Tier­wohl im Stall, Präzi­sion auf dem Feld

Ein Besuch beim Land­wirt­schafts­be­trieb Società Agri­cola Lovati bietet einen Einblick in eine moderne, dyna­mi­sche Seite der italie­ni­schen Tier­hal­tung. Dabei gehen Tech­no­logie und Tradi­tion Hand in Hand und Tier­wohl gehört zum gelebten Alltag.

Es ist ein Morgen Mitte Oktober, als ich in Medi­glia in der Nähe von Mailand ankomme. Auf dem Hof Società Agri­cola Lovati herrscht die rege Betrieb­sam­keit, die das Ende der Saison mit sich bringt. Heute wird die Silo­mais­ernte abge­schlossen, und einige Flächen werden für die Aussaat von Weidel­gras vorbe­reitet. In der Luft liegt der Geruch von Aufbruch und frisch gepflügter Erde.

Seit über einem Monat sind die Feld­ar­beiten unun­ter­bro­chen im Gange, und heute sind die Wetter­be­din­gungen günstig. „Das müssen wir nutzen“, sagt Betriebs­in­haber Umberto Lovati, der mich mit einem Lächeln in einem nahezu menschen­leeren Innenhof begrüßt. Anschlie­ßend begleitet er mich einige Kilo­meter weiter, um mir Trak­toren bei ganz unter­schied­li­chen Feld­ar­beiten zu zeigen.

Von links: Ales­sandro Lovati, Betriebs­in­haber, und der Mitar­beiter Matteo Pedrazzini.

Der Betrieb verfügt über einen Fuhr­park von insge­samt zwölf John Deere Maschinen, darunter auch ein selbst­fah­render Feld­häcksler. Der Häcksler gilt als unver­zichtbar und dient dazu, die höchst­mög­liche Produk­ti­vität zu erzielen und einen konti­nu­ier­li­chen, zuver­läs­sigen Betrieb zu gewähr­leisten. Während der Ernte­saison scheint sich alles um die Felder zu drehen in einem Wett­lauf gegen die Zeit, wie ihn die Land­wirt­schaft nur allzu gut kennt. Zurück am Betriebs­sitz wird die Atmo­sphäre aller­dings spürbar entspannter.

Neben dem Ackerbau hat die Familie Lovati in den vergan­genen Jahr­zehnten einen bedeu­tenden Rinder­zucht­be­trieb aufge­baut. Der Tier­be­stand umfasst derzeit rund 2300 Rinder, über­wie­gend Holstein-Frie­sian-Milch­kühe sowie einen klei­neren Anteil an Weiß­blaue Belgier Mast­rin­dern. Von den Milch­kühen befinden sich derzeit 1100 in Lakta­tion. Im Gegen­satz zur geschäf­tigen Betrieb­sam­keit auf den Feldern ist es in den Ställen – trotz ihrer Größe – außer­ge­wöhn­lich ruhig. Ledig­lich das gleich­mä­ßige Rauschen der Venti­la­toren und das rhyth­mi­sche Geräusch der wieder­käu­enden Rinder durch­bre­chen die Stille.

Umberto entschul­digt sich und verab­schiedet sich von mir. Er kehrt zurück zu den Feldern und Trak­toren, um einige der 20 Mitar­bei­tenden sowie seinen Sohn Ales­sandro zu unter­stützen, der seit mehr als sechs Jahren die Entwick­lung und Führung des Betriebs maßgeb­lich voran­treibt. Zuvor jedoch über­gibt er mich in die Obhut seiner Tochter.

700 ha Fläche werden mit Mais, Luzerne und Weizen für die Futter­ge­win­nung bestellt.

Tier­wohl als Leit­ge­danke

Fran­cesca ist erst 22 Jahre alt, doch wenn sie spricht wird deut­lich, dass sie sich ihren Platz durch harte Arbeit verdient hat. „Unsere Geschichte ist in erster Linie eine Fami­li­en­ge­schichte, die seit drei Gene­ra­tionen von unserer Leiden­schaft für das Land und die Tiere erzählt“, sagt sie stolz. Die Betriebs­lei­tung teilt sie sich heute mit ihrem Bruder, einem ausge­bil­deten Agrar­tech­niker. Sie ist sich bewusst, dass beide gemeinsam die Zukunft des Hofes verkör­pern.

„Nach einem Jahr Studium der Wirt­schafts­wis­sen­schaften und einem Auslands­auf­ent­halt begann ich im Fami­li­en­be­trieb zu arbeiten, zunächst in der Verwal­tung an der Seite meiner Mutter mit dem Schwer­punkt Kälber­ma­nage­ment“, erklärt sie. Es folgten die Betreuung des Kran­kenstalls und anschlie­ßend die Arbeit im Haupt­stall. So lernte sie Schritt für Schritt den Betrieb kennen und wurde immer stärker einge­bunden.

