Es ist herbstlich trüb. Während es in den atemberaubend hohen Bergen über Nacht schon geschneit hat, weht unterhalb der Baumgrenze im Tal von Arslanbob leichter Wind durch die weiten Walnusswälder. In der bemerkenswerten Stille des Waldes hört man beständig die Walnüsse ins Laub plumpsen. Überall im Wald sind Jugendliche, Erwachsene, ganze Familien unterwegs, um die wertvollen Nüsse im westlichen Kirgisistan aufzulesen.
So auch die Familie Dosibaev, die während der Erntephase im Waldstück weit oberhalb des Hofes in Zelten übernachtet, um nicht jeden Tag aufs Neue den steilen Weg in den Wald zurücklegen zu müssen. „Ich erwarte in diesem Jahr rund drei kg pro Baum“, berichtet Bauer Bakirjon Dosibaev, der auf einem auf dem Waldboden ausgelegten Teppich sitzt. Um ihn herum seine Familie, seine Frau Oyazimhon, Schwiegertochter, Sohn Bekbolot, zwei Mitarbeiterinnen und die Enkelkinder, die zur Mittagszeit zusammengekommen sind. Käse, Brot, Kürbis und Honig sind aufgetischt worden, heißer Tee wird serviert. Die muslimische Familie spricht usbekisch, wie viele im Tal von Arslanbob, dessen Name auf einen Perser aus dem 12. Jahrhundert zurückgeht, der den Islam in die zentralasiatische Hochgebirgsregion brachte.


„Letztes Jahr war die Ausbeute viel höher, zehn kg und mehr pro Baum“, wirft Bakirjon ein, „aber so ist das mit der Natur, sie unterliegt ganz eigenen Zyklen.“ Und so denkt und handelt er lieber langfristig, zumal er mit der zuständigen Forstbehörde ohnehin einen langjährigen Pachtvertrag für insgesamt 600 Bäume abgeschlossen hat. Dabei ist die Ernte nicht leicht. Denn nicht alle Bäume, von denen manche schon mehrere hundert Jahre alt sind und über 20 Meter in den Himmel ragen, werfen ihre Nüsse von selbst ab. Dann muss Sohn Bekbolot mutig am Stamm zur weit ausladenden Baumkrone hinaufklettern und in der lichten Höhe die mächtigen Äste schütteln, damit die wertvollen Früchte herunterfallen und auch geerntet werden können. Keine ungefährliche Arbeit, die in der Vergangenheit mancherorts schon Opfer kostete.
Die Natur unterliegt ganz eigenen Zyklen.
Bakirjon Dosibaev
Walnuss, Heu und Kühe
Für die rund drei ha große Waldfläche zahlt die Familie Dosibaev jährlich eine Pacht von 3.700 kirgisischen Som an die Forstbehörde, umgerechnet 37 Euro. Ihr Pachtareal, das von einem Zaun umgeben ist, nutzt die Familie als Weide für ihre Kühe und obendrein für eine Mahd pro Jahr. „Neben den Walnüssen sind unsere zehn Kühe für unser Familieneinkommen sehr wichtig“, betont Bakirjon. Die Kühe geben durchschnittlich rund fünf Liter Milch pro Tag, die zumeist zu säuerlich schmeckenden Milchbällchen verarbeitet und auf lokalen Märkten verkauft werden. Das Heu aus dem Walnusswald wird mit dem legendären sowjetischen SIL-Lkw zum Hof im tieferliegenden Ort transportiert. Ob zu viele Tiere im Walnusswald grasen? „Na, ja, in unserem Fall finde ich, dass wir die Balance zwischen Beweidung und Regeneration des Waldbodens noch gut halten, aber klar, die Bevölkerung in Arslanbob ist in den letzten Jahren gewachsen, da besteht schon ein gewisser Nutzungsdruck“, bekennt Bakirjon.

Über eine Fläche von 20.000 ha erstreckt sich der Wald im malerischen Tal von Arslanbob, davon sind 3.600 ha purer wilder Walnusswald – in dieser Größenordnung einzigartig in der Welt. Dabei gehört der Wald dem kirgisischen Staat und wird von seinen staatlichen Forstbehörden betreut. „Wir haben den Auftrag, unseren Wald weiter zu erhalten und weiterzuentwickeln“, erklärt der Forstdirektor Keneshbek Pinazarov in seinem Büro, das sozialistische Aura versprüht. Die kirgisische Fahne im Hintergrund, der Direktoren-Schreibtisch und eine schalldämpfende Doppeltür, vieles erinnert an die sowjetische Zeit.

