Come­back in Ostafrika

Halfter, Binde­garne und Taue: Land­wirte in aller Welt greifen auf Produkte zurück, die aus der Natur­faser Sisal gesponnen werden. Tansania war bis in die späten Sech­ziger Jahre hinein das welt­weit führende Anbau­land. Doch dann kam mit dem Siegeszug der Synthe­tik­fa­sern ein lang­an­hal­tender Einbruch. Nun erlebt die viel­seitig verwend­bare Natur­faser, und damit der Norden Tansa­nias, einen neuen Aufschwung.

Der Mann ist ein Phänomen. Die meisten Männer in seinem Alter würden sich am wohl­ver­dienten Ruhe­stand erfreuen, er defi­nitiv nicht. Als er vor knapp 30 Jahren die staat­liche Tanzania Sisal Autho­rity verließ, stürzte er sich in ein eigenes Sisal-Aben­teuer. Zu Füßen der Usam­bara-Berge, im Norden Tansa­nias, erwarb er eine verwaiste Sisal-Plan­tage zu einem güns­tigen Preis. Auf den 1.750 ha wucherte Unkraut, viele Agaven waren alt, schossen in die Saat, waren für die Produk­tion nicht mehr zu gebrau­chen. Jetzt läuft es wieder rund auf seiner Sisal­plan­tage. Mitt­ler­weile kulti­vieren und verar­beiten mehr als 300 Mitar­beiter die stache­ligen, grünen Blätter der Agave sisalana, deren Fasern einst als das „blonde Gold Afrikas“ gerühmt wurden.

Damien Ruhinda, verkauft und produ­ziert Sisal in Tanga, Tansania.

Die Rede ist von Damien Ruhinda. Er sieht aus wie 60 und zählt doch schon über 80 Jahre. „Ja, Sisal ist ein taffes Ding“, sagt er im kleinen Büro der D. D. Ruhinda & Company Limited in Tanga. „Um es gleich vorweg­zu­schi­cken“, sagt er trocken, „das Verkaufen ist kein Problem, das Produ­zieren dagegen ist die eigent­liche Heraus­for­de­rung.“ Seine Mission geht aber über die eigenen privat­wirt­schaft­li­chen Ziele hinaus: Er will dazu beitragen, dass die Sisal­faser, einst das wich­tigste Exportgut Tansa­nias, wieder zur früheren Bedeu­tung findet. Um dies zu errei­chen, muss die gesamte tansa­ni­sche Sisal­branche, von der Plan­ta­gen­wirt­schaft bis hin zu den nach­ge­la­gerten Verar­bei­tungs­stufen, aber noch einen langen Weg gehen.

Die Ausgangs­lage ist aller­dings nicht schlecht, denn die inter­na­tio­nale Nach­frage nach der Natur­faser steigt wieder. Ruhinda verweist neben dem einhei­mi­schen Markt auf Abnehmer in den arabi­schen Staaten, in China, aber auch Europa. Der größte Teil geht derzeit in die arabi­schen Staaten, wo die Faser in großen Mengen als Struk­tur­ma­te­rial im Gips-Bau verwendet wird.

Ein weiterer Teil geht in die welt­weite Teppich­pro­duk­tion, aber auch in der Landwirt­schaft und in der Schiff­fahrt zieht die Nach­frage welt­weit nach vielen Jahren der Flaute wieder an. So wollen Schiff­fahrts­organisationen in Austra­lien und Neusee­land den Einsatz von synthe­ti­schen Tauen verbieten lassen, weil diese nicht verrotten und dadurch die Meere belasten.

Ehrgei­zige Ziele

Tanga ist eine entspannte, ja fast verschlafen wirkende tropi­sche Hafen­stadt am Indi­schen Ozean. Moscheen und christ­liche Kirchen stehen sich fried­lich gegen­über. Von hier aus wird die nord­tan­sa­ni­sche Sisal­pro­duk­tion für den Export nach Übersee verschifft. In der Kolo­ni­al­zeit brachten Eisen­bahn­wag­gons die goldene Faser nach Tanga, doch jene Ära ist längst vorbei. Der alte Güter­bahnhof ähnelt gegen­wärtig mehr einem vernach­läs­sigten Indus­trie­mu­seum als einem funk­ti­ons­tüch­tigen Umschlag­platz.

Das Verkaufen ist kein Problem, das Produ­zieren dagegen ist die eigent­liche Heraus­for­de­rung.

Damien Ruhinda

Heute sind es Last­wagen, die die Rohfa­sern und Garne von den Plan­tagen und Spin­ne­reien zur Hafen­stadt bringen. „Mkonge ni Tanga, na Tanga ni Mkonge“ steht in großen Buch­staben auf dem Schild vor dem Gebäude aus engli­scher Kolo­ni­al­zeit, in dem das Tanzania Sisal Board unter­ge­bracht ist. Aus der Landes­sprache Kisua­heli über­setzt heißt das: „Sisal ist Tanga, und Tanga ist Sisal“.

