Klimaneutrale, emissionsfreie Landwirtschaft? Schön wäre es, aber: „wo gehobelt wird, fallen auch Späne“ lautet ein Sprichwort – nicht ohne Grund. „Die landwirtschaftliche Produktion fußt auf biologischen Prozessen im Tier und im Boden, die niemals frei von Klimagasemissionen sein können“, sagt Helmut Döhler, Agrarwissenschaftler und Buchautor, der Jahrzehnte für das KTBL arbeitete und seit 2014 als Berater, Forscher und Systementwickler agiert. Man nehme die Kuh. Für manche Kritiker ist gerade die Kuh ob ihrer Methanemissionen regelrecht ein Klimakiller. Dies ist leicht zu widerlegen, weil alle von der Kuh emittierten Klimagase auf ihrem Futter basiert, welches wiederum von Pflanzen stammt, die mittels der Photosynthese und dem Kohlendioxid aus der Atmosphäre gewachsen sind – also biogenem Ursprung sind. Zumal nach aktuellem Stand der Wissenschaft dieses Methan nach etwa 12 Jahren wieder abgebaut ist.
Unabhängig davon ignoriert die einfache Betrachtung die große biologische Leistung des Rindes, das für Menschen nicht verdaubare Gras zu einem so hochwertigen Nahrungsmittel wie Milch zu verwandeln. Das ist ein metabolisches Kraftwerk mit weltweit riesigem Nutzen für den Menschen!
Trotzdem: Diese positiven Aspekte sollten nicht dazu verleiten, nicht darüber nachzudenken, wie die Rinder- und Milchviehhaltung klimafreundlicher gestaltet und weiterentwickelt werden könnte. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Optionen und Methoden auf verschiedenen Ebenen, um den Carbon Footprint in der Fleischproduktion respektive Milcherzeugung zu minimieren.

Wo schlummern Sparpotenziale?
Agrarexperte Döhler hebt einen Aspekt gesondert heraus. Aus seiner Sicht müsse man sich die Tierarten mit den höchsten Emissionen kritischer anschauen. Nicht mit dem Ziel, um am Ende ein Plädoyer zur Abschaffung der Rinderhaltung zu unterfüttern, sondern um wissenschaftlich zu hinterfragen, welche Rassen sich am Ende tatsächlich am klimafreundlichsten erweisen. Döhler selbst präferiert Mehrnutzungsrassen im Gegensatz zu hochspezialisierten, hochgezüchteten Milchviehrassen, weil sie aus seiner Sicht klimabilanziell besser abschneiden würden.
Weitere Sparpotenziale schlummern in der Silierung, in der Fütterung, beim Stallbau bis hin zur Güllelagerung. Mit all diesen Themen wie höhere Effizienzen, mehr Nachhaltigkeit und letztlich einem optimierten Carbon Foot Print beschäftigen sich die Mitarbeiterinnen des Milk Sustainability Center, das De Laval und John Deere vor einigen Jahren gemeinsam gegründet haben.

Die landwirtschaftliche Produktion fußt auf biologischen Prozessen im Tier und im Boden, die niemals frei von Klimagasemissionen sein können.
Helmut Döhler, Agrarwissenschaftler
Denn es gibt es noch viel zu tun: So emittiert der gesamte Agrarsektor in Deutschland laut Angaben des Umweltbundesamtes im Jahr 2024 noch etwa 62 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente pro Jahr in Form von Kohlendioxid, Methan und Lachgas in die Atmosphäre; das entspricht ungefähr 9,6 Prozent der Gesamtemissionen Deutschlands. Wenn man die Landnutzungsänderungen mit dazuzählen würde, wie beispielsweise die Trockenlegung von Mooren, sind es sogar 100 Millionen Tonnen – was etwa 14 Prozent der gesamten Klimagasemissionen ausmacht.


