Ein humanoider Roboter bewegt sich ganz ruhig durch den Geflügelstall, prüft Klima und Tiere, übernimmt Routinearbeiten, und vielleicht begleitet ihn sogar ein eigener Roboterhund. Zur gleichen Zeit steht ein Landwirt draußen auf dem Feld und fragt per Smartphone ganz selbstverständlich: „Hey McDonald, wie geht es meinen Hühnern heute?“ Sekunden später bekommt er einen vollständigen Überblick über aktuelle Temperaturen, Verhaltensänderungen bei den Tieren und Hinweise darauf, ob etwa die Fütterung angepasst werden muss oder eine Tierarztbesuch ansteht.
Diese Zukunftsvision klingt vielleicht noch nach Science-Fiction, doch ihre Umsetzung kommt mit großen Schritten, so der Wissenschaftler und Leiter des Bereichs Robotik am Georgia Tech Research Institute, Colin Usher. Die Kosten sind bereits spürbar gesunken und damit auch die Schwelle zum Einsatz dieser Technologie. 2025 brachte ein chinesisches Unternehmen einen zweibeinigen humanoiden Roboter für weniger als 6.000 US‑Dollar auf den Markt. Gleichzeitig werden die Computersysteme an Board immer energieeffizienter und die Rechenleistung wächst rasant. Über das Internet fließen Sensordaten aus den Ställen in Sekundenschnelle in Rechenzentren und liefern nahezu in Echtzeit Auswertungen, die früher Tage in Anspruch nahmen.

Daten statt Bauchgefühl
Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) könnten die Art und Weise, wie Landwirte mit Technik umgehen, grundlegend verändern, sagt Colin Usher. Statt komplexer Bedienoberflächen reicht künftig ein gesprochenes Wort oder eine einfache Frage. Doch damit Maschinen selbstständig unterstützen können, braucht es vor allem verlässliche Daten und die Fähigkeit, diese sinnvoll zu interpretieren. An dieser Stelle entscheidet sich, wie schnell funktionale Autonomie in der Nutztierhaltung Realität wird.
Es geht darum, die Informationen so zusammenzuführen, dass sie einen Überblick geben und als Grundlage für Entscheidungen dienen können, die langfristig etwas verändern.
Suzanne Leonard
„Daten haben wir genug. Was zählt, sind Erkenntnisse“, sagt Suzanne Leonard von der North Carolina State University. „Es geht darum, die Informationen so zusammenzuführen, dass sie einen Überblick geben und als Grundlage für Entscheidungen dienen können, die langfristig etwas verändern.“ Entscheidend sei dabei immer auch der wirtschaftliche Nutzen. Detailinformationen wie die Futterverwertung einzelner Tiere helfen da im Betriebsalltag kaum weiter. Deutlich überzeugender seien Sensoren, die das Stallbedingungen im Schweinebestand überwachen, die Tiergesundheit verbessern und Verluste reduzieren.
KI erkennt Probleme frühzeitig
Guoming Li, Ingenieur für Geflügelhaltung an der University of Georgia, sieht die Zukunft bereits in greifbarer Nähe. Durch Computer Vison, dem maschinellen Sehen, lernen Computer Bilder und Videos automatisch zu erfassen, zu analysieren und zu interpretieren. Bereits heute lassen sich das Gangbild und Verhalten in Masthähnchenbeständen präzise analysieren. KI‑ und Deep‑Learning‑Modelle erkennen frühzeitig Muster, so dass aus Verhaltensdaten, die in der zweiten Lebenswoche gesammelte werden, Vorhersagen über das Gangbild in der siebten Woche abgeleitet werden können. „Diese frühen Hinweise geben uns die Chance, frühzeitig gegenzusteuern, beispielsweise über die Fütterung oder andere Maßnahmen“, sagt Li. „So können wir nicht nur das Tierwohl verbessern, sondern auch die Produktivität nachhaltig steigern.“
Frühen Hinweise geben uns die Chance, frühzeitig gegenzusteuern, beispielsweise über die Fütterung oder andere Maßnahmen.
Guoming Li
Computer Vision gleicht Erfahrungsunterschiede aus. Ein erfahrener Tierhalter erkennt möglicherweise feine Verhaltensänderungen, die einem neuen Mitarbeiter entgehen. „Sensoren und Rechenleistung ermöglichen eine objektivere, genauere und konsistentere Bewertung“, sagt Li. Technik kann dabei im wahrsten Sinne des Wortes ein zusätzliches Paar Augen liefern. Wissenschaftler der North Carolina State University arbeiten derzeit daran, ein kamerabasiertes System zur Überwachung des Abferkelns weiterzuentwickeln und dafür Fördermittel einzuwerben.
Statt dass ein Mensch ständig 50 abferkelnde Sauen kontrolliert, übernimmt ein Überwachungssystem diese Aufgabe. Läuft alles normal und eine Sau bring alle 10 bis 15 Minuten ein Ferkel zur Welt, kann die Natur ihren Lauf nehmen. Stellt das System jedoch fest, dass der Abstand zwischen zwei Geburten zu groß wird, schlägt es Alarm und fordert menschliches Eingreifen an. „Solche Technologien helfen uns, unsere Zeit gezielter einzusetzen“, sagt Suzanne Leonard.

Roboter übernehmen Routinen im Stall
Eine Technologie, die kurz vor der Marktreife steht, ist ein Roboter des Georgia Institute of Technology, der in Elterntierbeständen von Masthähnchen die Eier vom Boden aufsammelt. Eine unscheinbare, aber wichtige Arbeit, die zugleich viel Zeit bindet. „Wer die Eier nicht regelmäßig einsammelt, riskiert, dass noch mehr Eier auf dem Boden abgelegt werden“, erklärt Colin Usher. Es handelt sich zwar um eine einfache Routinearbeit, doch Zeit und Arbeitskräfte sind in vielen Betrieben knapp.
Es wurde viel daran gearbeitet, wie Roboter mit Menschen zusammenarbeiten. Wie sie sinnvoll mit Tieren interagieren, ist dagegen noch ein vergleichsweise junges Forschungsfeld.
Colin Usher
Für die breite Einführung von Robotik in der Tierhaltung, so Usher, sind deshalb zusätzliche Funktionen entscheidend. Der Eiersammelroboter könnte künftig nicht nur Bodeneier aufnehmen, sondern auch verendete Tiere erfassen, Hühner sanft in Richtung der Nester lenken, Küken zum Fressen und Trinken animieren oder das Stallklima überwachen. „Der Roboter nutzt KI‑Algorithmen, um seine Umgebung während der Fahrt zu erfassen“, sagt Usher. „Warum sollte das Kamerasystem dann nicht auch Tiere, Futtertröge, Tränken und andere Stallbereiche bewerten?“ Eine Herausforderung bleibt dabei die Interaktion zwischen Tieren und Robotern. Der Eiersammelroboter musste gezielt darauf trainiert werden, sich seinen Weg durch den Bestand zu bahnen – gewissermaßen, indem er „Huhn spielt“. „Es wurde viel daran gearbeitet, wie Roboter mit Menschen zusammenarbeiten“, sagt Usher. „Wie sie sinnvoll mit Tieren interagieren, ist dagegen noch ein vergleichsweise junges Forschungsfeld.“
