Gaus-Lütje zwischen Ackerbau, Supermarkt und Social Media

Seit über 30 Jahren bewirt­schaften die Fami­lien Gaus und Lütje ihre Betriebe weit­ge­hend gemeinsam. Der Kartof­fel­anbau und die Vermark­tung hat sie nahe an ihre Kunden gebracht. Damit die Kunden ihre Produkte auch kaufen tun sie viel, um ein posi­tives Bild von der Land­wirt­schaft zu vermit­teln. Aber nicht nur das Außen­bild muss stimmen, dahinter steht viel Selbst­re­flek­tion und harte Arbeit.

Ein warmer Früh­lings­morgen im Mai. Auf der groß­zü­gigen Terrasse im Garten hinter dem Haus serviert Bianca Lütje Kaffee und Kekse. Ihr Mann Ernst Lütje erzählt: „Wenn Kunden mal zu uns nach Hause kommen, dann finden Sie es hier so herr­lich entspannt. Ist es auch, aber dahinter steckt harte und konti­nu­ier­liche Arbeit.“ Zusammen mit seinem Partner Jochen Gaus, der wenig später dazu­kommt, bewirt­schaftet er 550 ha Acker­land haupt­säch­lich mit Getreide, Zucker­rüben, Raps und Kartof­feln an der südli­chen Grenze zur Lüne­burger Heide. Außerdem hält jeder der Partner für sich noch Schweine und nutzt Gebäu­de­dä­cher für Photo­vol­ta­ik­an­lagen.

Das wich­tigste Stand­bein ist mit unge­fähr 100 ha Anbau­fläche die Kartoffel, dazu kommen 12 ha Zwie­beln und 2,5 ha Süßkar­tof­feln. Zu diesem Betriebs­zweig gehören neben dem Anbau auch die Lage­rung und die Vermark­tung der Produkte – sowohl direkt an Endkunden über einen Online-Shop und Hofläden als auch über Super­märkte in der Region. Begonnen haben die Zusam­men­ar­beit vor über 40 Jahren die Väter der heutigen Betriebs­leiter, zunächst als Maschi­nen­ge­mein­schaft und seit 1992 mit dem gemein­samen Kartof­fel­anbau. Inzwi­schen steht in beiden Fami­lien die dritte Gene­ra­tion in den Start­lö­chern und bereitet sich auf die Betriebs­über­nahme vor – ein klares Indiz für die Zukunfts­fä­hig­keit des Betriebs­kon­zepts und das Inter­esse an der Land­wirt­schaft.

Inzwi­schen bereitet sich die dritte Gene­ra­tion auf die Fort­füh­rung des Betriebes vor.

Vom Direkt­ver­kauf in den Supermarkt

Am Anfang des Kartof­fel­an­baus stand der Wunsch nach mehr Unab­hän­gig­keit von der Agrar­po­litik.  Wie die Land­wirte es aus dem Getrei­de­anbau kannten, schlossen sie zunächst Verträge mit verar­bei­tenden Unter­nehmen wie Schäl­be­trieben ab. Aller­dings erhielten sie im ersten Jahr mehr Geld für über­schüs­sige Kartof­feln, die sie als Futter verkauften, als für die eigent­liche in den Verträgen verein­barte Ware. „Das Gute daran war, dass uns die Kartof­feln geschmeckt haben. Und wir glaubten daran, dass sie unseren Nach­barn auch schme­cken würden“, sagt Ernst Lütje. So begannen sie zunächst mit dem Direkt­ver­kauf über Selbst­be­die­nungs­stände in den umlie­genden Dörfern.

Damit die Kunden wussten, wo die Kartof­feln herkommen, entwi­ckelten sie ein eigenes Logo, welches heute noch auf ihren Verpa­ckungen, Verkaufs­ständen, Auslie­fe­rungs­fahr­zeugen und ihren Internet- und Social-Media­seiten zu sehen ist. Das Logo wurde durch den Spruch „Vergiss die Nudeln“ ergänzt, und schon bald wurde die erste Super­markt­kette in der Umge­bung auf sie aufmerksam. Schnell lernten die Land­wirte, wie wichtig Bekannt­heit, aber auch die Produkt­qua­lität, sowie ein zuver­läs­siger Service, wie die Verfüg­bar­keit von möglichst frischen Kartof­feln über das ganze Jahr, für die Kunden sind.