Fran­cesca Lovati: „Für mich bedeutet der Stall Liebe, Leiden­schaft und Hingabe.“

„Ich habe mit einem erfah­renen Züchter zusam­men­ge­ar­beitet und mehrere Fort­bil­dungen besucht“, fährt sie fort. „Als mir klar wurde, dass ich eine echte Leiden­schaft für diesen Beruf entwi­ckelt hatte, gewährte mir mein Vater, so wie er es auch bei meinem Bruder im Bereich der Maschinen getan hatte, voll­stän­dige Entschei­dungs­frei­heit. Ich über­nahm Verant­wor­tung und entwi­ckelte den Wunsch, mich konti­nu­ier­lich weiter­zu­ent­wi­ckeln.“

Fran­cescas Augen leuchten, wenn sie von ihrem Vater spricht. Das zeugt von einem gelun­genen Gene­ra­tio­nen­wechsel. Und sie weiß, dass er sie im Hinter­grund unter­stützt, ohne sich aufzu­drängen. „Er war ein Pionier in der Branche und ein großes Vorbild für uns“, erzählt sie. „Noch sehr jung über­nahm er nach dem Tod seines Vaters und seines Onkels die Verant­wor­tung für den Betrieb und entwi­ckelte im Laufe der Jahre durch Neugierde, Auslands­reisen und Offen­heit zu einem inno­va­tiven und leis­tungs­starken Milch­vieh­be­trieb. Außerdem bewies mein Vater Weit­blick, indem er ein Team verläss­li­cher Mitar­bei­tender aufbaute, die konti­nu­ier­lich geschult und regel­mäßig weiter­ge­bildet werden. Bis heute bleibt das Wohl­be­finden der Kühe unser zentrales Leit­prinzip.“

Die großen und über­sicht­li­chen Ställe sind auf das Wohl der Tiere ausge­legt.

Ab dem 20. Tag werden die Kälber mit dem auto­ma­ti­schen Tränke-Auto­maten gefüt­tert.

Beim Tier­wohl handelt es sich nicht um ein abstraktes Konzept, sondern um eine struk­tu­rierte tägliche Arbeits­weise. Diese erklärt Fran­cesca, die derzeit Nutz­tier­wis­sen­schaften studiert, genauer während wir die Stall- und Melk­an­lagen besich­tigen.

Komple­xität in Ordnung verwan­deln

Die laktie­renden Kühe sind in vier Gruppen auf zwei Gebäude verteilt und räum­lich von den trocken­ste­henden Kühen und Kälbern getrennt. Rund 500 Nach­zucht­färsen sind derzeit einige Kilo­meter entfernt unter­ge­bracht, bis ab dem Früh­jahr ein neu errich­teter Stall fertig­ge­stellt ist. Der Fisch­grä­ten­melk­stand (25 + 25) ist das betrieb­liche Herz­stück der Milch­er­zeu­gung und liegt zentral zwischen den beiden Ställen für die laktie­renden Kühe. „Vor sieben Jahren haben wir fast alle Tiere an diesen Standort verlegt und neue Stal­lungen sowie einen leis­tungs­starken Bereich für die Milch­ge­win­nung gebaut“, erklärt Fran­cesca. „Das war eine anspruchs­volle Aufgabe, aber auch entschei­dender Moment für den Betrieb, der Beginn eines neuen Kapi­tels.“

Die tägli­chen Abläufe in der Tier­hal­tung folgen einfa­chen Proto­kollen mit klaren Zustän­dig­keiten, strengen Reini­gungs­stan­dards und maxi­maler Orga­ni­sa­tion. „Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, Komple­xität in Ordnung zu verwan­deln“, sagt Fran­cesca.

Das Melken erfolgt in zwei Schichten, tags­über und nachts. Sie dauern jeweils sieben bis acht Stunden und werden von drei spezia­li­sierten Mitar­bei­tenden durch­ge­führt. Neben der Milch wird von frisch abge­kalbten Kühen Kolos­trum gewonnen, das unmit­telbar pasteu­ri­siert und einge­froren wird. Das Kolos­trum ist uner­läss­lich für den Immun­schutz und steht so den neuge­bo­renen Kälbern inner­halb von rund 30 Minuten zur Verfü­gung.

Jähr­lich werden rund 1000 Kälber geboren. Sie werden unmit­telbar nach der Geburt von ihren Müttern getrennt, um bakte­ri­elle Verun­rei­ni­gungen zu vermeiden. Die Tiere werden 20 Tage lang in Einzel­boxen gehalten und anschlie­ßend über ein auto­ma­ti­sches Fütte­rungs­system versorgt, welches eine indi­vi­duell ange­passte Fütte­rung für jedes Kalb sicher­stellt.

