kommen die Kinder in Kontakt mit den Tieren und der Landwirtschaft. Und wenn Eltern ihre Kinder bringen oder abholen, ergeben sich immer wieder Gespräche, welche sie nutzt, um über die landwirtschaftlichen Aktivitäten auf dem Hof zu berichten und aufzuklären. Auch wenn Kindergartengruppen oder Schulklassen den Hof besuchen und durch die Ställe geführt werden oder Kartoffeln mit ihren eigenen Händen ernten, versuchen die Landwirte Hintergrundwissen zu vermitteln.
Den Kontakt zu den Verbrauchern suchen
Ein alljährliches Highlight für die Landwirte ist die Teilnahme an der Grünen Woche in Berlin. Dort treffen sie vor allem Verbraucher, die heute deutlich weniger über Lebensmittel wissen als vorangegangen Generationen. „Man kann das zwar bedauern, aber ich weiß auch nicht, wie ein Auto funktioniert und fahre trotzdem damit“, sagt Ernst Lütje. „Die Gesellschaft hat sich halt so entwickelt.“ Trotzdem nutzen sie jede Gelegenheit, um über ihre Arbeit aufzuklären. Auch wenn es um kritische Themen, wie den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln geht, nehmen sie dazu offen Stellung und erklären, warum sie das tun. Die meisten Gesprächspartner zeigen sich dann verständnisvoll und sagen: „Das haben wir gar nicht gewusst.“



Regelmäßig besuchen Jochen Gaus und Ernst Lütje Fachtagungen und nehmen an Initiativen teil, um neue Impulse zu bekommen und ihre eigene Arbeit zu hinterfragen. Außerdem liegt eine Teil Ihrer Flächen in Wasserschutzgebieten, was höhere Umweltauflagen bei der Bewirtschaftung bedeutet und eine enge Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden erfordert. Das FINKA Projekt beispielsweise fördert den Dialog zwischen konventionell und ökologisch wirtschaftenden Landwirten. Da haben sie sich bereits Einiges für ihren Zwischenfruchtanbau und die Unkrautbekämpfung abgeschaut. Mit dem Regionalwertrechner haben sie versucht einen ganzheitlicheren Blick auf ihren Betrieb zu bekommen. Sie wissen zwar nicht genau, wie die eingegebenen Daten miteinander verrechnet werden. Es ist ihnen aber klar geworden, welche Leistungen ihr Betrieb über die Produktion von Lebensmitteln hinaus für die Gesellschaft bereitstellt. Dazu gehört beispielsweise die Aufklärungsarbeit, die sie leisten, oder die Arbeitsplätze, die sie in der Region zur Verfügung stellen.
„Wir gehören zu den Guten“
Insgesamt 10 Festangestellte arbeiten auf dem Betrieb. Während der Saison kommen noch einmal 10 Aushilfskräfte hinzu. Mit den Löhnen in den nahegelegenen VW-Städten Wolfsburg und Braunschweig können die Landwirte nicht konkurrieren. Da müssen sie ihren Mitarbeitern schon andere Angebote, wie beispielsweise das tägliche gemeinsame Mittagessen, machen. Auch ist man auf dem Land gewohnt, sich gegenseitig auszuhelfen. „Einer für alle – alle für einen“ ist einer der Sprüche, die für den Betrieb eine hohe Bedeutung haben. Da sie vor Ort bekannt und anerkannt sind, finden sie immer wieder Rentner, die bereit sind, die Auslieferungsfahrten zu erledigen. Bei der Mitarbeiterrekrutierung greifen sie immer häufiger auf Saisonarbeiter aus osteuropäischen Ländern zurück. So hilft der Landwirtschaftliche Betrieb auch bei der Integration von Zuwanderern. „Im Ackerbau“, so Jochen Gaus, „ist es uns gelungen ausscheidende Arbeitskräfte durch moderne Technik zu kompensieren.“ Die hilft auch, wenn es darum geht, den umfangreichen Berichtspflichten, denen die Landwirtschaft unterliegt, nachzukommen.

„Mit dem Ausfüllen von Anträgen und den Dokumentationspflichten zeigen wir letztlich nur, dass wir geltendes Recht befolgen“, so Jochen Gaus. Da der Agrarsektor viele Zahlungen erhält, sollten die Landwirte mit diesem Thema etwas entspannter umgehen anstatt sich nur gegängelt zu fühlen, so die einhellige Meinung. Die Landwirte sind sich einig, dass sich das Image der Landwirtschaft in den letzten Jahren verbessert hat. Die Corona Krise und der Ukraine Krieg haben das Thema Ernährungssicherheit wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung gebracht. Auch glauben sie, dass durch die Bauernproteste Anfang des Jahres 2023 mehr Verständnis für die Landwirtschaft entstanden ist. Durch ihre vielseitigen öffentlichen Aktivitäten wollen die Familien Gaus und Lütje ihren ganz eigenen Beitrag für den Berufsstand leisten. „Wir wollen, dass die Verbraucher verstehen, dass wir zu den Guten gehören“, so sagt Ernst Lütje mehrmals während des Gesprächs.

