Oft endet das Interesse am Boden in den obersten 30 Zentimetern – also dort, wo gepflügt, gesät und geerntet wird. Doch darunter beginnt der Unterboden, der für die Pflanzen ebenso wichtig ist. Er enthält große Vorräte an Wasser, Nährstoffen und organischer Substanz.
In trockenen Jahren kann er überlebenswichtig sein – vorausgesetzt, die Wurzeln erreichen ihn. Doch genau das verhindern häufig verdichtete Schichten, verursacht unter anderem durch den Einsatz schwerer Maschinen. In der Folge bleibt das Wurzelwerk flach und die Pflanze nutzt nur einen Teil des verfügbaren Wassers.
Oberboden und Unterboden – zwei Welten unter dem Acker
Der Oberboden (0–30 cm) ist recht homogen, nährstoffreich und in der Regel gut durchwurzelbar. Hier achtet der Landwirt auf Struktur, Luft- und Wasserhaushalt, schafft also optimale Bedingungen für das Pflanzenwachstum.
Darunter liegt der Unterboden, der sich bis zum Ausgangsgestein metertief erstrecken kann. Er speichert ungefähr die Hälfte des pflanzenverfügbaren Wassers, enthält 20–30% der Stickstoff- und Phosphorvorräte sowie durchschnittlich rund 40 % des organischen Kohlenstoffs. Das Problem ist: Etwa 70 % der deutschen Ackerböden weisen wurzelhemmende Schichten auf, sodass Pflanzen diese im Untergrund schlummernde Reserve oft nicht nutzen können.
Wenn der Unterboden durchwurzelbar ist, kann die Pflanze eine Trockenphase viel besser überstehen
Prof. Dr. Axel Don

Mit bestimmten Maßnahmen können Landwirte das Gefüge im Unterboden beeinflussen, das Ziel dabei ist eine höhere Ertragsfähigkeit. Diese Maßnahmen bezeichnet man als Unterbodenmelioration. „Wenn der Unterboden durchwurzelbar ist, kann die Pflanze eine Trockenphase viel besser überstehen“, betont Prof. Dr. Axel Don vom Thünen-Institut für Agrarklimaschutz. Messungen zeigen, dass meliorierte Flächen in Dürrejahren deutlich weniger Ertragseinbußen aufwiesen.
„In normalen Zeiten reicht es vielleicht, nur den Oberboden zu haben. Aber bei extremer Trockenheit kommt die Pflanze mit dem Wasser im Oberboden nicht mehr hin. Dann braucht sie den Unterboden“, begründet der Bodenwissenschaftler. Auch bei Starkregen bringt ein lockerer Unterboden Vorteile. Eine gelockerte Struktur verbessert die Belüftung des Unterbodens und die Aufnahmefähigkeit von Wasser, was einen guten Schutz vor Wassererosion bietet.
Zahlen zum Unterboden
10-80%
ihres Wasser- und Nährstoffbedarfs decken Nutzpflanzen aus dem Unterboden – wenn sie können.
ca. 50%
des pflanzenverfügbaren Wassers wird im Unterboden gespeichert.
20-30%
der Stickstoff- und Phosphorvorräte befinden sich im Unterboden.
20%
des Humusaufbaus finden im Unterboden statt
70 %
des deutschen Ackerbodens sind durch wurzelhemmende Schichten beeinträchtigt.
Wege in die Tiefe – wie Pflanzen den Unterboden wieder erreichen
Es gibt verschiedene Ansätze, wie sich Verdichtungen im Unterboden aufbrechen lassen. Dazu gehören mechanische Tiefenlockerungsverfahren ebenso wie biologische Maßnahmen.
Tiefenlockerung
Eine Tiefenlockerung bis etwa 60 cm Tiefe übernehmen Geräte wie Stechhublockerer oder Tiefenmeißel. Die Maßnahme wird auf rund 6–7 % der Ackerflächen in Deutschland regelmäßig eingesetzt. Die Wirkung hält jedoch meist nur kurz an, wenn keine stabilisierende Maßnahme folgt – etwa durch tief wurzelnde Kulturen wie Luzerne.
Tiefpflügen
Beim Tiefpflügen werden Ober- und Unterboden verdreht, wodurch humusreicher Oberboden in tiefere Schichten gelangt. Diese Methode eignet sich nur für leichte Sandböden, da sie stark in die Bodenstruktur eingreift. „Zum falschen Zeitpunkt mit der falschen Technik kann man mehr zerstören als gewinnen“, warnt Prof. Don.
Biologische Lockerung durch Pfahlwurzler
Pfahlwurzelpflanzen wie Luzerne oder Wegwarte schaffen dauerhafte Bioporen – metertiefe Hohlräume, die auch Jahrzehnte überdauern können. Nachfolgende Kulturen nutzen diese natürlichen „Wurzelkanäle“. Versuche zeigen: In trockenen Jahren steigern Bioporen die Erträge von Getreide und Raps um bis zu 30 %. Dabei gilt: je trockener das Jahr, desto ausgeprägter der Vorteil.
Das Soil³-Projekt – Kompost als Strukturstabilisator
Im Rahmen des Programms „Boden als Ressource in der Bioökonomie“ (BonaRes), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde, verfolgte das Soil³-Projekt (2015–2025) das Ziel, tiefere Bodenschichten als Ressource nutzbar zu machen. Die Forschenden haben eine Technik zur Unterbodenmelioration entwickelt, die schonender ist als das Tiefpflügen und langfristiger wirkt als die Tiefenlockerung.
Heraus kam die sogenannte Soil³-Technik: Zunächst wird auf 30 cm breiten Streifen der Oberboden mit einem Pflugschar zur Seite geschoben. Anschließend lockert eine Tiefspatenfräse den Untergrund auf und mischt dabei Kompost bis in 50–60 cm Tiefe ein. So wird der Boden gelockert und gleichzeitig stabilisiert. Das resultiert in erstaunlichen, langfristigen Effekten, wie die Ergebnisse aus den Feldversuchen zeigen:
- +20–25 % höhere Getreideerträge im Vergleich zur Kontrolle
- +50 % Mehrertrag beim Mais im ersten, sehr trockenen Jahr
- Wirkung auch nach acht Jahren unverändert
- Amortisation nach 3–5 Jahren (bei 700–800 €/ha, zzgl. Kosten für den Kompost)
Wenig überraschend spielt die Maßnahme ihre Vorteile vor allem dann aus, wenn die Böden zuvor verdichtet waren. Sandböden profitierten zudem stärker als Lössböden. Eine erhöhte Nitratauswaschung aus dem Unterboden wurde nicht festgestellt – im Gegenteil: Die Pflanzen konnten Wasser und Nährstoffe besser nutzen.
Praxisreif ist die Methode allerdings noch nicht. Für großflächige Anwendungen fehlen bislang ausreichende Kompostmengen und auch eine spezielle Technik ist noch nicht verfügbar. Noch dazu gibt es Unklarheiten in der rechtlichen Einordnung. Nach der Bundesbodenschutzverordnung (BBodSchV) ist das Einbringen organischer Materialien in den Unterboden derzeit untersagt – ob Kompost darunter fällt oder bei diesem Verfahren unter die Düngeverordnung fällt, ist offen.
Alternative: Partielle Krumenvertiefung
Eine Variante ohne Kompost ist die partielle Krumenvertiefung, bei der streifenweise bis 60 cm tief gepflügt wird. Hierdurch gelangt Oberbodenmaterial in den Unterboden. Auch hier gilt: Bei Lehmböden ist Vorsicht geboten, da die Bodenstruktur leicht zerstört werden kann. Ein entsprechender Pflug soll in den nächsten Jahren auf den Markt kommen.