Mit einem auffäl­ligen Logo und eigenen Regalen in Super­märkten werden die Produkte präsen­tiert.

Posi­tive Einblicke auf Social Media

„Die Produkt­wer­bung war anfangs klas­sisch über Anzeigen“, erzählt Bianca Lütje. „Das funk­tio­niert heute aber nicht mehr so gut.“ Statt­dessen gibt es eigene Regal­flä­chen in den Super­märkten, inno­va­tive plas­tik­freie Verpa­ckungen und die Möglich­keit über speziell gekenn­zeich­nete Kisten Kartof­feln lose in den Super­märkten anzu­lie­fern und einzeln zu vermarkten. Neue Produkte wie Zwie­beln, beson­ders scho­nend herge­stellte knackige Süßkar­tof­fel­chips oder während der Coro­na­zeit eigens herge­stelltes Mehl, helfen, das Gesicht der Marke frisch und jung zu halten.

Während für die ältere Kund­schaft gele­gent­lich beson­dere Marke­ting­ak­tionen veran­staltet werden, setzt Bianca Lütje bei dem jüngeren Publikum vor allem auf Social Media. Regel­mäßig bespielt sie den Insta­gram-Kanal „Gaus-Luetje Kartof­feln“ mit über 11 000 Follo­wern. Gepostet wird, was auf dem Hof gerade passiert, welche neuen Produkte es gibt, oder sie berichtet über Akti­vi­täten, bei denen die Gesichter der Familie immer wieder gekonnt in Szene gesetzt werden. So erhalten die Nutzer posi­tive Einblicke in die Land­wirt­schaft, und durch die Personen bekommt der Land­wirt ein Gesicht, was Vertrauen schafft.  

Auf Ihrem Insta­gram-Kanal „Gaus-Luetje Kartof­feln“ postet Bianca Lütje regel­mäßig Bilder und Videos von aktu­ellen Akti­vi­täten auf dem Betrieb.
Die Gesichter der Familie werden bei den Social Media Posts gekonnt in Szene gesetzt. So bekommt die Land­wirt­schaft ein Gesicht, was Vertrauen schafft.  

Bianca Lütje unter­hält noch einen weiteren Insta­gramm Kanal – „Hof-Luetje“. Dort zeigt sie vor allem Klein­tiere wie Hühner, Katzen, Zeigen, Schafe und Ponys. Außerdem nutzt sie den Kanal als Werbe­platt­form für Kinder­ge­burts­tags­feiern, die sie auf dem Hof veran­staltet. Bei den Geburts­tags­feiern kommen die Kinder in Kontakt mit den Tieren und der Land­wirt­schaft. Und wenn Eltern ihre Kinder bringen oder abholen, ergeben sich immer wieder Gespräche, welche sie nutzt, um über die land­wirt­schaft­li­chen Akti­vi­täten auf dem Hof zu berichten und aufzu­klären. Auch wenn Kinder­gar­ten­gruppen oder Schul­klassen den Hof besu­chen und durch die Ställe geführt werden oder Kartof­feln mit ihren eigenen Händen ernten, versu­chen die Land­wirte Hinter­grund­wissen zu vermit­teln.

Den Kontakt zu den Verbrau­chern suchen

Ein alljähr­li­ches High­light für die Land­wirte ist die Teil­nahme an der Grünen Woche in Berlin. Dort treffen sie vor allem Verbrau­cher, die heute deut­lich weniger über Lebens­mittel wissen als voran­ge­gangen Gene­ra­tionen. „Man kann das zwar bedauern, aber ich weiß auch nicht, wie ein Auto funk­tio­niert und fahre trotzdem damit“, sagt Ernst Lütje. „Die Gesell­schaft hat sich halt so entwi­ckelt.“ Trotzdem nutzen sie jede Gele­gen­heit, um über ihre Arbeit aufzu­klären. Auch wenn es um kriti­sche Themen, wie den Einsatz von Pflan­zen­schutz­mit­teln geht, nehmen sie dazu offen Stel­lung und erklären, warum sie das tun. Die meisten Gesprächs­partner zeigen sich dann verständ­nis­voll und sagen: „Das haben wir gar nicht gewusst.“

Regel­mäßig kommen Kinder zu Kinder­ge­burts­tagen…
als Kinder­gar­ten­gruppen oder…
Schul­klassen auf den Betrieb, und sie bekommen so einen Eindruck von der Land­wirt­schaft.