Kalkulatorisch klimaneutral
Daher bietet auch der ökologische Landbau gute Chancen. Er emittiert auf die Fläche bezogen nur rund die Hälfte relevanter Klimagase im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft. „Da aber die Erträge im Ökolandbau deutlich geringer ausfallen“, so Agrar-Experte Döhler, „ist die Klimagasbilanz der jeweiligen Produkte am Ende ähnlich.“ Dennoch rechnet er mit rund einer Million Tonnen CO2-Minderung, die der Ökolandbau zusätzlich bei entsprechender Ausweitung leisten könnte, vor allem resultierend aus dem Verzicht von synthetischen Düngemitteln, die in ihrer Herstellung viel Energie beziehen sowie den höheren Humusanteilen in den ökologisch bewirtschafteten Weiden und Äckern, die zusätzlich Kohlenstoff speichern helfen. Hinzukommen große Vorteile für die Artenvielfalt.
Dennoch: Trotz aller Optionen ist eine emissionsfreie Landwirtschaft zum jetzigen Zeitpunkt kaum realisierbar. „Um die Landwirtschaft zumindest kalkulatorisch klimaneutral zu gestalten, müssen wir die unvermeidbaren Emissionen kompensieren. Das können wir besten durch die Bereitstellung erneuerbarer Energien. Abgesehen von Wind- und Wasserkraft sowie Photovoltaikanlagen zur Erzeugung von Strom und Wasserstoff haben wir vielfältige Möglichkeiten mit der Erzeugung von Biogas für eine flexible, bedarfsgerechte Stromeinspeisung sowie für die Gewinnung von Biokraftstoffen und die Versorgung des ländlichen Raums mit grüner Wärme“, merkt Döhler an. Zusätzlich bieten Ölpflanzen weitere Optionen zur Kraftstoffproduktion.
Bioenergie unterstützt Klimawende
In dieselbe Richtung wie Döhler argumentiert Anker Jacobsen. Der Däne ist ein international anerkannter Technik-Pionier bei der Separierung von Biogas in Biomethan und Kohlendioxid mittels der Amin-Wäsche. Der Prozesschemiker sieht gerade in der Bioenergie einen unverzichtbaren Baustein, um die Energiewende hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft realisieren zu können. „Ich kritisiere aber die aktuellen Berechnungsmethoden des IPCC, weil sie die Bedeutung des biogenen CO2 einfach falsch bewertet“, so Anker Jacobsen.
Jacobsen hält eine wissenschaftliche Neubewertung des auf der Basis von Pflanzen generierten CO2 im Gegensatz zum fossil emittierten Kohlendioxid für dringend notwendig. Dazu stellt er elementare Fragen: Wie zirkuliert Kohlenstoff in natürlichen und wie in menschengemachten Kreisläufen? Wie beeinflusst dies das Klima tatsächlich? Sein Appell: Wir brauchen andere Berechnungsmodelle, um mit der Energiewende voranzukommen und zugleich die positiven Klimabeiträge von Landwirtschaft & Bioenergie mehr als bisher herauszustellen. Das ist bei Weitem nicht konfliktfrei, so Jacobsen weiter, weil Klimaschutz und Umweltschutz mit ihren jeweiligen Bestrebungen nicht selten miteinander kollidieren. Allerdings seien diese Konflikte aus seiner Sicht lösbar.

Die Produktion von Biogas aus landwirtschaftlichen Reststoffen ist von zentraler Bedeutung.
Anker Jacobsen, Prozesschemiker
Dabei ist aus der Sicht von Jacobsen die Produktion von Biogas aus landwirtschaftlichen Reststoffen von zentraler Bedeutung, weil es die technische, energiesystemische Option bietet, „grünen“ Kohlenstoff und erneuerbare Stromwirtschaft miteinander in sinnvolle Art und Weise zu verbinden. Denn aus dem Biogas separierten CO2 kann man zusammen mit Wasserstoff aus der Elektrolyse, gespeist mit Strom aus Wind und Sonne, beispielsweise E-Methanol (CH3OH) herstellen, der als Treibstoff für die Seeschifffahrt im großen Stil eingesetzt werden kann.
Düngung, Drohnen, Emissionsminderung
Das böte interessante Perspektiven für die Zukunft. Damit dies gelingt, braucht es Agrarforschung an der Basis und in der Breite, nicht nur im Stall, im Fermenter, sondern eben auch auf dem Acker in den einzelnen Regionen. Wie wertvoll diese Agrarforschung vor Ort ist, zeigt sich beispielsweise an der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Berge, unweit von Nauen im brandenburgischen Landkreis Havelland.


Dort leisten Leiter Dr. Andreas Muskolus und seine Mitarbeiter seit vielen Jahren beeindruckende Forschungsarbeit, um der landwirtschaftlichen Praxis in der Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen neue Orientierung zu geben. Am traditionsreichen Versuchsstandort, dessen früherer Leiter Dr. Fritz Klatt im Jahr 1951, seiner Zeit damals sicherlich weit voraus, das hochinteressante Handbuch „Die Feldberegnung und ihre sachgemäße Anwendung“ verfasste, wird aktuell zu neuen Methoden der Düngung, aber auch zum Drohneneinsatz beim Ackerbau und zu neuen Ansätzen geforscht, wie klimaschädigende Emissionen minimiert werden können.
„Eines ist doch vollkommen klar. Zwar will ich keine Endzeitstimmung vermitteln, aber wir können in der Landwirtschaft nicht mehr so weiter machen wie bisher“, konstatiert Muskolus beim Rundgang über die Versuchsanlage, die Teil des Instituts für Agrar- und Stadtökologische Projekte (IASP) an der Humboldt-Universität zu Berlin ist.

Wir können in der Landwirtschaft nicht mehr so weiter machen wie bisher.
Dr. Andreas Muskolus, Leiter Landwirtschaftliche Versuchsstation Berge
Er und sein Team sind neben anderen Vorhaben derzeit mit einem von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) ausgelobten Projekt mit dem Titel „GEWINN“ beschäftigt, bei dem es darum geht, wie die Methan-Emissionen bei der Ausbringung von Gärresten nicht nur vermindert, sondern auch für die Energieerzeugung genutzt werden kann.
Erwartet wird eine Steigerung des Methan-Outputs um zehn Prozent. Noch ist diese Marge zwar graue Theorie, doch die Demonstrationsanlage, die dafür in Berge in einem Container installiert worden ist, wird in den nächsten Monaten dazu belastbare Werte liefern können. „Wir entnehmen dem Gärrest bei einem halben bar Unterdruck Ammoniak und fügen Natronlauge und Wärme hinzu, so dass die langkettigen Kohlenwasserstoffe aufgebrochen werden und die Methanbakterien mehr umsetzen können“, erklärt Fabian Kraus, Projektleiter am Kompetenzzentrum Wasser Berlin, das Wirkprinzip der Versuchsanlage.


