Schwei­ne­hal­tung im Wandel: Gute Jobs und neue Energie

Der Betrieb von Egbert Wißling im östli­chen Müns­ter­land ist in den letzten zwei Jahr­zehnten kräftig gewachsen. Mitt­ler­weile beschäf­tigt er mehr als ein Dutzend Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter, die sowohl die inno­va­tive Dynamik auf dem Hof als auch die hohe Flexi­bi­lität hinsicht­lich der Arbeits­zeiten schätzen.

Die Winter­saat ist schon im Boden. Nur noch ein paar Hektar Zucker­rüben sind zu ernten, dann ist die Ernte­saison wieder Geschichte. Und dennoch: Für die 15 festen Mitar­beiter, drei Auszu­bil­denden und ihrem Betriebs­leiter Egbert Wißling beginnt Ende Oktober nicht die Zeit des winter­li­chen Ausru­hens. So bleibt das arbeits­wirt­schaft­liche Pensum auch nach der Ernte der 450 Hektar Acker­fläche auf dem Hof im müns­ter­län­di­schen Beckum mit über 1.000 Sauen, 12.000 Mast­plätzen, zwei Biogas­an­lagen und Wind­energie hoch.

Egbert Wißling (links) im Gespräch mit Piet Fern­korn, der auf dem Hof für Technik, Instand­hal­tung und die Betreuung der Auszu­bil­denden verant­wort­lich ist.

Während des Gesprächs mit Egbert Wißling klin­gelt sein Smart­phone. „Sorry, ich muss Schweine verkaufen“, unter­bricht der 55-Jährige und verdrückt sich kurz ins Neben­zimmer. Der rich­tige Zeit­punkt, um mit Mitar­beiter Stefan Hilgen­sloh ins Gespräch zu kommen.

Vom Azubi zum Mitar­beiter

Er hat vor vielen Jahren seine Land­wirt­schafts­lehre auf dem Betrieb der Familie Wißling absol­viert; nach seinem Studium der Agrar­wirt­schaft in Soest und einigen Zwischen­sta­tionen kam er zu seinem Ausbil­dungs­be­trieb zurück. Hilgen­sloh über­nimmt auf dem Hof die wich­tige Verbin­dungs­rolle zwischen Büro und Betrieb. Er betreut die HIT-Daten­bank, arbeitet behörd­liche Vorgaben ab, kümmert sich um baurecht­liche Dinge, Rech­nungen, Bestel­lungen und vielerlei Orga­ni­sa­to­ri­sches. An Abwech­se­lung und Viel­sei­tig­keit mangelt es wahr­lich nicht.

Der 40-Jährige ist ziem­lich zufrieden mit seinem Job auf dem Betrieb, der in den letzten zwei Jahr­zehnten enorm gewachsen ist. Nicht nur wegen des betrieb­li­chen Erfolgs und Wachs­tums zollt er seinem Chef Respekt ab, sondern auch deshalb, weil er im Neben­er­werb zusammen mit seinem Vater eine eigene Schwei­ne­mast betreibt und daher genau um die tägli­chen Heraus­for­de­rungen in diesem Metier weiß. Wie Hilgen­sloh haben weitere fünf Mitar­beiter auf dem Hof von Wißling eine Neben­er­werbs­land­wirt­schaft zuhause! „Ist doch klar, dass wir in schwie­rigen Momenten ein beson­deres Verant­wor­tungs­ge­fühl gegen­über unserem Arbeit­geber haben“, betont er.

Stefan Hilgen­sloh absol­vierte einst seine Ausbil­dung auf dem Hof Wißling und koor­di­niert heute als Schnitt­stelle zwischen Büro und Betrieb die orga­ni­sa­to­ri­schen Abläufe.

Moderne Technik und flexible Arbeit

Während Stefan die meiste Zeit vor dem Bild­schirm sitzt, steuert Daniel Brock­sch­nieder auf dem Betrieb haupt­säch­lich Häcksler, Mähdre­scher und Trak­toren. An diesem regne­ri­schen Okto­bertag reinigt er beim Mähdre­scher die Trom­mel­ein­sätze. „Ich bin über Mund­pro­pa­ganda zu diesem Job gekommen“, erzählt der 41-Jährige, der sich über seinen kurzen Anfahrtsweg zur Arbeit freut. Das Eigen­heim seiner Familie ist nur drei Kilo­meter entfernt. „Ich schätze an diesem Betrieb die hohe zeit­liche Flexi­bi­lität und die Fami­li­en­freund­lich­keit“, hebt der Vater einer Tochter hervor. „Wenn mal was dazwi­schen­kommt, kann ich auch mal ein paar Stunden später eintru­deln und gleiche diese Fehl­stunden dann ander­weitig aus“, erklärt Daniel.

