Ontario hat mehr landwirtschaftliche Familienbetriebe als jede andere kanadische Provinz. Auf Entdeckungsreise von A wie Ahornsirup bis Z wie Ziegenhaltung.
Februar 2026
Text & Fotos:Petra Jacob Sachs
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Wer sich die kanadische stellt, denkt an die großen weiten Flächen der Prärieprovinzen, wie Saskatchewan, wo die Betriebe eine Durchschnittsgröße von 720 ha haben. Doch die meisten landwirtschaftlichen Betriebe befinden sich im Bundesstaat Ontario, mit einer für kanadische Verhältnisse klein strukturierten Landwirtschaft, wo laut der letzten Landwirtschaftszählung (2021) Farmen durchschnittlich 98 ha haben. Groß oder klein, „97,3 % aller kanadischen Farmen sind Familienbetriebe – und darauf sind wir sehr stolz“, so Kelly Daynard, geschäftsführende Direktorin von Farm & Food Care Ontario.
Betriebe zeigen Flagge
Die Theiler Farm liegt 25 Autominuten südöstlich der Hauptstadt Ottawa in Eastern Ontario, einer eher flachen, sehr von der Landwirtschaft geprägten Region mit vielen Milchviehbetrieben und Ackerbau. Wie auf dem Reißbrett entworfen, durchkreuzen schnurgerade Straßen die Landschaft. Entlang dieser liegen die Höfe mit großem Abstand zueinander, sie sind über eine Zufahrt zu erreichen, neben der grundsätzlich eine kanadische Flagge flattert.
Josef Theiler mit Frau Jessica und den Kindern (von links) Erika, Claire und Heidi.
Die Höfe sind umgeben von Wiesen und Feldern und auf vielen stehen die für Nordamerika typischen Hochsilos. Die vier Silos auf der Theiler Farm ragen bis zu 30 m in den Himmel. In ihnen lagern „Luzernegras, Getreide mit einer Restfeuchte von 27 % und im blauen Silo 900 t gehäckselter Mais“, erklärt Landwirt Josef Theiler während des Hofrundgangs.
Das meiste ist Tierfutter. Für die 70 Holstein-Milchkühe in Anbindehaltung, die in Ontario erlaubt ist, „solange die Rinder zwei Monate im Jahr ins Freie kommen“, so der 37-jährige Landwirt. Außerdem gibt es 550 Milchziegen (Schweizer Saanenziegen) und 380 Jungtiere, die in einem Jahr Milch geben sollen.
Als kleinerer Betrieb muss man improvisieren können.
Josef Theiler
Zum Betrieb gehören 200 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche, davon sind 80 ha zur Pacht. „In einem typischen Jahr stehen auf je 60 ha Sojabohnen und Körnermais, auf rund 20 ha Winterweizen und ansonsten Grünland für Heu und Silage.“ Das Stroh des Winterweizens wird gepresst und als Einstreu für Rinder und Ziegen genutzt. „In guten Jahren“, wie er sagt, kann er rund 100 t Sojabohnen und 200 t Körnermais auf dem Markt verkaufen.
Milchquote und tausend Ziegen
Theiler betreibt bei seinem Milchvieh keine Nachzucht. „Das macht ökonomisch keinen Sinn; wenn ich eine neue Milchkuh brauche, dann kauf ich mir eine Zweijährige.“ Die Kühe geben rund 36 l Milch pro Tag, bei 3,2 % Protein und 4,2 % Fett. „Wir füttern auf einen hohen Fettgehalt, das ist in Kanada sehr gefragt.“ Kanada arbeitet mit einem Quotensystem (pro kg Milchfett) und der Milchpreis wird je nach Saison und Marktlage vorher festgelegt. Die Theiler Farm kann „90 Kilo Butterfett pro Tag“ liefern, bei einem Abnahmepreis von zurzeit 0,95 Can $ (0,59 €) pro Liter Milch. (Stand Oktober 2025)
Zur Theiler Farm gehören neben 70 Milchkühen rund 550 Milchziegen.
