Wer über­nimmt Däne­marks Höfe?

Mit 22 Jahren gehört Victor Bats­berg Jokumsen zu einer jungen Gene­ra­tion, die Däne­marks Land­wirt­schaft erneuern will. Doch der Weg zum eigenen Hof ist steinig, vor allem, wenn Kapital, Erfah­rung und Vertrauen erst Schritt für Schritt aufge­baut werden müssen.

Däne­marks Land­wirt­schaft steht vor einem Gene­ra­tio­nen­wechsel: Das Durch­schnitts­alter der Betriebs­leiter liegt bei fast 60 Jahren, zugleich wächst die Zahl der Höfe, deren Eigen­tümer bereits über 70 sind. An den Land­wirt­schafts­schulen stehen junge Talente bereit, die Verant­wor­tung über­nehmen möchten. Doch der Einstieg ist teuer, so teuer, dass man fast einen reichen Onkel wie Dago­bert Duck bräuchte.

Victor Bats­berg Jokumsen hat keinen solchen Onkel. Und auch keinen elter­li­chen Hof, den er eines Tages zu güns­tigen Bedin­gungen über­nehmen könnte. Trotzdem verfolgt der 22-Jährige ein ehrgei­ziges Ziel: Spätes­tens mit 30 will er Eigen­tümer des 635 ha großen Kartof­fel­be­triebs Sønder­heden Land­brug in Nord­ost­jüt­land sein.

Eigen­stän­dig­keit fest im Blick

Doch woher soll das Geld für die Über­nahme kommen? Victor weiß genau, welche Faktoren die Preise für land­wirt­schaft­liche Flächen in den vergan­genen Jahren nach oben getrieben haben. Laut Danmarks Statistik sind sie um 30 % gestiegen. Dazu zählen der Struk­tur­wandel hin zu weniger, aber größeren Betrieben, das wach­sende Inter­esse externer Inves­toren an Acker­land sowie poli­ti­sche Pläne, 15 % der Agrar­flä­chen in Natur­flä­chen umzu­wan­deln.

Trotz dieser Hürden ist das Gespräch über die Zukunft nicht von Sorge geprägt. In Victors Stimme liegen Ruhe, Über­zeu­gung und spür­bare Begeis­te­rung. Denn er hat einen Plan. Und er hat sich bewusst nicht für den einfachsten Weg entschieden.

Für Victor ist der Kurs klar: Er will unab­hängig sein, sein eigener Herr auf dem eigenen Hof. Damit stellt er sich gegen einen Trend, bei dem Verkäufe land­wirt­schaft­li­cher Betriebe immer häufiger in Kapi­tal­ge­sell­schaften münden. Das nötige Fremd­ka­pital kommt dann von den heutigen „Onkeln Dago­bert“: Fonds und finanz­starken Inves­toren. „Diesen Weg zu gehen, wäre für mich natür­lich viel einfa­cher, auch finan­ziell“, sagt er. „Aber es geht nicht nur ums Geld.“

Seit 2022 ist Victor Bats­berg Jokumsen für die gesamte Feld­ar­beit verant­wort­lich.

Wer trifft die endgül­tige Entschei­dung

Für Victor geht es um mehr als um Eigentum. Es geht um Selbst­be­stim­mung, um eigene Entschei­dungen und um die Gewiss­heit, den Kurs des Betriebs selbst bestimmen zu können. Die letzte Entschei­dung liege immer bei demje­nigen, der am Kopf­ende des Tisches sitze, betont er. Das könne ein Fonds sein, ein Investor oder eben der Land­wirt selbst. Victor möchte dort lieber selbst Platz nehmen.

„Sonst bleibt immer die bange Frage im Hinter­grund, ob alles so weiter­läuft wie bisher“, erklärt er. „Wenn ein Fonds zu dem Schluss kommt, dass sich anderswo mehr Geld verdienen lässt, oder wenn er auf einen Produk­ti­ons­zweig umstellen will, der einem über­haupt nicht liegt, hat man keine Wahl.“

Dass die finan­zi­elle Verant­wor­tung als Inhaber und Geschäfts­führer allein bei ihm liegen würde, ist Victor bewusst. Ebenso weiß er, dass niemand auf allen Gebieten der modernen Land­wirt­schaft glei­cher­maßen Experte sein kann.

„Ja, das stimmt“, gibt er zu. „Es gibt viele verschie­dene Aufgaben. Aber ich muss das nicht alles allein stemmen. Gute Betriebs­füh­rung braucht ein quali­fi­ziertes und moti­viertes Team, in dem jede Rolle gut besetzt ist.“

Seine eigene Ausbil­dung hat Victor deshalb gezielt so geplant, dass er für die Zukunft gut aufge­stellt ist: zunächst mit einem Schul­ab­schluss, der die Berufs­aus­bil­dung zum Land­wirt mit der Hoch­schul­reife verband, später mit dem Abschluss als Agrar­ökonom, den er 2027 machen wird.

