Tiefe Wurzeln, dürf­tige Erträge?

Mehr­jäh­rige Getreide wie Weizen­gras, Wald­stau­den­roggen und mehr­jäh­riger Weizen gewinnen zuneh­mend Aufmerk­sam­keit. Sie verspre­chen bessere Boden­struk­turen, mehr Trocken­heits­re­sis­tenz und gerin­geren Bewirt­schaf­tungs­auf­wand. Doch erfüllen sie diese Erwar­tungen auch in der Praxis?

Im ersten Jahr sah der Versuch in Bran­den­burg beinahe wie ein Fehl­schlag aus. Mohn und andere Beikräuter über­wu­cherten das junge Weizen­gras, der Bestand blieb lückig. „Andreas Muskolus sagte zu mir: Das klappt niemals“, erin­nert sich Boden­öko­loge Dr. Hans-Holger Liste. Doch im zweiten Jahr hatte das Weizen­gras plötz­lich den Bestand geschlossen und die Konkur­renz weit­ge­hend verdrängt. „Wenn sich eine mehr­jäh­rige Pflanze erstmal etabliert hat, ist sie gegen­über Umwelt­be­din­gungen viel resis­tenter“, merkt Dr. Liste an. 

Solche Erfah­rungen wecken Hoff­nungen. Mehr­jäh­rige Getreide wie Weizen­gras, Wald­stau­den­roggen oder mehr­jäh­riger Weizen gelten als mögliche Antwort auf einige der drän­gendsten Probleme des modernen Acker­baus: Boden­ero­sion, Humus­ver­lust, Trocken­stress und hoher Betriebs­mit­tel­ein­satz. 

Die Erwar­tungen sind hoch. Tief­rei­chende Wurzeln sollen den Boden stabi­li­sieren, Wasser besser erschließen, Kohlen­stoff spei­chern und das Boden­leben fördern – bei weniger Boden­be­ar­bei­tung, Über­fahrten und Arbeits­auf­wand. Doch wie gut funk­tio­niert das in der Praxis? Und lohnt sich der Anbau auch wirt­schaft­lich?

Einmal säen, mehrere Jahre nutzen

Mehr­jäh­rige Getreide werden meist im Sommer oder Früh­herbst ausgesät. Im ersten Jahr entsteht vor allem Biomasse, die etwa als Futter oder Biogas­sub­strat genutzt werden kann. Ab dem zweiten Jahr folgt die Korn­ernte, danach treibt der Bestand erneut aus. Je nach Kultur und Standort kann dies über mehrere Jahre wieder­holt werden.

Wald­stau­den­roggen

Wald­stau­den­roggen (Secale cereale) ist eine urtüm­liche Roggen­form, die seit Jahr­hun­derten auf armen Stand­orten und in Mittel­ge­birgs­lagen genutzt wird. Die Nutzungs­dauer beschränkt sich in der Praxis meist auf zwei Jahre, obwohl theo­re­tisch längere Stand­zeiten möglich wären.

Ernte von Wald­stau­den­roggen mit Unter­saat

Die Kultur gilt als robust, frost­hart und anspruchslos. Charak­te­ris­tisch sind über 2 m hohe Pflanzen mit langen Ähren, kleinen Körnern und tief­rei­chenden Wurzeln. Aller­dings ist Wald­stau­den­roggen lager­an­fällig. Verwendet wird Wald­stau­den­roggen vor allem für Sauer­teig- und Voll­korn­brote. Zusätz­lich können Grün­masse und Stroh genutzt werden. 

Weizen­gras

Deut­lich jünger ist die Entwick­lung von Weizen­gras. In den USA versucht das „Land Insti­tute“ seit Jahr­zehnten, die mehr­jäh­rige Grau­grüne Quecke (Thino­pyrum inter­me­dium) als Körner­frucht zu domes­ti­zieren. Die erste Körner­nut­zungs­linie MN-Clear­water kam in den 2010er Jahren auf den Markt. Die daraus gewon­nenen Produkte werden unter der Marke Kernza® vermarktet.

Weizen­gras bildet Wurzeln von bis zu drei Metern Tiefe. Dadurch gilt die Kultur als beson­ders trocken­heits­re­sis­tent und effi­zient bei der Nähr­stoff­auf­nahme. Genau diese Eigen­schaften machten die Kultur für Forschende in Bran­den­burg inter­es­sant. Seit 2019 läuft dort ein Praxis­ver­such unter ökolo­gi­schen Bedin­gungen ohne Herbi­zid­ein­satz. Dr. Hans-Holger Liste und Andreas Muskolus, Professor für ökolo­gi­schen Acker- und Pflan­zenbau an der Hoch­schule für nach­hal­tige Entwick­lung Ebers­walde, sind daran betei­ligt.

Im sehr trockenen Jahr 2019 wurden andere Getrei­de­arten auf den Versuchs­flä­chen notreif. „Weizen­gras hingegen stand da wie eine Eins“, erin­nert sich Dr. Liste. Im ersten Jahr war aller­dings die Konkur­renz durch Beikräuter proble­ma­tisch. Im zweiten Jahr schloss sich der Bestand dann stark. Die Korn­er­träge liegen bislang trotz allem deut­lich unter denen moderner Weizen­sorten.