 

Dies unter­streicht die früher immense Bedeu­tung des nach­wach­senden Rohstoffes für die Stadt und ihre umlie­gende Region. So waren in den Sech­ziger Jahren noch 100.000 Menschen im Sisal­sektor beschäf­tigt und auf etwa 500.000 ha Fläche wurde Sisal ange­baut. Nun wird Sisal nach Auskunft von Yunus A. Mssika nur noch auf etwa 43.000 ha regel­mäßig geerntet. „Unsere Anstren­gungen gehen dahin, diese Zahl in den nächsten Jahren deut­lich anzu­heben“, fügt der junge Mann vom Tanzania Sisal Board, in dem über 40 Sisal­un­ter­nehmen orga­ni­siert sind, hinzu.

Veral­tete Technik bremst Wert­schöp­fung

Damien Ruhinda bremst die Euphorie etwas ab. „Wünsche sind oft Väter des Gedan­kens“, sagt er in einer alten Halle, in der er eine neue Spin­nerei aufbauen will, um damit die firmen­ei­gene Wert­schöp­fung zu erhöhen. „Es fehlt uns in Tansania überall an Kapital“, erklärt der Grand­sei­gneur und zeigt auf die alte, gebrauchte Spinn­ma­schine namens „Fibre Mack­high Good Machine“, Baujahr 1967. Eine Hand­voll Mitar­beiter in Blau­män­nern setzt die alte Spinn­ma­schine wieder mühsam instand.

„Solche Maschinen über­haupt zu bekommen, ist schon schwierig, weil der Nieder­gang der Sisal­faser auch die Maschi­nen­bauer in Mitlei­den­schaft zog“, führt Ruhinda aus. „So gibt es de facto keine einzige maschi­nen­bau­liche Inno­va­tion im Bereich der Sisal­ver­ar­bei­tung, weshalb wir notge­drungen auf zwar bewährte, aber veral­tete Technik zurück­greifen müssen.“

 

Unter­dessen spinnen und weben die Maschinen in den Fabrik­hallen der Tancord (1998) Limited am Stadt­rand von Tanga unauf­hör­lich. „Wir produ­zieren Teppiche, Matten und Seile“, sagt Gene­ral­ma­nager Hamisi Maige. „Wir liefern vor allem auf den einhei­mi­schen Markt, aber auch nach Kenia, Mosambik und Südafrika“, fährt Maige fort. Gerne würde man auch nach Übersee liefern. „Dafür braucht es aber Inno­va­tionen, um die Faser zu verfei­nern“, meint Maige, „das ist tech­nisch möglich, aber es fehlt offenbar immer noch die Über­zeu­gung, auf diesem Gebiet in die Forschungs­ar­beit zu inves­tieren. So verharren wir auf dem glei­chen Prozess­ni­veau wie zu Zeiten der euro­päi­schen Kolo­ni­al­herr­schaft.“

Wichtig sei es zudem, so Maige weiter, dass die Wert­schöp­fung beim Sisal­anbau sich nicht nur auf die Faser­ge­win­nung beschränken solle. „Die Faser macht 4 % der ganzen Pflanze aus. Wir müssen die rest­li­chen 96 % zukünftig besser nutzen, beispiels­weise zur Erzeu­gung von Biogas. Denkbar ist auch die Extrak­tion von Agaven­wirk­stoffen für die phar­ma­zeu­ti­sche Indus­trie, oben­drein kann man aus dem Agaven­saft Schnaps brennen.“

Reise in die Vergan­gen­heit

Khalidi Mgundo, Manager eines Areals der Plan­tage auf dem Mkum­bara Sisal Estate.

Einige Fahr­stunden land­ein­wärts. Südlich der Usam­bara-Berge, auf dem Mkum­bara Sisal Estate von Ruhinda. Mit vielen Händen werden frisch­ge­ern­tete Sisal­blätter von Loren herun­ter­ge­hoben und auf ein Band gelegt, dass direkt in die soge­nannte Deco­r­ti­ca­tion-Anlage (Entfa­se­rungs-Maschine) führt, die über große Riemen elek­trisch ange­trieben wird. Sie trak­tiert die flei­schigen, lanzett­för­migen Blätter mit Eisen­schle­geln. Während der Pflan­zen­saft nach unten über einen Kanal abfließt, kommt auf der anderen Seite der Maschine die goldene Faser frisch aufge­reiht heraus. Männer stehen mit Latschen im schau­migen Pflan­zen­saft, greifen bündel­weise Fasern auf und verladen sie auf einen Wagen. Frauen hängen nach dem Entfa­sern die feuchten Faser­bündel auf hüft­hohe Leinen, wo sie unter der sengenden Sonne inner­halb von Stunden ausblei­chen und trocknen. Anschlie­ßend wird die Faser maschi­nell gebürstet. Am Ende der Prozess­kette drückt eine Presse das Faser­ma­te­rial zu Ballen mit 100 kg oder 250 kg Gewicht zusammen.