„Der fixierte Abnahmepreis schafft Einkommenssicherheit“, wie er sagt – und Spielraum für Experimente. Josef Theiler hat einen 5 km entfernt liegenden Milchviehbetrieb gepachtet, der aufgegeben wurde, weil kein Nachfolger da war. Er hat den für 150 Milchkühe ausgelegten 8×8-Melkstand zu einem 20×20-Melkstand für Ziegen umgebaut. Einen anderen aufgegebenen Milchviehbetrieb, nur einen Kilometer von der Theiler Farm entfernt, hat er gekauft. Da sind die Gebäude wie die Scheune mit dem Walmdach noch von Anfang des 20. Jahrhunderts. Irgendwann will er die Gebäude herrichten, dann, wenn die Ziegenhaltung mehr Platz braucht – das Ziel ist, einmal 1.000 Milchziegen zu melken. „Das Potenzial ist da, die Nachfrage nach Ziegenmilch ist groß und übersteigt das Angebot – und im Unterschied zur Kuhmilch gibt es keine Quote.“
Josef Theiler geht gerne auf Auktionen, um sich gebrauchte Maschinen und Ausrüstung einzukaufen: „Es gibt viel altes Zeug, immer mehr der kleineren Betriebe geben auf und die großen werden immer größer und brauchen andere Technik.“ Um als kleinerer Betrieb überleben zu können, „muss man improvisieren können“, wie er sagt. Er tüftelt gerne und erfindet Technik, die ihm die Arbeit erleichtert oder gibt Arbeiten ab, wo er kann. Besonders am Herzen liegen ihm seine „Backpackers“, wie er die jungen Leute nennt, die seit vielen Jahren aus aller Welt zu ihm auf den Hof kommen, um gegen Kost, Logis und Familienanschluss mitzuarbeiten. Manche bringen wertvolle Expertise mit, dann gibt es auch Taschengeld. Seit einigen Jahren sind auch zwei Mitarbeiter aus Guatemala beschäftigt, und da ist Kollege Walter Vandekemp, der ihm seine Feldfrüchte drischt, oder Nachbar Tim Moher, der bis zu dieser Saison sein Düngeberater war.
Zum Ackerbaubetrieb von Tim Moher (rechts) und Frau Arlene gehört auch ein Ahornwald, der für die Produktion von Ahornsirup bewirtschaftet wird.
Ahornblatt: Kanadisches Erkennungszeichen
Letzterer führt einen Ackerbaubetrieb (Sojabohnen, Mais, Winterweizen) mit 180 ha Fläche. Außerdem hat er 10 ha „Busch“, wie Tim Moher seinen Ahornwald nennt, den er für die Produktion von Ahornsirup bewirtschaftet. Kein Agrarprodukt ist „kanadischer“, schwärmt er, „und das Ahornblatt das kanadische Erkennungszeichen schlechthin.“ Unterwegs in Kanada begegnet man dem Ahornblatt einfach überall.
Es ziert die Landesflagge und im Handel werden Lebensmittel damit ausgewiesen, um die regionale Kaufentscheidung zu erleichtern. Die passenden Ahornbäume und das Klima treffen nur im Nordosten Amerikas zusammen, damit der Zuckersaft im Frühjahr aus den Stämmen gewonnen werden kann. Kanada ist der führende Ahornsirup-Produzent weltweit, deutlich vor den Vereinigten Staaten und verantwortlich für über 70 % der weltweiten Produktion. Der bedeutendste Markt außerhalb Amerikas ist Deutschland.
Kein Agrarprodukt ist kanadischer als der Ahornsirup.
Tim Moher
Tim Moher lädt zu einer Waldbegehung ein. Um den Saft der Ahornbäume zu gewinnen, sind in die Stämme kleine Löcher gebohrt, die mit einem Zapfhahn versehen sind, unter dem ein Eimer hängt. „Gute Bäume können täglich bis zu 15 l Zuckersaft geben“, wie er sagt. In der kommerziellen Produktion wird der Saft vom Zapfhahn über Plastikschläuche zur Zuckerhütte transportiert. Das ist bei Tim eine Holzscheune, die zurück auf dem Hof steht.
Dort zeigt er, wo der Saft zu Sirup eingekocht wird – rund 40 l Baumsaft ergeben einen Liter Ahornsirup. Anschließend lässt es sich der warmherzige Landwirt nicht nehmen, einen kleinen Teil seines John Deere Fuhrparks vorzuführen: Ehefrau Arlene fährt den Rasentraktor vor, Tochter Hayley ein Quad mit Kippmulde und Tim einen liebevoll gepflegten John Deere Zweizylinder-Traktor. „Modell M, aus der Erstproduktion von 1947“, stellt er stolz vor. Tochter Hayley lacht: „Es ist Showtime.“
Es ist Showtime! Familie Moher führt dem Besuch aus Europa einen Teil des John Deere Fuhrparks vor.