Kernza®-Bestand im Mai 2021

Kernza®-Bestand im Juli 2021

Kernza®-Bestand Ende August 2022 kurz vor der Ernte

Auch tech­nisch stellt die Kultur Anfor­de­rungen. Die Körner sind extrem klein und fallen bei verspä­teter Ernte leicht aus. Für den Drusch sind daher spezi­elle Einstel­lungen nötig, ähnlich wie bei der Gräser­saat­gut­ver­meh­rung. Der Versuch lieferte keine Hinweise auf ein inva­sives Verhalten des Grases.

Die Körner enthalten viel Protein, jedoch weniger Gluten als Weizen. Deshalb eignet sich das Mehl vor allem für Misch­brote oder Spezi­al­pro­dukte. In den USA wird Kernza® bereits für Brot, Bier und andere Lebens­mittel genutzt. In der EU ist die breite Vermark­tung als Lebens­mittel bislang einge­schränkt, da sich Weizen­gras noch im Novel-Food-Verfahren befindet.

Mehr­jäh­riger Weizen

Beim Mehr­jäh­rigen Weizen werden einjäh­rige Weizen­sorten mit mehr­jäh­rigen Quecken­arten gekreuzt (Triticum aestivum × Thino­pyrum spp.), um die Back­qua­lität und Ertrags­stärke des Weizens mit der Ausdauer mehr­jäh­riger Pflanzen zu verbinden. Welt­weit exis­tieren zwar zahl­reiche expe­ri­men­telle Linien, markt­reife Sorten gibt es bislang aber kaum. Das Haupt­pro­blem sind die bereits ab dem dritten Jahr stark sinkenden Erträge.

Mehr­jäh­rig­keit:

3–5 Jahre

Ertrag:

Niedrig (besten­falls 25% des Ertrags einjäh­rigen Weizens)

Nutzung:

Mehl, Spezi­al­pro­dukte, Futter

Stärken:

starke Umwelt­leis­tungen, trocken­heits­re­sis­tent

Schwä­chen:

nied­rige Erträge, schwie­rige Vermark­tung

Praxis­status:

In den USA bereits fort­ge­schrit­tene Nische

Mehr­jäh­rig­keit:

meist 2 Jahre

Ertrag:

Moderat (<50% des Ertrags moderner Roggen­sorten)

Nutzung:

Futter, Brot, Stroh

Stärken:

robust, frost­hart, anspruchslos, sehr schneller Bestands­schluss

Schwä­chen:

mode­rate Korn­er­träge, Lager­nei­gung

Praxis­status:

regio­nale Nische

Mehr­jäh­rig­keit:

meist 2 Jahre

Ertrag:

bislang gering (je nach Standort und Jahr zwischen etwa 9 und 96% des Ertrags einjäh­rigen Weizens)

Nutzung:

Brot­weizen

Stärken:

Poten­zial für Erosi­ons­schutz, Humus­aufbau, Boden­leben

Schwä­chen:

starke Ertrags­ein­brüche ab dem 2. Jahr

Praxis­status:

Bisher über­wie­gend Forschung

Umwelt­vor­teile gut belegt

Die größten Stärken mehr­jäh­riger Getreide liegen derzeit im Umwelt­be­reich. „Dauer­kul­turen haben wesent­liche Vorteile gegen­über einjäh­rigen Kulturen und das hat vor allem mit der Kohlen­stoff­spei­che­rung im Boden zu tun“, sagt Prof. Muskolus.

Studien belegen ökolo­gi­sche Vorteile

  • Verbes­serte Boden­struktur,
  • Wasser­in­fil­tra­tion,
  • Humus­aufbau,
  • Boden­leben,
  • Kohlen­stoff­spei­che­rung,
  • Erosi­ons­schutz
  • und Nähr­stoff­rück­halt.

Weizen­gras redu­ziert beispiels­weise den Nitrat­aus­trag deut­lich stärker als einjäh­rige Kulturen. Forschende der TU Graz fanden zudem ein viel­fäl­ti­geres Boden­mi­kro­biom unter Weizen­grasbe­ständen. Aufgrund des kräf­tigen Wurzel­sys­tems wird auch dem Wald­stau­den­roggen eine posi­tive Wirkung auf die Boden­struktur zuge­schrieben. Er sorgt für eine schnelle und inten­sive Durch­wur­ze­lung des Bodens. In Versu­chen mit mehr­jäh­rigem Weizen nahm die orga­ni­sche Substanz im Boden zu, gleich­zeitig verdop­pelte sich die Zahl der Regen­würmer im Vergleich zu einjäh­rigem Weizen.

Der Preis für gesunden Boden

Die ökolo­gi­schen Vorteile haben aller­dings ihren Preis. Mehr­jäh­rige Getreide liefern deut­lich gerin­gere Korn­er­träge als moderne einjäh­rige Sorten. So liegen die Korn­er­träge von Wald­stau­den­roggen meist nur bei 1–2 t/ha und damit bei weniger als der Hälfte des Ertrags moderner Roggen­sorten.

