Es ist ein Morgen Mitte Oktober, als ich in Mediglia in der Nähe von Mailand ankomme. Auf dem Hof Società Agricola Lovati herrscht die rege Betriebsamkeit, die das Ende der Saison mit sich bringt. Heute wird die Silomaisernte abgeschlossen, und einige Flächen werden für die Aussaat von Weidelgras vorbereitet. In der Luft liegt der Geruch von Aufbruch und frisch gepflügter Erde.
Seit über einem Monat sind die Feldarbeiten ununterbrochen im Gange, und heute sind die Wetterbedingungen günstig. „Das müssen wir nutzen“, sagt Betriebsinhaber Umberto Lovati, der mich mit einem Lächeln in einem nahezu menschenleeren Innenhof begrüßt. Anschließend begleitet er mich einige Kilometer weiter, um mir Traktoren bei ganz unterschiedlichen Feldarbeiten zu zeigen.

Der Betrieb verfügt über einen Fuhrpark von insgesamt zwölf John Deere Maschinen, darunter auch ein selbstfahrender Feldhäcksler. Der Häcksler gilt als unverzichtbar und dient dazu, die höchstmögliche Produktivität zu erzielen und einen kontinuierlichen, zuverlässigen Betrieb zu gewährleisten. Während der Erntesaison scheint sich alles um die Felder zu drehen in einem Wettlauf gegen die Zeit, wie ihn die Landwirtschaft nur allzu gut kennt. Zurück am Betriebssitz wird die Atmosphäre allerdings spürbar entspannter.
Neben dem Ackerbau hat die Familie Lovati in den vergangenen Jahrzehnten einen bedeutenden Rinderzuchtbetrieb aufgebaut. Der Tierbestand umfasst derzeit rund 2300 Rinder, überwiegend Holstein-Friesian-Milchkühe sowie einen kleineren Anteil an Weißblaue Belgier Mastrindern. Von den Milchkühen befinden sich derzeit 1100 in Laktation. Im Gegensatz zur geschäftigen Betriebsamkeit auf den Feldern ist es in den Ställen – trotz ihrer Größe – außergewöhnlich ruhig. Lediglich das gleichmäßige Rauschen der Ventilatoren und das rhythmische Geräusch der wiederkäuenden Rinder durchbrechen die Stille.
Umberto entschuldigt sich und verabschiedet sich von mir. Er kehrt zurück zu den Feldern und Traktoren, um einige der 20 Mitarbeitenden sowie seinen Sohn Alessandro zu unterstützen, der seit mehr als sechs Jahren die Entwicklung und Führung des Betriebs maßgeblich vorantreibt. Zuvor jedoch übergibt er mich in die Obhut seiner Tochter.

Tierwohl als Leitgedanke
Francesca ist erst 22 Jahre alt, doch wenn sie spricht wird deutlich, dass sie sich ihren Platz durch harte Arbeit verdient hat. „Unsere Geschichte ist in erster Linie eine Familiengeschichte, die seit drei Generationen von unserer Leidenschaft für das Land und die Tiere erzählt“, sagt sie stolz. Die Betriebsleitung teilt sie sich heute mit ihrem Bruder, einem ausgebildeten Agrartechniker. Sie ist sich bewusst, dass beide gemeinsam die Zukunft des Hofes verkörpern.
„Nach einem Jahr Studium der Wirtschaftswissenschaften und einem Auslandsaufenthalt begann ich im Familienbetrieb zu arbeiten, zunächst in der Verwaltung an der Seite meiner Mutter mit dem Schwerpunkt Kälbermanagement“, erklärt sie. Es folgten die Betreuung des Krankenstalls und anschließend die Arbeit im Hauptstall. So lernte sie Schritt für Schritt den Betrieb kennen und wurde immer stärker eingebunden.