Unter­dessen wird auf der Plan­tage fleißig geerntet. Ein leichter Wind gibt den rund 100 Ernte­ar­bei­te­rinnen und Arbei­tern bei ihrer schweren Arbeit und bei hohen Tempe­ra­turen etwas Erfri­schung. „Wir ernten täglich rund 5 t“, verrät Manager Khalidi Mgundo in einem Areal der Plan­tage, die plan­qua­dra­tisch ange­legt und symme­trisch von Trans­port­wegen durch­zogen ist. Die manu­elle Ernte ist ein genau durch­de­kli­niertes System. Die Agaven sind in Reihen mit einem Abstand von 2 m gepflanzt, in der Reihe beträgt der Abstand rund 1 m.

Wenn der Boden mit ausrei­chend Nähr­stoffen versorgt ist, wir über­dies genug Wasser haben, dann ist eine Ernte von bis zu 3 t/ha möglich.

Khalidi Mgundo

Nur die geübten Ernte­ar­beiter wissen, welche Blätter schon reif für den Schnitt sind. Zu ihnen gehört Nuru Waziri, die diese Arbeit seit mehr als zehn Jahren ausübt. Mit großem Geschick schneidet sie die stache­ligen, unge­fähr 1 m langen Blätter ab, die roset­ten­förmig um den Stamm ange­ordnet sind. Zügig kommt sie voran. Die geschnit­tenen Exem­plare legt sie zwischen den Reihen auf den Boden. In einem zweiten Arbeits­gang hebt sie 30 Blätter auf und bindet sie zu einem Bund. Diese trägt sie aus den Pflanz­reihen hinaus zum Trans­portweg. Dort stapelt sie die Bunde zu quadra­ti­schen Haufen auf; ein Stapel ist mit exakt 110 Bund komplett und hat dann ein Volumen von 1 m3.

Der Sisal-Bestand der einst staat­li­chen Mkum­bura-Plan­tage hat sich knapp 25 Jahre nach der Wieder­auf­nahme des Betriebes inzwi­schen wieder erholt. Dennoch sind einige Agaven bereits über ihrem Ertragszenit, der bei rund 12 bis 15 Jahren liegt. Sie müssen durch neue Setz­linge ersetzt werden, deren Blätter nach einer vier­jäh­rigen Anwachs­phase zum ersten Mal geschnitten werden können. Um lang­fristig zu wachsen, hat Manager Khalidi Mgundo auf rund 200 ha Setz­linge gepflanzt.

„Wir ernten bisher im Schnitt jähr­lich rund 1 bis 1,5 t/ha“, sagt Mgundo. „Glück­li­cher­weise haben wir keine Probleme mit Insek­ten­fraß, Pilz- und Virus­krank­heiten (Blatt­fle­cken­krank­heit Korogwe), und wenn der Boden mit ausrei­chend Nähr­stoffen versorgt ist, wir über­dies genug Wasser haben, dann ist sogar eine Stei­ge­rung auf bis zu 3 t/ha möglich.“ Türen und Fenster sind offen, sein Schreib­tisch befindet sich mitten im Raum. Die Tages­pro­to­kolle, in denen Kolonnen von Produk­ti­ons­zahlen verzeichnet sind, flat­tern im Wind. Ein Bild mit Symbol­cha­rakter: Es bewegt sich wieder was im Sisal­anbau südlich der Usam­bara-Berge.

Sisal in Zahlen

Die Welt­pro­duk­tion an Sisal­fa­sern erreichte Anfang der Sech­ziger Jahre einen Höchst­stand von fast 2,5 Mio. t. Zu Beginn der Sieb­ziger Jahre lag die Erzeu­gung noch bei rund 800.000 t. Danach brach der Markt auf Grund der damals aufkom­menden synthe­ti­schen Fasern zusammen. Haupt­an­bau­länder wie Tansania verrin­gerten ihre Erzeu­gung um bis zu 80 %. Nach der Jahr­tau­send­wende wuchs die globale Produk­tion aber wieder auf 200.000 t an, Tendenz leicht stei­gend.

Tradi­tio­nelle Einsatz­be­reiche für Sisal­fa­sern sind Teppiche, Fußmatten, Taue, Seile, Trossen, Netze, Säcke und Garne. Ebenso findet die Faser Verwen­dung in der Bauin­dus­trie (Dämm­stoffe, Faser­platten, Struk­tur­ma­te­rial für Gips­bau­teile und Dach­ziegel). Außerdem gewinnt die Verwen­dung von Sisal in Faser­ver­bund­stoffen an Bedeu­tung, weil sie leichter als Glas­faser ist. In der Polier­mit­tel­in­dus­trie werden Gewebe aus Sisal für Polier­scheiben einge­setzt. Darüber hinaus ist Sisal wegen seiner beson­deren Eigen­schaften ein inter­es­santer Zusatz­stoff in der Zell­stoff­her­stel­lung für Spezi­al­pa­piere.

 

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