Der Betrieb produ­ziert durch­schnitt­lich 40 Liter Milch pro Kuh und Tag.

Sämt­liche Rinder werden während seines gesamten Lebens­spanne digital über­wacht. „Wir nutzen ein Herden­ma­nage­ment­system, das uns hilft, mögliche Probleme bei den Kühen früh­zeitig zu erkennen und ab dem 13. Lebens­monat die Brunst­syn­chro­ni­sa­tion zur Erleich­te­rung der Besa­mung zu steuern“, erklärt Fran­cesca. „Erst­kal­binnen werden mit gesextem Sperma besamt, um gezielt weib­liche Nach­kommen zu erzeugen.“

Dieser Ansatz gewähr­leistet eine konti­nu­ier­liche Verfüg­bar­keit „frischer“ Holstein-Frie­sian‑Nach­zucht­tiere und unter­stützt eine verbes­serte gene­ti­sche Selek­tion. „Doch selbst die beste Genetik der Welt wird ohne ein entspre­chendes Manage­ment in den Berei­chen Betriebs­or­ga­ni­sa­tion, Herden­füh­rung und Tier­ge­sund­heit nicht zu den gewünschten Ergeb­nissen führen“, so Fran­cesca.

Opti­male Physio­logie und betriebs­ei­gene Futter­mittel

Die Ergeb­nisse spre­chen für sich. Seit dem Umzug in die neue Anlage ist die durch­schnitt­liche tägliche Milch­leis­tung um sechs Liter pro Kuh gestiegen und erreicht heute 40 Liter je Tier und Tag. Die Milch­qua­lität wird konti­nu­ier­lich durch Probe­nahmen über­wacht. Die Milch wird an Galbani, einen führenden Milch­ver­ar­beiter mit hohen Anfor­de­rungen an Zell­zahl, Fett- und Eiweiß­ge­halt, Keim­be­las­tung sowie Casein-Werte, gelie­fert.

Auch die Empfäng­nis­rate ist parallel zur allge­meinen Ruhe Im Stall gestiegen. Zu den Gründen dafür zählen durch­dachte Stall­kon­zepte, gut geplante Absetz­pro­gramme und indi­vi­duell abge­stimmte Futter­ra­tionen, Liege­boxen mit groß­zü­gigem Platz­an­gebot, 110 Venti­la­toren über Futter­ti­schen und Liege­flä­chen, auto­ma­ti­sche Duschen und Wasser­nebel zur Kühlung im Sommer sowie groß dimen­sio­nierte Tränken, die im Winter warmes und im Sommer kühles Wasser bereit­stellen.

Ackerbau und Milch­wirt­schaft müssen mitein­ander verbunden und inte­griert sein als zwei mitein­ander kommu­ni­zie­rende Betriebe, die sich gegen­seitig unter­stützen.

Fran­cesca Lovati

Der Betrieb legt großen Wert auf die Vermei­dung von akus­ti­schem Stress, insbe­son­dere während des Melkens, sorg­fäl­tige Gesund­heits­pro­to­kolle sowie wöchent­liche tier­ärzt­liche Kontrollen. Gefüt­tert werden die Tiere weit­ge­hend mit hofei­genem Grund­futter, Silage und Stär­ke­fut­ter­mit­teln. Diese stammen von den 700 Hektar land­wirt­schaft­li­cher Fläche, die der Betrieb im Umkreis von zehn Kilo­me­tern um den Haupt­standort bewirt­schaftet. „Wir setzen auf eine Frucht­folge mit Mais, Luzerne und in gerin­gerem Umfang auch Weizen“, ergänzt Fran­cesca. „Die Prote­in­quelle – etwa Soja­bohnen – kaufen wir zu, um die Ration zu vervoll­stän­digen.“

Der Betrieb nutzt eine Viel­zahl von Lösungen aus dem Bereich der Präzi­si­ons­land­wirt­schaft. Diese reichen von satel­li­ten­ge­stützter Spur­füh­rung auf den Land­ma­schinen bis hin zu digi­talen Systemen für das Pflan­zen­mo­ni­to­ring und das Flächen­ma­nage­ment. Gleich­zeitig deckt eine Photo­vol­ta­ik­an­lage mit 400 kWp den tägli­chen Ener­gie­be­darf des Betriebs ab.

Mit Blick in die Zukunft plant das Unter­nehmen den Einsatz eines noch leis­tungs­fä­hi­geren Karus­sell­melk­sys­tems. Dieses soll kürzere Melk­zeiten ermög­li­chen und den Über­gang zu drei Melk­schichten erlauben, welches weiteren Vorteile in Bezug auf Effi­zienz und Tier­wohl bietet. „Das Wohl unserer Tiere und der Menschen, die im Betrieb arbeiten, wird weiterhin im Mittel­punkt stehen“, sagt Fran­cesca.

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