Die Weizen­gra­ser­träge im Versuch in Bran­den­burg lagen im zweiten Stand­jahr bei 12,5 dt/ha– das entspricht etwa einem Viertel der Erträge, die ein einjäh­riger Weizen auf diesem Standort gebracht hätte. Danach sank der Ertrag auf rund 7 dt/ha und im fünften Jahr schließ­lich auf 2,5 dt/ha. Wie lange Weizen­gras wirt­schaft­lich rele­vante Erträge liefern kann, ist bislang noch unklar. „Nach unseren Erfah­rungen ist es aber durchaus vorstellbar, dass es sieben Jahre oder länger ange­baut wird“, vermutet Prof. Muskolus.

Ernte des Kernza-Bestands mit einem Parzel­len­mäh­dre­scher im August 2022.
Kernza-Ähre im August 2020.

In einem BÖLN-Projekt auf baye­ri­schen Grenz­stand­orten erzielten mehr­jäh­rige Weizen­li­nien im ersten Jahr bis zu 17 dt/ha. Die einjäh­rige Weizen­sorte Capo schnitt bei sehr trockenen Bedin­gungen mit 20 dt/ha nicht wesent­lich besser ab. Danach halbierten sich die Erträge der mehr­jäh­rigen Linien jedoch rasch. Gleich­zeitig erfor­dert der Anbau ein ange­passtes Manage­ment. Vor allem die Etablie­rung im ersten Jahr gilt als kriti­sche Phase, weil die jungen Pflanzen anfangs konkur­renz­schwach sind. Dafür entfallen jähr­liche Boden­be­ar­bei­tung und Neuan­saat. 

Unklar ist bislang, wie sich mehr­jäh­rige Kulturen lang­fristig sinn­voll in Frucht­folgen inte­grieren lassen und wie stark die posi­tiven Boden­ef­fekte nach einem späteren Umbruch erhalten bleiben. Vor allem auf Grenz­stand­orten sehen Forschende dennoch Poten­zial. „Für Bran­den­burg ist das inter­es­sant, weil die lange Wurzel Wasser aus tieferen Boden­schichten erschließt“, sagt Dr. Hans-Holger Liste.

Lohnt sich der Anbau?

Kurz­fristig lohnt sich der Anbau mehr­jäh­riger Getreide bislang nur selten. Die posi­tiven Umwelt­wir­kungen können die deut­lich gerin­geren Erträge, schwie­rige Vermark­tung und teils aufwen­dige Etablie­rung bislang kaum ausglei­chen.

Kernza: Bei einer Zwei­fach­nut­zung folgt der Drusch im September einer frühen Mahd im April oder Mai.

Wirt­schaft­lich inter­es­sant können die Kulturen dennoch werden, wenn mehrere Nutzungen zusam­men­kommen, etwa Korn, Futter und CO₂-Bindung. Auf schwa­chen, trockenen oder erosi­ons­ge­fähr­deten Stand­orten liefern mehr­jäh­rige Getreide auch bei geringen Inputs noch Erträge. 

Weizen­gras gilt inner­halb der noch jungen Forschung zu mehr­jäh­rigen Drusch­früchten derzeit als die aussichts­reichste Kultur. Dennoch ist sie noch weit von der Produk­ti­vität moderner Weizen­sorten entfernt. „Ich kann mir Weizen­gras auf Grenz­stand­orten vorstellen, wo man über­legt, ob man über­haupt noch Ackerbau betreiben soll“, sagt Prof. Muskolus. Für Land­wirte könnte das durchaus inter­es­sant sein, denn auch poten­zi­elle Abnehmer gäbe es, wie Prof. Muskolus berichtet. 

Fazit

Die ökolo­gi­schen Hoff­nungen erfüllen mehr­jäh­rige Getreide bisher weit­ge­hend. Beson­ders gut belegt sind Vorteile für Boden­struktur, Humus­aufbau und Boden­leben durch die dauer­hafte Boden­be­de­ckung und die tief­rei­chenden Wurzeln. Ökono­misch können die Kulturen mit modernen einjäh­rigen Getreiden bislang jedoch kaum konkur­rieren. Nied­rige Erträge und begrenzte Absatz­märkte verhin­dern derzeit einen breiten Durch­bruch.

Dennoch könnten mehr­jäh­rige Getreide künftig dort inter­es­sant werden, wo der klas­si­sche Ackerbau zuneh­mend an seine Grenzen stößt – auf trockenen Stand­orten, erosi­ons­ge­fähr­deten Flächen oder in exten­siven Produk­ti­ons­sys­temen. Weitere Züch­tung, poli­ti­sche Förde­rung und eine wach­sende Nach­frage nach nach­hal­tigen Produkten haben zudem das Poten­tial, die zukünf­tige Bedeu­tung mehr­jäh­riger Drusch­früchte zu stei­gern. Noch stehen die Kulturen am Anfang ihrer züch­te­ri­schen Entwick­lung. Einige Züchter halten es für möglich, dass Weizen­gras in den kommenden Jahr­zehnten das Ertrags­ni­veau einjäh­rigen Weizens erreicht.