Wir haben den Auftrag, unseren Wald weiter zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Keneshbek Pinazarov
Die Rolle der Forstbehörden
Derzeit gibt es rund 1.000 Pachtverträge mit den Bauern, berichtet Pinazarov, der seit einem brutalen Übergriff von Holzräubern, denen er sich vor einigen Jahren unerschrocken in den Weg stellte, im Rollstuhl sitzt. Dabei gibt es Pachtverträge über drei Laufzeiten: 5, 25 oder 49 Jahre. „Wenn nach einem 5-Jahresvertrag alles gut läuft, dann können die Familien wählen, ob sie mit einem 25-jährigen oder 49-jährigen Pachtvertrag weitermachen wollen“, erklärt Pinazarov, der als Chef der lokalen Forstbehörde neben den Walnusskontrakten noch eine ganze Reihe anderer Nutzungsvarianten wie die Ernte der wilden Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäume, nachhaltigem Holzeinschlag, Verwertung von Feuerholz, Bienenhaltung und Beweidung, zu verantworten hat.


Zwar halten sich die meisten Bauern an die Vorgaben der Pachtverträge, konstatiert Pinazarov nüchtern, doch fehle es manchen am Bewusstsein für eine nachhaltige Bewirtschaftung. Manchmal sei es auch bloße Not. „Wir bemühen uns daher, zu zeigen, dass dem Waldboden nicht zu viel entzogen werden darf, damit noch genügend Nährstoffe bleiben, um die Bäume und insbesondere die Walnüsse ausreichend zu versorgen.“ So zäunen Mitarbeiter des Forstamtes an mehreren Stellen im Wald kleine Flächen ein, um allen zu demonstrieren, wie schnell sich auch junge Bäume ohne Beweidung etablieren können.
Sechs Mio. Som nimmt die Forstbehörde in Arslanbob pro Jahr an Pacht ein. Indessen ernten die Walnussbauern in guten Jahren Tausende Tonnen Walnüsse. Sie erzielen mit Ernte und nachgelagerter Verarbeitung (Trocknen, Knacken, Sortieren, Ölpressen) in manchen Jahren, so der Förster Nias Kurmanbajev, bis zur Hälfte ihres ganzen Jahresumsatzes. „Ohne die Nuss geht hier gar nichts“, unterstreicht Kurmanbajev vor einer Baumschule im Ort Gumkhana stehend, in der Kiefern, Pappeln, Wildapfel, Wildkirsche und auch Walnuss herangezogen werden. Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Walnuss auch zukünftig die große sozialökonomische Rolle in der Gebirgsregion spielen wird, in der es bisher, erstaunlicherweise, nur wenig Tourismus gibt.

Sozialökonomische Tragweite
Während oberhalb der Siedlungen im Herbst in den Wäldern fleißig gesammelt wird, gelangen die Nüsse in der Schale anschließend bei den Familien, die sich auf das Aufknacken der Walnüsse spezialisiert haben. In vielen Innenhöfen, abgeschirmt von der Straße durch eiserne Tore und unverputzte Mauern, aber auch in kleinen Manufakturen, sind es überwiegend Frauen, die die Nüsse aus der Schale befreien bzw. sie knacken. Nicht automatisch, sondern Nuss für Nuss, immer per Hand. Viele benutzen dafür einen kleinen Hammer, mit der sie die Schale behutsam aufschlagen. Behutsam deshalb, weil nicht zerbrochene Nüsse, sondern heil gebliebene, sogenannte „Käfer“, den besten Preis beim Weiterverkauf erzielen. Als wilde Walnuss, obendrein ökologisch zertifiziert, erfahren diese vor allem in Europa eine große Nachfrage. Fällt der Käfer in zwei Hälften, dann spricht man von einem „Schmetterling“, einfach deshalb, weil der Umriss tatsächlich einem Falter ähnelt. Auch für diese Schmetterlinge gibt es noch weit mehr als für den sogenannten Bruch; in diese niedrigpreisige Fraktion werden alle gebrochenen Nussteile zugeordnet.
Ein Teil dieses Bruches wird vor Ort zu Öl verpresst. Wie in der kleinen Mühle der Familie Kadirov. Zu Großvaters Zeiten wurde an gleicher Stelle noch mit Pferdekraft ein großer Mühlstein bewegt, der Senf, Aprikosenkerne und Flachssamen mahlte. Seit einigen Jahren praktizieren die Kadirovs nun eine Kaltpressung mit getrockneten, zumeist gebrochenen Walnüssen mittels einer kleinen elektrischen Mühle – finanziert von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Rund 2.000 Liter des weltweit von Gourmets geschätzten Walnussöls füllt die Familie in 250 oder 150 Milliliter große Flaschen ab und vermarktet es zu hohen Preisen in Kirgisistan, aber auch nach Japan und in die USA.
Postsozialistisches Vakuum
Letztlich geht es bei der Produktion von Walnussöl um den Versuch, neue Wertschöpfung in die Region zu generieren, um das Gleichgewicht – verkürzt gesagt – zwischen Mensch und Baum respektive Umwelt aufrechtzuerhalten. Wie gut das gelingen kann, zeigt das Beispiel von Kadyrsultan Dooronbaev im Nachbartal Kyzyl-Unkur. Seine Familie und er sind nicht nur Pächter von sieben Hektar Walnusswald, sondern betreiben darüber hinaus auch eine eigene Trocknung für Wildpflaumen. Mehr als 40 Bauern pflücken Wildpflaumen aus den umliegenden Wäldern und liefern sie bei Dooronbaev ab. Frisch gepflügt sind es jährlich rund 40 Tonnen, die nach der Trocknung auf ein Gewicht von zwölf Tonnen reduziert sind. Seine Trockenpflaumen exportiert der gläubige Muslim ins benachbarte Usbekistan, wo sich sein Produkt großer Beliebtheit erfreut.