Daniels Arbeits­platz zwischen modernen Fahr­zeugen und Maschinen, auf welche Egbert Wißling großen Wert legt, ist in der Regel begehrter als dieje­nigen in den Schwei­ne­ställen. „Aber auf jeden Fall nicht wich­tiger, denn alle Mitar­beiter sind wichtig“, unter­streicht Daniel mit dem Blick auf die sieben Mitar­beiter, die in den Schwei­ne­ställen des Hofes ihren Dienst verrichten.“ Wie Florian Lammer­ding, der in einem der Sauen­ställe arbeitet. Er hat einen 30-Stunden-Vertrag, betreibt zuhause nebenher einen eigenen Mast­be­trieb mit Ackerbau.

Daniel Brock­sch­nieder arbeitet auf dem Hof Wißling vor allem mit modernen Land­ma­schinen und schätzt die fami­li­en­freund­liche Flexi­bi­lität des Betriebs.

Florian Lammer­ding arbeitet im Sauen­stall des Hofs Wißling und verbindet seine Tätig­keit dort mit einem eigenen Mast­be­trieb zuhause.

Neben der Flexi­bi­lität in Sachen Arbeits­zeit und direkte Entschei­dungs­struk­turen gefällt ihm an seinem Arbeits­platz auf dem Hof beson­ders, dass er eine „Wert­schät­zung“ für seine Leis­tung und seinen Einsatz verspüre. Das sei in Geld nicht aufzu­wiegen, aber für die Arbeits­at­mo­sphäre und die eigene Moti­va­tion unbe­zahlbar. Diese Wert­schät­zung versucht Lammer­ding auch an die Lehr­linge – derzeit drei auf dem Hof – weiter­zu­geben; zwei von ihnen haben in diesem Tag die Aufgabe, die neuge­bo­renen Ferkel zu impfen und ihnen Ohren­marken zu verpassen.

Biogas und Wind­energie

Die Schweine sind zwischen verkauft. Der Chef hat wieder ein Ohr frei. Obwohl die Ernte einge­fahren ist, steht vieles an. So muss sich Wißling um die Zukunft der hofei­genen Biogas­an­lage kümmern. Die ist zwar schon doppelt über­baut worden, sodass die Gasmo­toren nur noch maximal zehn Stunden am Tag Strom erzeugen, aber es mit einem 1.000 Kubik­meter großen Wärme­spei­cher trotzdem gelingt, genü­gend Wärme für die komplette Schwei­ne­hal­tung, für mehrere Wohn­ein­heiten und für die Trock­nung von Körner­mais, Triti­cale und Scheit­holz bereit­zu­stellen. Doch läuft die EEG-Zeit schon Ende 2026 ab und keiner weiß, ob es danach noch ein profi­ta­bles Geschäfts­mo­dell mit Biogas möglich sein wird. Ob es für die Anlage in Beckum bei der Bundes­netz­agentur alsbald einen Zuschlag für den Weiter­be­trieb nach EEG geben wird, ist nicht sicher. Weshalb die Option im Raum steht, die bestehende KWK-Leis­tung auf 150 kW zu redu­zieren. Noch ist aller­dings nichts entschieden.

Biogas­an­lage und Photo­vol­taik liefern erneu­er­bare Energie und sind ein wich­tiger Bestand­teil des land­wirt­schaft­li­chen Betriebs­kon­zepts.

Neben der Biogas-Thematik muss er sich um anste­hende Umbauten in seinen Schwein­ställen kümmern. „Wir wollen den gestie­genen Anfor­de­rungen an das Tier­wohl nach­kommen“, hebt Wißling hervor. Kein leichtes Unter­fangen, da die Kommu­ni­ka­tion mit den zustän­digen Bauäm­tern sich beizeiten mehr als zäh verhält. Er will aber nicht lange klagen, er strebt statt­dessen Lösungen, Ergeb­nisse, Abschlüsse an, ansonsten würde er mit seinem Betrieb nicht weiter­kommen. Das gleiche gilt auch in seinem Job als Geschäfts­führer eines schon bestehenden Wind­parks und eines geplanten Wind­parks mit drei Wind­ener­gie­an­lagen von jeweils 7,2 MW Leis­tung, der sich gerade in der heißen Planungs­phase befindet. „Da gibt es derzeit eine Reihe von Sitzungen, die am Abend statt­finden“, merkt der 55-Jährige zum Projekt im mitt­leren zwei­stel­ligen Millio­nen­be­reich an, welches vom Projek­tierer BBWind aus Münster gema­nagt wird und an dem eine lokale Bürger­en­er­gie­ge­nos­sen­schaft betei­ligt ist.

Wir wollen den gestie­genen Anfor­de­rungen an das Tier­wohl nach­kommen.