Die Zusam­men­ar­beit zwischen Morten Petersen, dem Eigen­tümer von Sønder­heden Land­brug (im Hinter­grund), und Victor Bats­berg Jokumsen begann bereits, als Victor noch ein Teen­ager war.

Wie sieht sein Plan konkret aus?

Diese Doppel­qua­li­fi­ka­tion ist eine tragende Säule seines Plans: In acht Jahren möchte Victor auf eigenem Grund und Boden stehen. Doch um zu verstehen, wie dieser Plan entstanden ist, lohnt sich ein Blick zurück.

Statt die gesamten 635 ha von Sønder­heden Land­brug auf einmal zu über­nehmen, erwei­tert Victor Jahr für Jahr die Fläche, die er auf eigene Rech­nung und eigenes Risiko bewirt­schaftet. Derzeit baut er dort Stär­ke­kar­tof­feln an, die lang­fristig – wie auf dem übrigen Betrieb – durch Pflanz­kar­tof­feln ersetzt werden sollen.

Schon als kleiner Junge half Victor regel­mäßig auf dem benach­barten Kartof­felhof von Morten Petersen mit. 2017 kaufte Petersen ein größeres Grund­stück. Der damals 13-jährige Victor mähte dort zunächst den Rasen und über­nahm klei­nere Aufgaben. Beide waren zufrieden mit dieser Lösung. Und als Victor seinen Traum von einer Fußball­kar­riere aufge­geben hatte, bot Petersen ihm eine Lehr­stelle an. Einige Jahre später verließ der Betriebs­leiter den Hof. Weil Victor der einzige Ange­stellte war, wuchs er Schritt für Schritt in mehr Verant­wor­tung hinein: Er kümmerte sich um den Einkauf von Dünger und Pflan­zen­schutz­mit­teln, erwarb den Sach­kun­de­nach­weis Pflan­zen­schutz und ist seit 2022 für den gesamten Ackerbau verant­wort­lich.

„Morten ist mein Spar­rings­partner, doch die Verant­wor­tung liegt bei mir und ich treffe die Entschei­dungen“, erklärt Victor. „Ich bin dankbar, dass Morten mir dieses Vertrauen geschenkt und den Mut gehabt hat, mir Verant­wor­tung zu über­tragen. Das war sicher nicht immer leicht für ihn. Ich habe dabei unend­lich viel gelernt und genau das hat den Wunsch in mir geweckt, selbst­ständig zu sein.“

Vor andert­halb Jahren erwarb Morten Petersen ein weiteres Grund­stück in der Gegend. Er ist 60 Jahre alt, seine Kinder inter­es­sieren sich nicht für die Land­wirt­schaft. Also wandte er sich an Victor: Ob er Inter­esse hätte? Gemeinsam gingen sie zur Bank. Dort hielt man Victor zwar noch für etwas zu jung für eine Über­nahme. Doch statt einer Absage ohne Perspek­tive bekamen beide wert­volle Ratschläge mit auf den Weg. Dazu gehörte auch der Hinweis, dass eine Betriebs­über­nahme eine solide Ausbil­dung und einen klaren Plan erfor­dert.

„Wir haben zwar keinen Kredit bekommen, aber es war gut, dass die Bank uns beraten hat“, erzählt Victor. Zu Hause setzte er sich sofort hin und entwarf einen Acht­jah­res­plan für die Über­nahme.

Stück für Stück

Sønder­heden Land­brug umfasst drei Teil­flä­chen mit insge­samt 635 ha, wovon 150 ha für den Anbau von Pflanz­kar­tof­feln vorge­sehen sind. Statt den gesamten Betrieb auf einmal zu über­nehmen, entschieden sich Morten Petersen und Victor für einen schritt­weisen Weg Hektar für Hektar.

Im ersten Jahr pachtet Victor 10 ha, im Jahr darauf weitere 20 ha, und so soll es über fünf Jahre hinweg weiter­gehen. In den letzten drei Jahren des Planungs­zeit­raums will er Kapital für die Über­nahme des gesamten Betriebs aufbauen. Schon heute baut Victor auf den gepach­teten Flächen Stär­ke­kar­tof­feln auf eigene Rech­nung und eigenes Risiko an. Dafür musste er zwar auch auf Erspar­nisse aus Kinder­tagen und eigenes Kapital zurück­greifen. Der Gewinn aber gehört ihm allein. Im vergan­genen Jahr grün­dete er zudem seine eigene Firma, VBJ Agro, um Förder­mög­lich­keiten für junge Land­wirte nutzen zu können.