Obgleich die komplexe postsozialistische Transformation immer noch nicht vollendet ist, gelingt es dem kirgisischen Staat mittlerweile doch, das Management der Waldnusswälder einigermaßen nachhaltig zu regeln. Überwunden ist die Zeit als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein politisches Vakuum entstand, in dem bestehende Behörden ihre Autoritäten verloren und rücksichtslose Glücksritter wie Holzräuber ihre Chancen nutzten und illegal Walnussholz, begehrt in aller Welt, aus den Wäldern schlugen. Wenngleich auch die Überweidung im einzigartigen Ökotop Walnusswald vielerorts weiterhin existiert, hat man das Problem aber längst erkannt: Die Forstbehörden versuchen dies zu ahnden, in dem sie in solchen Fällen die Pachtverträge nach Ablaufzeit kündigen. Zudem wird in der Rinderzucht darauf geachtet, dass die Kühe der Zukunft bessere Futterverwerter sind als heute und somit weniger Nährstoffe aus den Waldböden ziehen.
An diesem Thema arbeitete auch schon der wohl bekannteste Kirgise, der weltberühmte Schriftsteller Tschingis Aitmatow, der als studierter Veterinär in den fünfziger Jahren die Versuchsfarm des Kirgisischen Forschungsinstituts für Viehzucht leitete. In seinem frühen Gedicht „Am Gebirgspass“ schrieb er: „Geister der Berge, steht uns bei auf unserem Weg! Wir sitzen unter Sternen, Pferde spielen mit den Ohren, Schafe atmen in den kalten Stein …“ Wer durch die Walnusswälder von Arslanbob wandert, der erlebt genau das, was Aitmatow einst dichtete, obgleich auch der Klimawandel nicht vor den majestätischen Bergen Zentralasiens halt macht. Dies zeigen die schmelzenden Gletscher, die gerade in den Sommermonaten zur Wasserknappheit in den Tälern führt. „Der Frühling kommt auch bei uns früher, der Sommer ist immer heißer, der Herbst kehrt früher ein und der Winter, obschon kalt, hat weniger Schnee“, fasst Forstdirektor Pinazarov zusammen. Trotzdem: Er hofft, dass auch zukünftige Generationen in Arslanbob von und mit den Walnüssen leben können.
Kirgisistan & Walnuss

Kirgisistan zählt 6,5 Mio. Einwohner und ist von der Fläche her ungefähr fünf Mal so groß wie die Schweiz. Es ist ein Vielvölkerstaat, in der die Kirgisen mit 68 % den größten Anteil ausmachen. Es folgen Usbeken mit 14 %, Russen mit 12,5 % sowie Dunganen, Uiguren, Ukrainer, Tadschiken und Tataren mit jeweils rund einem Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung. Zwei Drittel der Menschen sind muslimischen Glaubens.
Kirgisistan war über Jahrzehnte eine Sowjetrepublik. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde es eine unabhängige Republik, die Grenzen zu China, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan hat. Das Land ist geprägt durch mächtige Gebirgszüge (Tian-Shan). Der höchste Berg ragt über 7.000 m in die Höhe. Der weitaus größte Teil des Staatgebietes befindet sich oberhalb von 1.500 m über dem Meeresspiegel. Nur auf einem Fünftel der Landesfläche ist Landwirtschaft möglich. Die kirgisischen Wälder wachsen zumeist in Höhenlagen von 1.500 bis 4.000 m. Darunter befinden sich die größten wilden Walnusswälder der Welt, die hauptsächlich in der Region Jalal-Abad liegen. Mehrere Tausend Familien leben von der Ernte und dem Verkauf der wilden Walnuss.