„Ich habe mit einem erfahrenen Züchter zusammengearbeitet und mehrere Fortbildungen besucht“, fährt sie fort. „Als mir klar wurde, dass ich eine echte Leidenschaft für diesen Beruf entwickelt hatte, gewährte mir mein Vater, so wie er es auch bei meinem Bruder im Bereich der Maschinen getan hatte, vollständige Entscheidungsfreiheit. Ich übernahm Verantwortung und entwickelte den Wunsch, mich kontinuierlich weiterzuentwickeln.“
Francescas Augen leuchten, wenn sie von ihrem Vater spricht. Das zeugt von einem gelungenen Generationenwechsel. Und sie weiß, dass er sie im Hintergrund unterstützt, ohne sich aufzudrängen. „Er war ein Pionier in der Branche und ein großes Vorbild für uns“, erzählt sie. „Noch sehr jung übernahm er nach dem Tod seines Vaters und seines Onkels die Verantwortung für den Betrieb und entwickelte im Laufe der Jahre durch Neugierde, Auslandsreisen und Offenheit zu einem innovativen und leistungsstarken Milchviehbetrieb. Außerdem bewies mein Vater Weitblick, indem er ein Team verlässlicher Mitarbeitender aufbaute, die kontinuierlich geschult und regelmäßig weitergebildet werden. Bis heute bleibt das Wohlbefinden der Kühe unser zentrales Leitprinzip.“
Beim Tierwohl handelt es sich nicht um ein abstraktes Konzept, sondern um eine strukturierte tägliche Arbeitsweise. Diese erklärt Francesca, die derzeit Nutztierwissenschaften studiert, genauer während wir die Stall- und Melkanlagen besichtigen.
Komplexität in Ordnung verwandeln
Die laktierenden Kühe sind in vier Gruppen auf zwei Gebäude verteilt und räumlich von den trockenstehenden Kühen und Kälbern getrennt. Rund 500 Nachzuchtfärsen sind derzeit einige Kilometer entfernt untergebracht, bis ab dem Frühjahr ein neu errichteter Stall fertiggestellt ist. Der Fischgrätenmelkstand (25 + 25) ist das betriebliche Herzstück der Milcherzeugung und liegt zentral zwischen den beiden Ställen für die laktierenden Kühe. „Vor sieben Jahren haben wir fast alle Tiere an diesen Standort verlegt und neue Stallungen sowie einen leistungsstarken Bereich für die Milchgewinnung gebaut“, erklärt Francesca. „Das war eine anspruchsvolle Aufgabe, aber auch entscheidender Moment für den Betrieb, der Beginn eines neuen Kapitels.“
Die täglichen Abläufe in der Tierhaltung folgen einfachen Protokollen mit klaren Zuständigkeiten, strengen Reinigungsstandards und maximaler Organisation. „Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, Komplexität in Ordnung zu verwandeln“, sagt Francesca.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, Komplexität in Ordnung zu verwandeln.
Francesca Lovati
Das Melken erfolgt in zwei Schichten, tagsüber und nachts. Sie dauern jeweils sieben bis acht Stunden und werden von drei spezialisierten Mitarbeitenden durchgeführt. Neben der Milch wird von frisch abgekalbten Kühen Kolostrum gewonnen, das unmittelbar pasteurisiert und eingefroren wird. Das Kolostrum ist unerlässlich für den Immunschutz und steht so den neugeborenen Kälbern innerhalb von rund 30 Minuten zur Verfügung.
Jährlich werden rund 1000 Kälber geboren. Sie werden unmittelbar nach der Geburt von ihren Müttern getrennt, um bakterielle Verunreinigungen zu vermeiden. Die Tiere werden 20 Tage lang in Einzelboxen gehalten und anschließend über ein automatisches Fütterungssystem versorgt, welches eine individuell angepasste Fütterung für jedes Kalb sicherstellt.