Zu Besuch im Damwildstall
„Das ist gar nichts“, wehrt Tim Moher ab, wir müssen unbedingt noch bei seinem Nachbarn Henry Doornwaard vorbeischauen, „der ist verrückt nach John Deere Traktoren.“ Bereits an der Zufahrt zu dessen Hof steht der erste. Tim kennt sich aus: „Das ist der 4320, Baujahr 1972.“ Der Traktor ist mit einer Förderschnecke verbunden. Dort wird wenig später Henry eine neue Wagenladung Körnermais, die er vom Feld bringt, für die Trocknungsanlage abladen. Gleich dahinter stehen sieben Silos mit einem Fassungsvermögen von je bis zu 650 t.
Es ist Mitte Oktober und die Körnermaisernte ist in vollem Gange. Der 69-Jährige bearbeitet den 320 ha großen Ackerbaubetrieb (auch hier: Mais, Sojabohnen, Winterweizen) mit seinen Söhnen Garrett und Trevor und Tochter Jenna. An einer der Maschinenhallen prangt das Schild „The Deere Pen“. “Das hier war einmal ein “deer pen”, ein Stall für Damwild”, erklärt Henry die Wortspielerei und lacht. Dort hat er einen Teil seiner John Deere Traktoren untergestellt. „Ja, er ist zum Sammler geworden“, gesteht der sympathische Landwirt etwas verlegen. Inzwischen nennt er 15 Traktoren sein Eigen. Der älteste ist ein D-Modell von 1939 und eine Rarität, der nur in geringer Stückzahl produzierte Benziner 2510 von 1965 mit PowerShift-Getriebe.
Ein John Deere 4320, Baujahr 1972, leistet heute noch seinen Dienst.
Henry Doornwaard (links) mit Frau Carol vor dem „Deere Stall“, in dem Henry eine Sammlung von John Deere Traktoren untergebracht hat.
Zurück auf der Theiler Farm. Josef lädt seine Töchter Claire, Erika und Heidi (zwischen drei und sieben Jahre alt) in den Wagen – wie kleine Farmer tragen sie Latzhosen. Josef will seinen Kollegen Jean-Luc Jaquemet besuchen: „Ein Bauer mit Leidenschaft und immer hilfsbereit mit Tipps“, wie er sagt. Außerdem arbeitet er auf einem für die Region besonders großen Betrieb mit 4000 Acres (1618 ha) Fläche, auch hier sind es vorwiegend Sojabohnen, Mais und Winterweizen. Bei dieser Größe braucht es Schlagkraft – und die hat er. Auch bei ihm läuft während des Besuchs Mitte Oktober die Körnermaisernte auf Hochtouren. Er drischt mit dem John Deere Mähdrescher X9 1000 – und „ist begeistert“, wie er verrät.
Die großen Flächen von Jean-Luc Jaquemet brauchen Schlagkraft: Blick aus der Kabine des X9 1000-Mähdreschers während der Körnermaisernte.
Jean-Luc Jaquemet ist ein Landwirt mit Leidenschaft, „Born to Farm“ – geboren, um Bauer zu sein – steht auf seinem Truck, mit dem er den Körnermais zu seiner Trocknungsanlage transportiert.
Das Schneidewerk ist fast 14 Meter breit und der Mähdrescher schafft bis zu 183 t in der Stunde! „Born to Farm“ steht auf Jean-Lucs Truck, mit dem er den frisch abgedroschenen Körnermais zu seiner Trocknungsanlage transportiert, wo imposante Lagersilos stehen, die Platz für bis zu 30.000 t Erntegut haben. Er erzählt, dass seine Eltern mit zehn Kindern aus der Schweiz nach Kanada ausgewandert sind. Sein Vater wollte jedem seiner fünf Söhne einen landwirtschaftlichen Betrieb ermöglichen, was in der an Flächen armen, kleinen Schweiz nicht möglich war. In Kanada schafften sie es. Inzwischen gehören fünfzehn Farmen zum Familienunternehmen – ein Familienbetrieb der etwas anderen Größenordnung. Jean-Luc ist Mitte fünfzig und hat sieben Kinder, darunter vier Söhne, auch seine Geschwister haben Kinder. Der nette Landwirt lachte verschmitzt: „So an die hundert Leute sind wir inzwischen sicher.“