„Wir machen einen Wetter­be­richt für den Boden“

Andreas Brömser ist Agrar­me­teo­ro­loge beim Deut­schen Wetter­dienst (DWD). Er hilft Land­wirten dabei, mit Hilfe von Boden­feuchte-Prognosen vorraus­schau­ende Entschei­dungen zu treffen.

Herr Brömser, den Wetter­be­richt kennt jeder. Aber was ist die Vorher­sage der Boden­feuchte? 

Sie ist eine Erwei­te­rung der klas­si­schen Wetter­pro­gnose, die wir vom Deut­schen Wetter­dienst speziell für die Land­wirt­schaft entwi­ckelt haben. Während Wetter­vor­her­sagen primär Tempe­ratur, Nieder­schlag und Wind umfassen, geht es bei der Vorher­sage der Boden­feuchte darum, wie viel Wasser sich aktuell im Boden befindet und wie sich dieser Wert in den kommenden Tagen und Wochen voraus­sicht­lich verän­dern wird. Sie basiert auf Daten zur Boden­be­schaf­fen­heit, Nieder­schlag und Verduns­tung.

Was haben Land­wirte davon, wenn sie die Boden­feuchte vorher­sagen können?

Land­wirte können dann einschätzen, ob der Boden trockener oder feuchter als üblich sein wird. Die Vorher­sage gibt ihnen einen Hinweis darauf, wann Trocken­pe­ri­oden oder Über­sät­ti­gung zu erwarten sind. 

Wie ist es möglich, in die Zukunft des Bodens zu schauen?

Durch eine Kombi­na­tion der Daten aus Mess­sta­tionen und Modell­rech­nungen. Der Deut­sche Wetter­dienst betreibt ein Netz­werk mit 20 Mess­sta­tionen in Deutsch­land, die konti­nu­ier­lich Daten zur Feuchte in unter­schied­li­chen Boden­tiefen liefern. Dafür sind an diesen Stationen Sonden in Tiefen zwischen 10 und 90 cm vergraben. Sie zeichnen den Wasser­ge­halt auf. Mit diesen Mess­werten wird ein Boden­feuch­te­mo­dell kali­briert, das Werte für das gesamte Bundes­ge­biet berechnet. In das Modell fließen weitere Daten wie zum Beispiel Nieder­schlags­mengen, Tempe­ra­turen, Verduns­tungs­raten, über 70 verschie­denen Boden­typen und mehrere land­wirt­schaft­liche Kulturen oder Wald­baum­arten ein. Die Berech­nung erfolgt auf einem Raster von 1×1 Kilo­me­tern, sodass wir für jeden Punkt in Deutsch­land einen tages­ak­tu­ellen simu­lierten Boden­feuch­te­zu­stand ableiten.

Die Hülle für zwei Lysi­meter zur Bestim­mung der Boden­feuchte ist groß und der Einbau aufwändig. Die Ergeb­nisse des Lysi­me­ters und des Wurzel­scan­ners gehen in die Erstel­lung des Modells zur Berech­nung der Boden­feuchte ein.

Können Land­wirte konkret prüfen, wie es um den eigenen Boden steht?

Ja, das geht über den Boden­feuch­te­viewer auf unserer DWD-Webseite. Er ist öffent­lich zugäng­lich und eignet sich für eine Analyse der aktu­ellen Boden­feuch­te­si­tua­tion, zum Anzeigen der Entwick­lung in den vergan­genen Monaten und zur Einschät­zung eines Trends der Trocken- oder Feuch­te­phasen in den kommenden Wochen. Monat­lich haben wir bis zu 20.000 Zugriffe auf den Boden­feuch­te­viewer. 
Zusätz­lich bieten wir ein Portal an, das speziell auf land­wirt­schaft­liche Bedürf­nisse zuge­schnitten ist. Es heißt „ISABEL“ und eignet sich beson­ders für die kurz­fris­tige Planung der Aussaat, Bewäs­se­rung oder Ernte. Hier kann jeder Land­wirt die nächst­ge­le­gene Mess­sta­tion auswählen und tages­ak­tuell die Wetter- und Boden­feuch­te­pro­gnosen der kommenden sechs Tage abrufen. Der Zugang zum Portal erfolgt über die Land­wirt­schafts­kam­mern der jewei­ligen Bundes­länder.