Sämtliche Rinder werden während seines gesamten Lebensspanne digital überwacht. „Wir nutzen ein Herdenmanagementsystem, das uns hilft, mögliche Probleme bei den Kühen frühzeitig zu erkennen und ab dem 13. Lebensmonat die Brunstsynchronisation zur Erleichterung der Besamung zu steuern“, erklärt Francesca. „Erstkalbinnen werden mit gesextem Sperma besamt, um gezielt weibliche Nachkommen zu erzeugen.“
Dieser Ansatz gewährleistet eine kontinuierliche Verfügbarkeit „frischer“ Holstein-Friesian‑Nachzuchttiere und unterstützt eine verbesserte genetische Selektion. „Doch selbst die beste Genetik der Welt wird ohne ein entsprechendes Management in den Bereichen Betriebsorganisation, Herdenführung und Tiergesundheit nicht zu den gewünschten Ergebnissen führen“, so Francesca.
Optimale Physiologie und betriebseigene Futtermittel
Die Ergebnisse sprechen für sich. Seit dem Umzug in die neue Anlage ist die durchschnittliche tägliche Milchleistung um sechs Liter pro Kuh gestiegen und erreicht heute 40 Liter je Tier und Tag. Die Milchqualität wird kontinuierlich durch Probenahmen überwacht. Die Milch wird an Galbani, einen führenden Milchverarbeiter mit hohen Anforderungen an Zellzahl, Fett- und Eiweißgehalt, Keimbelastung sowie Casein-Werte, geliefert.
Auch die Empfängnisrate ist parallel zur allgemeinen Ruhe Im Stall gestiegen. Zu den Gründen dafür zählen durchdachte Stallkonzepte, gut geplante Absetzprogramme und individuell abgestimmte Futterrationen, Liegeboxen mit großzügigem Platzangebot, 110 Ventilatoren über Futtertischen und Liegeflächen, automatische Duschen und Wassernebel zur Kühlung im Sommer sowie groß dimensionierte Tränken, die im Winter warmes und im Sommer kühles Wasser bereitstellen.
Ackerbau und Milchwirtschaft müssen miteinander verbunden und integriert sein als zwei miteinander kommunizierende Betriebe, die sich gegenseitig unterstützen.
Francesca Lovati
Der Betrieb legt großen Wert auf die Vermeidung von akustischem Stress, insbesondere während des Melkens, sorgfältige Gesundheitsprotokolle sowie wöchentliche tierärztliche Kontrollen. Gefüttert werden die Tiere weitgehend mit hofeigenem Grundfutter, Silage und Stärkefuttermitteln. Diese stammen von den 700 Hektar landwirtschaftlicher Fläche, die der Betrieb im Umkreis von zehn Kilometern um den Hauptstandort bewirtschaftet. „Wir setzen auf eine Fruchtfolge mit Mais, Luzerne und in geringerem Umfang auch Weizen“, ergänzt Francesca. „Die Proteinquelle – etwa Sojabohnen – kaufen wir zu, um die Ration zu vervollständigen.“
Der Betrieb nutzt eine Vielzahl von Lösungen aus dem Bereich der Präzisionslandwirtschaft. Diese reichen von satellitengestützter Spurführung auf den Landmaschinen bis hin zu digitalen Systemen für das Pflanzenmonitoring und das Flächenmanagement. Gleichzeitig deckt eine Photovoltaikanlage mit 400 kWp den täglichen Energiebedarf des Betriebs ab.
Mit Blick in die Zukunft plant das Unternehmen den Einsatz eines noch leistungsfähigeren Karussellmelksystems. Dieses soll kürzere Melkzeiten ermöglichen und den Übergang zu drei Melkschichten erlauben, welches weiteren Vorteile in Bezug auf Effizienz und Tierwohl bietet. „Das Wohl unserer Tiere und der Menschen, die im Betrieb arbeiten, wird weiterhin im Mittelpunkt stehen“, sagt Francesca.
Erfahren Sie mehr auf Instagram: www.instagram.com/floriana_dairy