Lilian Guzmán von der Agrargenossenschaft Groß Machnow testet die Methode auf den sandigen Böden Brandenburgs – bei durchschnittlich 28 Bodenpunkten. „Wir erhoffen uns eine Ertragssteigerung“, erklärt die Landwirtin. Und tatsächlich: Schon im ersten Jahr 2024 brachte der Grünschnittroggen auf den tiefengelockerten Streifen 9% mehr Ertrag als in der Variante mit dem herkömmlichen Pflug und sogar 44% mehr gegenüber dem Grubber. Der Körnermais steht im feuchten Jahr 2025 hingegen in allen Varianten gleich gut da. „Das Jahr war nicht schlecht genug“, schlussfolgert Guzmán.
Neben mechanischen Verfahren untersucht das Thünen-Team künstlich geschaffene „Regenwurmgänge“. Dazu werden feine Löcher (8 mm Durchmesser, 80 cm Tiefe) in den Boden gestochen. Bereits drei Monate später waren 90 % der Poren durchwurzelt, was sich in 2–15 % höheren Erträgen widerspiegelte. Auch Regenwürmer besiedelten die Gänge rasch. „Die sind wie Autobahnen für die Wurzeln in den Unterboden“, zeigt sich Prof. Don begeistert. „Das kann die Lösung sein. Das System kehrt sozusagen in einen natürlichen Zustand zurück.“ Noch offen sind Fragen nach der optimalen Lochzahl, Tiefe und Stabilität.
Der Blick in die Tiefe lohnt sich
Der Unterboden entscheidet zunehmend über die Resilienz des Ackerbaus. Er bietet große Wasser- und Nährstoffreserven – vorausgesetzt, er ist durchwurzelbar. Die Forschung zeigt: Mechanische und biologische Verfahren können diese Fähigkeit zurückbringen. Die Ergebnisse des Soil³-Projekts liefern wertvolle Grundlagen, um künftig standortangepasste Unterbodenstrategien in die landwirtschaftliche Praxis zu überführen.

Während die Soil³-Technik, Tiefpflügen, Tiefenlockerung und Krumenvertiefung besonders für sandige Böden Nordostdeutschlands interessant sind, bietet sich das Schaffen von Bioporen eher für bindige Böden an. Alle diese Verfahren sind kosten- und energieintensiv. Pauschale Empfehlungen werden erschwert durch die große, natürliche Variabilität des Unterbodens – selbst innerhalb eines Schlages
Was die beste Maßnahme und welche Wirkung zu erwarten ist, ist deshalb immer eine standortanhängige und betriebsindividuelle Frage. Nutzen und Risiken eines solchen Eingriffs in den Boden sollten sorgfältig abgewogen werden. Noch stehen zudem technische, wirtschaftliche und teilweise auch rechtliche Hürden im Weg. Doch wer im wörtlichen wie im übertragenen Sinn tiefer gräbt und sich mit seinem Unterboden beschäftigt, legt die Grundlage für stabile Erträge angesichts zunehmend extremer Wetterlagen.
Das Soil³-Projekt
- Beteiligte:
- Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
- Technische Universität München
- Forschungszentrum Jülich
- Freie Universität Berlin
- Johann Heinrich von Thünen-Institut
- Ecologic Institut
- Humboldt-Universität zu Berlin
- Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF)
- Universität Kassel
- Übersichtlich aufbereitete Faktenblätter über die Erkenntnisse der Forschungsprojekte aus dem BonaRes-Konsortium
- Umfangreiche Information vom BMBF über die Forschungsprojekte aus dem BonaRes-Konsortium