So sieht das Lysi­meter vom Zugangs­schacht her gesehen aus, wenn es fertig einge­baut ist. Im Zylinder sind die Boden­feuch­te­sen­soren und drei Zugänge für den foto­gra­fi­schen Wurzel­scanner.
So sieht das einge­baute Lysi­meter von der Erdober­fläche aus. Durch fort­lau­fende Messung des Gewichts und des unten austre­tenden Sicker­was­sers wird die Höhe der Verduns­tung berechnet.

Wie zuver­lässig sind die Boden­feuch­te­pro­gnosen eigent­lich?

Der im Boden­feuch­te­viewer gezeigte Zustand des Bodens ist ein guter Anhalts­punkt für die aktu­elle Situa­tion auf den eigenen Flächen. Je weiter man in die Zukunft schaut, desto unsi­cherer wird es. Vor allem bei der saiso­nalen Einschät­zung über mehrere Monate hinweg sollte man die Vorher­sage eher als Trend bewerten. Da die tatsäch­li­chen Boden­ver­hält­nisse je nach Standort klein­räumig vari­ieren können, empfiehlt es sich, eigene Beob­ach­tungen mit den Analyse- und Progno­se­daten zu kombi­nieren.

Wie geht es mit der Boden­feuch­te­mes­sung in Zukunft weiter?

Neue Sensor­tech­no­lo­gien sollen bald nicht mehr nur punk­tuell, sondern flächiger messen können – im Umkreis von 20 bis 50 Metern. So lässt sich der Zustand des Bodens noch präziser erfassen und damit das Boden­feuch­te­mo­dell mit genaueren Ausgangs­daten füttern. Auch der Einsatz von künst­li­cher Intel­li­genz wird künftig eine Rolle spielen. Sie könnte helfen, die Modelle weiter zu verbes­sern und Prognosen noch genauer zu machen. Für Land­wirte bedeutet das: Wer sich heute schon mit den Tools vertraut macht, ist gut vorbe­reitet auf die Anfor­de­rungen von morgen.


So können Land­wirte in Deutsch­land ihren Boden prüfen

Der frei zugäng­liche „Boden­feuch­te­viewer“ des Deut­schen Wetter­dienstes

  • Zugang: Dieses Tool ist öffent­lich auf der Webseite des DWD verfügbar.
  • Funk­tion: Hier können sich Land­wirte eine grafi­sche Darstel­lung der aktu­ellen Boden­feuchte in Deutsch­landanschauen. Die Karte zeigt farb­co­dierte Abwei­chungen vom Normal­wert und erlaubt den Rück­blick auf die Boden­feuch­te­ent­wick­lung der letzten zwölf Monate.
  • Vorteil: Land­wirte ohne Zugang zum Portal Isabel können so eine erste Einschät­zung für ihre Region erhalten.

Das agrar­me­teo­ro­lo­gi­sche Portal „ISABEL“

  • Zugang: Dieses Portal ist speziell für Land­wirte entwi­ckelt und bietet detail­lierte Wetter- und Boden­in­for­ma­tionen. Der Zugang erfolgt über die Land­wirt­schafts­kam­mern der jewei­ligen Bundes­länder.
  • Funk­tion: Land­wirte können sich die nächst­ge­le­gene Mess­sta­tion auswählen und Wetter- und Boden­feuch­te­pro­gnosen für die kommenden sechs Tage abrufen.
  • Vorteil: Neben der Boden­feuchte zeigt ISABEL auch Boden­tem­pe­ra­turen, Korn­feuchte, Schäd­lings­aus­brei­tung und vieles mehr an, was bei der Planung von Aussaat, Ernte und Pflan­zen­schutz hilft.

Infos zur Person Andreas Brömser

Andreas Brömser ist Meteo­ro­loge und seit 2017 beim Deut­schen Wetter­dienst. Er arbeitet am Standort Offen­bach in der agrar­me­teo­ro­lo­gi­schen Bera­tung und erstellt Wetter­vor­her­sagen für Land­wirte, analy­siert regio­nale land­wirt­schaft­liche Entwick­lungen und erstellt Agrar­themen für das agrar­me­teo­ro­lo­gi­sche Portal „ISABEL“. Darüber hinaus arbeitet er an Monats- und Wochen­rück­bli­cken sowie an Medi­en­an­fragen rund um Wetter­ex­treme wie Trocken­heit oder Stark­regen und hält Vorträge auf land­wirt­schaft­li­chen Fach­ver­an­stal­tungen.