Egbert Wißling

Darüber hinaus ist der Land­wirt bei der West­fleisch Finanz AG ehren­amt­lich als Aufsichts­rats­vor­sit­zender enga­giert und ist über­dies Vorstands­vor­sit­zender der Raiff­eisen Beckum eG. Zwei­fels­ohne sind die unter­neh­me­ri­schen Heraus­for­de­rungen für ihn in den letzten Jahren immer größer geworden. „Ich bin da aber über die Jahre hinweg konti­nu­ier­lich hinein­ge­wachsen“, rela­ti­viert Wißling, nachdem er elan­voll von seinem E-Rad abge­stiegen ist und zwischen Biogas­an­lage, Getrei­de­lager und Ferkel­auf­zucht­stall in knappen Sätzen seinen Betrieb skiz­ziert. Und weil er um die großen Fußstapfen weiß, will er seinem Sohn Jonas, der das Agrar­un­ter­nehmen in die nächste Gene­ra­tion weiter­zu­führen beab­sich­tigt, entspre­chend Zeit geben, um in die umfang­rei­chen Aufgaben hinein­wachsen zu können.

Team­ar­beit und Hofkultur

Übri­gens versucht der Land­wirt jedem seiner Mitar­beiter auf dem Hof trotz fort­wäh­rendem Produk­ti­ons­drucks genü­gend Frei­raum zur Gestal­tung anzu­bieten, damit deren Fähig­keiten und Neigungen positiv in den Arbeits­pro­zess inte­griert werden können. „Leider habe ich nicht für jeden einzelnen genü­gend Zeit, um auf seine Sicht­weise, Wünsche und Urteile einzu­gehen. Das finde ich wirk­lich schade, aber der Alltag auf dem Hof gibt das oft einfach nicht her“, bedauert der Chef.

Wenn­gleich die Kommu­ni­ka­tion zwischen Chef und Mitar­bei­tern in den Ställen, in der Technik, auf der Biogas­an­lage und im Büro sehr flach und direkt gestaltet ist, gibt es sicher­lich noch Opti­mie­rungs­po­ten­ziale. Zumal jeder neue Tag voller Über­ra­schungen steckt. Das weiß auch Magda­lena Lindner zu berichten, die im Büro das Tages­ge­schäft und Perso­nal­un­ter­lagen betreut. Ohne die Bereit­schaft zur Impro­vi­sa­tion gehe es nicht, beteuert die 44-Jährige. Ihre Kollegin im Büro ist die Steu­er­fach­an­ge­stellte Stephanie Schu­ma­cher, die die Lohn­buch­hal­tung macht.

Die Arbeit hier ist nach vielen Jahren in einem Steu­er­be­ra­tungs­büro eine echt span­nende Abwechs­lung.

Stephanie Schu­ma­cher

„Die Arbeit hier ist nach vielen Jahren in einem Steu­er­be­ra­tungs­büro eine echt span­nende Abwechs­lung, mir gefällt es gut“, freut sich die 50-Jährige über ihre Entschei­dung auf dem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb noch mal ein neues Kapitel in ihrem Berufs­leben aufge­schlagen zu haben. Ja, und viel­leicht, gäbe es in Zukunft auch mal eine regel­mä­ßige Mitar­bei­ter­sit­zung – die es erstaun­li­cher­weise bisher noch nicht gibt.

Dafür gibt es gemein­sames Mittag­essen. Azubis und Mitar­beiter nehmen sich von zuhause etwas mit. Und wenn im Sommer schönes Wetter dazu einlädt, dann wird auch gemeinsam mal ein Feier­abend­bier getrunken. Zudem gib es Grill­abende, Weih­nachts­feiern und alle Jahre wieder eine gemein­same Frei­zeit­ak­ti­vität: Beim letzten Mal traf sich das Team beim Wasserski auf einem nahge­le­genen See. All dies darf aber nicht darüber hinweg­täu­schen, dass nur dieje­nigen auf dem Hof bleiben, die eine hohe Leis­tungs­be­reit­schaft zeigen.

Gemein­same Mittags­pause: Mitar­beiter und Auszu­bil­dende nutzen die Pause für Austausch im Arbeits­alltag.

„Manchmal kommst Du am Morgen hier an und hast einen Plan. Dann kommt plötz­lich etwas dazwi­schen und am Abend hast Du etwas ganz anderes gemacht als gedacht. Aber das ist absolut span­nend und macht das Arbeiten auf diesem Hof attraktiv“, bringt es Piet Fern­korn, zuständig für Technik und Instand­hal­tung, für alle Betei­ligten auf den Punkt. Er hat eine beson­dere Verbin­dung zum Hof, weil er dort im Jahr 2001 der erste Lehr­ling war. Wie Kollege Hilgen­sloh hat er einst in Soest studiert, arbei­tete dann zwischen­zeit­lich beim örtli­chen John Deere Händler und ist heute bei seinem Arbeit­geber verant­wort­lich für die Auszu­bil­denden, darüber hinaus ist er auch im Prüfungs­aus­schuss enga­giert.

Die Bezah­lung, über deren Höhe geflis­sent­lich geschwiegen wird, sei gut und die Lust am Neuen, an neuen Ideen und Tech­niken, neuen Methoden im Stall, auf dem Acker oder im Büro sind allge­gen­wärtig. Eine Haltung, die der Chef vorlebt. Und zwar anpa­ckend, akri­bisch durch­dacht, zügig und anti­zi­pie­rend. Bei diesem Arbeits­platz scheint es nicht lang­weilig zu werden.