Mit diesem Schritt-für-Schritt-Modell ist Victor zufrieden. „Ich lerne viel dadurch, dass ich finan­ziell auf eigenen Beinen stehe, auch wenn es zunächst noch in klei­nerem Maßstab ist. Das hat meinen Wunsch, selbst­ständig zu sein, weiter bestärkt“, sagt er. Dann fügt er nach­denk­lich hinzu: „Ich freue mich auch, dass ich auf diese Weise Mortens Lebens­werk fort­führen kann und er nicht erleben muss, wie es in alle Winde zerstreut wird.“

An den Kartof­feln will Victor fest­halten. Tatsäch­lich ist er ein wenig „vernarrt“ in die Pflanze, die ihn einfach faszi­niert. Lang­fristig möchte er auf Pflanz­kar­tof­feln umsteigen. Der Gedanke, ein Quali­täts­pro­dukt zu liefern, auf dem andere Land­wirte ihre eigene Produk­tion aufbauen, reizt ihn beson­ders.

„Ich bin in Kartof­feln verliebt“, sagt Victor, der darauf hofft, dass NGT-Verfahren die inzwi­schen verbo­tenen Pflan­zen­schutz­mittel ersetzen können.

Gegen­wind

Doch Victors Begeis­te­rung für den Kartof­fel­anbau steht auch vor Heraus­for­de­rungen. Däne­mark nimmt derzeit 23 Pflan­zen­schutz­mittel gegen Schim­mel­pilze vom Markt; das letzte soll 2027 folgen. Für konven­tio­nelle Kartof­fel­er­zeuger hat diese Entwick­lung erheb­liche wirt­schaft­liche Folgen.

Victor lässt sich davon nicht entmu­tigen. Hoff­nung setzt er unter anderem auf neue geno­mi­sche Tech­niken (NGT) in der Pflan­zen­züch­tung. Damit könnten künftig zum Beispiel Kartof­fel­sorten entwi­ckelt werden, die wider­stands­fä­higer gegen verschie­dene Krank­heiten sind. Die entspre­chenden recht­li­chen Rege­lungen sollen voraus­sicht­lich im Laufe des Jahres 2026 umge­setzt werden. Aus Victors Sicht ist es bedau­er­lich, dass der Prozess nicht schon weiter fort­ge­schritten ist. Denn bei entspre­chend gezüch­tetem Pflanzgut könnte sich der Bedarf an Pflan­zen­schutz­mit­teln Schät­zungen zufolge um bis zu 80 % redu­zieren.

Auch die scharfe Kritik an der Land­wirt­schaft, die im Umfeld der Wahlen zum däni­schen Folke­ting durchs Land ging, bringt ihn nicht aus der Ruhe. „Zurzeit wird viel Wind gemacht, und vieles schießt übers Ziel hinaus“, fasst er zusammen. „Man sollte nicht vergessen, dass Däne­mark seit Jahr­zehnten mehr Lebens­mittel produ­ziert, als es selbst verbraucht. Land­wirt­schaft und Lebens­mit­tel­wirt­schaft sind für unser Land ein wich­tiges Export­stand­bein geworden. Diese Aufgabe über­nehmen wir in der Land­wirt­schaft, und wir tun es gern. Weil wir dazu in der Lage sind und weil wir diese Arbeit lieben. Ich glaube, mit der Zeit wird sich die Debatte wieder beru­higen.“

Und welchen Rat gibt Victor jungen Menschen, die einen ähnli­chen Weg gehen wollen? „Nein, ich glaube, damit halte ich mich lieber zurück“, sagt er abweh­rend und lächelt. „Was, wenn mein Projekt am Ende nicht gelingt?“ Eine Botschaft hat er dennoch, vor allem an die heutigen Land­wirte, ganz gleich welchen Alters: „Schenken Sie jungen Menschen Vertrauen und über­tragen Sie ihnen Verant­wor­tung. Daran wächst man und gewinnt das Selbst­ver­trauen, den eigenen Traum zu wagen und Land­wirt­schaft und Fami­li­en­leben mitein­ander zu verbinden.“

Infos zum Land­wirt­schafts­be­trieb Sønder­heden

  • Reiner Kartof­fel­an­bau­be­trieb mit insge­samt 635 ha
  • Auf 150 ha werden Pflanz­kar­tof­feln ange­baut
  • Die übrigen Flächen werden getauscht und von Nach­barn genutzt, um Anbau­pausen zu gewähr­leisten
  • Produk­tion: 5500 Tonnen Kartof­feln jähr­lich