Regel­mäßig besu­chen Jochen Gaus und Ernst Lütje Fach­ta­gungen und nehmen an Initia­tiven teil, um neue Impulse zu bekommen und ihre eigene Arbeit zu hinter­fragen. Außerdem liegt eine Teil Ihrer Flächen in Wasser­schutz­ge­bieten, was höhere Umwelt­auf­lagen bei der Bewirt­schaf­tung bedeutet und eine enge Zusam­men­ar­beit mit den zustän­digen Behörden erfor­dert. Das FINKA Projekt beispiels­weise fördert den Dialog zwischen konven­tio­nell und ökolo­gisch wirt­schaf­tenden Land­wirten. Da haben sie sich bereits Einiges für ihren Zwischen­frucht­anbau und die Unkraut­be­kämp­fung abge­schaut. Mit dem Regio­nal­wert­rechner haben sie versucht einen ganz­heit­li­cheren Blick auf ihren Betrieb zu bekommen. Sie wissen zwar nicht genau, wie die einge­ge­benen Daten mitein­ander verrechnet werden. Es ist ihnen aber klar geworden, welche Leis­tungen ihr Betrieb über die Produk­tion von Lebens­mit­teln hinaus für die Gesell­schaft bereit­stellt. Dazu gehört beispiels­weise die Aufklä­rungs­ar­beit, die sie leisten, oder die Arbeits­plätze, die sie in der Region zur Verfü­gung stellen.

„Wir gehören zu den Guten“

Insge­samt 10 Fest­an­ge­stellte arbeiten auf dem Betrieb. Während der Saison kommen noch einmal 10 Aushilfs­kräfte hinzu. Mit den Löhnen in den nahe­ge­le­genen VW-Städten Wolfs­burg und Braun­schweig können die Land­wirte nicht konkur­rieren. Da müssen sie ihren Mitar­bei­tern schon andere Ange­bote, wie beispiels­weise das tägliche gemein­same Mittag­essen, machen. Auch ist man auf dem Land gewohnt, sich gegen­seitig auszu­helfen. „Einer für alle – alle für einen“ ist einer der Sprüche, die für den Betrieb eine hohe Bedeu­tung haben. Da sie vor Ort bekannt und aner­kannt sind, finden sie immer wieder Rentner, die bereit sind, die Auslie­fe­rungs­fahrten zu erle­digen. Bei der Mitar­bei­ter­re­kru­tie­rung greifen sie immer häufiger auf Saison­ar­beiter aus osteu­ro­päi­schen Ländern zurück. So hilft der Land­wirt­schaft­liche Betrieb auch bei der Inte­gra­tion von Zuwan­de­rern. „Im Ackerbau“, so Jochen Gaus, „ist es uns gelungen ausschei­dende Arbeits­kräfte durch moderne Technik zu kompen­sieren.“ Die hilft auch, wenn es darum geht, den umfang­rei­chen Berichts­pflichten, denen die Land­wirt­schaft unter­liegt, nach­zu­kommen.

Die Land­wirte nutzen regel­mäßig die Grüne Woche in Berlin, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen und mit den Verbrau­chern ins Gespräch zu kommen.

„Mit dem Ausfüllen von Anträgen und den Doku­men­ta­ti­ons­pflichten zeigen wir letzt­lich nur, dass wir geltendes Recht befolgen“, so Jochen Gaus. Da der Agrar­sektor viele Zahlungen erhält, sollten die Land­wirte mit diesem Thema etwas entspannter umgehen anstatt sich nur gegän­gelt zu fühlen, so die einhel­lige Meinung. Die Land­wirte sind sich einig, dass sich das Image der Land­wirt­schaft in den letzten Jahren verbes­sert hat. Die Corona Krise und der Ukraine Krieg haben das Thema Ernäh­rungs­si­cher­heit wieder in das Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung gebracht. Auch glauben sie, dass durch die Bauern­pro­teste Anfang des Jahres 2023 mehr Verständnis für die Land­wirt­schaft entstanden ist. Durch ihre viel­sei­tigen öffent­li­chen Akti­vi­täten wollen die Fami­lien Gaus und Lütje ihren ganz eigenen Beitrag für den Berufs­stand leisten. „Wir wollen, dass die Verbrau­cher verstehen, dass wir zu den Guten gehören“, so sagt Ernst Lütje mehr­mals während des Gesprächs.

Inter­net­auf­tritt der Marke Gaus-Lütje