Charlotte Wests letztes Studienjahr an der Harper Adams University fiel in den Beginn der Corona-Pandemie, und notgedrungen kehrte sie auf den elterlichen Betrieb Stocken Farm zurück. Dort erlebte sie den zunehmenden Arbeitskräftemangel und entschloss sich, den Familienbetrieb in ein widerstandsfähiges und zukunftsorientiertes Unternehmen weiterzuentwickeln.
Zurück auf dem 410 ha großen Milchviehbetrieb der Familie in Princes Risborough, in der Grafschaft Buckinghamshire nordwestlich von London, half Charlotte beim Melken, beim Versorgen der Tiere und bei den Managemententscheidungen. So begann sie nach und nach, die Zukunft des Betriebs mitzugestalten. Heute beträgt die durchschnittliche Leistung der Holstein-Friesian Herde der Familie West knapp 12.000 Liter Milch pro Kuh bei dreimal täglichem Melken.
Der Milchviehbetrieb wandelte sich in ein professionell geführtes, wachsendes Unternehmen, wobei Charlotte ihren Fokus aber nicht nur auf die Herdenleistung, sondern auch auf die Menschen richtete. „Als ich nach Hause kam, dachte ich, ich könnte mich entweder einfach als Angestellte einfügen oder anfangen, Dinge zu verändern‟, sagt sie. „Allerdings wurde mir schnell klar, dass sich einfach in den Betriebe einzufügen keine Option war, und es gab Dinge, die ich besser machen wollte‟.

Ein diverses Betriebsleiterteam mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen
Charlotte West bewirtschaftet den Betrieb zusammen mit ihrem Vater Richard, ihrem Bruder Robert und ihrer Mutter Maxine, die sich um die Buchhaltung kümmert. Wie viele Familienunternehmen verließen sich auch die Wests auf ihren Instinkt und ihre Erfahrung, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Doch als das Milchviehhaltung expandierte, erkannten sie die Notwendigkeit, die Arbeitsweise des Teams besser zu strukturieren und klarer zu gestalten.
Für eine weitere Beratung und Unterstützung wandten sie sich an das Unternehmen Real Success, eine auf landwirtschaftliche Arbeitsplätze spezialisierte Personalberatung. „Dort stellten sie Fragen, die die meisten Familien eher vermeiden, wie zum Beispiel: ‚Was genau erwarten Sie von ihrem Unternehmen?‘“, erklärt Charlotte. Anschließend erstellte das Team kurze Persönlichkeitsprofile. „Wir sind alle sehr unterschiedlich, was eigentlich ganz gut funktioniert. Meine Eltern sind sich recht ähnlich, aber Robert und ich sind das genaue Gegenteil, und für unser Geschäft ist das gut so.“
Uns wurde klar, wie wichtig eine offene Kommunikation ist.
Charlotte West, Betriebsleiterin
Charlottes Profilanalyse ergab eine visionäre Ermittlerin, eine Person, die ergebnis- und detailorientiert ist und gerne das „Warum‟ hinter jedem Prozess versteht. Robert hingegen erwies sich als Team Maker. Er ist ruhig, besonnen und friedliebend, trifft aber nur ungern Entscheidungen und meidet Konflikte. „Team Maker sagen nicht, dass sie unglücklich sind, sondern kündigen einfach‟, erklärt Charlotte. „Dadurch wurde uns klar, wie wichtig eine offene Kommunikation ist“. Durch diese Übung wurden nicht nur die Aufgaben definiert, sondern auch die Beziehungen untereinander gestärkt. Heute leitet Charlotte als Herdenmanagerin den Milchviehbetrieb, während Robert die Feldarbeiten überwacht.

Flexible Arbeitszeiten und Dienstpläne im 17-köpfigen Team
Diese auf Menschen ausgerichtete Einstellung prägt heute auch die Art und Weise, wie die Wests ihr 17-köpfiges Team führen. Das Personal reicht von Vollzeitbeschäftigten bis hin zu Mitarbeitern, die nur ein paar Schichten pro Woche arbeiten. Außerdem ist Flexibilität in allen Bereichen gewährleistet. „Jeder macht unterschiedlich viel“, sagt Charlotte. „Die Idee ist aber, dass wir über eine Personalreserve verfügen, damit es immer eine Urlaubsvertretung gibt und niemand überlastet wird.“
Das Melkteam arbeitet dreimal täglich, ohne dass es zur Routine wird. Ein Herdenbetreuer wechselt wöchentlich zwischen Morgen-, Abend- und Mittagsschichten – ein System, das ihm ermöglicht, sein Leben im Voraus um die Arbeit herum zu planen. Charlotte West achtet darauf, dass der Dienstplan Raum für persönliche Verpflichtungen wie Sporttraining oder Familienfeiern lässt. „Viele unserer jüngeren Mitarbeiter sind Mitglieder im Young Farmers Club“, erzählt sie. „Wenn ein Treffen am Mittwochabend stattfindet, mache ich den Dienstplan so, dass sie hingehen können. Es ist wichtig, dass sie ein Leben außerhalb der Arbeit haben.“
Diesen Ansatz hat Charlotte zum Teil von ihrem Vater übernommen. „Der hat noch nie jemandem einen Urlaubsantrag verweigert“, sagt sie. Diese Flexibilität trägt dazu bei, die Arbeitsmoral hochzuhalten, und erleichtert es auch, auf einem angespannten Arbeitsmarkt Personal einzustellen und zu halten.

Regelmäßige Schulungen und Weiterbildungen als Teil der Arbeit
Charlottes Ansicht zur Personalbeschaffung ist einfach: Die Einstellung ist wichtiger als die Erfahrung. „Ich bilde lieber jemanden aus, als ihm schlechte Gewohnheiten abzugewöhnen, und ich lehne niemand wegen mangelnder Erfahrung ab‟, sagt sie.
Regelmäßige Schulungen, von Kettensägen-Trainings bis hin zu Tiergesundheitsprotokollen, sind Teil der Arbeit. Der Hoftierarzt kommt mehrmals im Jahr, um das Team in Fragen der Herdengesundheit auf den neuesten Stand zu bringen. Dazu gehört die Erkennung früher Krankheitsanzeichen genauso wie der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika.
Es geht vor allem darum, dass die Menschen verstehen, warum sie etwas tun. Dann übernehmen sie Verantwortung.
Charlotte West, Betriebsleiterin
Das Ergebnis spricht für sich: Die Kälberverluste sind deutlich zurückgegangen, und die Mitarbeitenden fühlen sich befähigt, bei Fragen rund um die Herde sicher und eigenverantwortlich zu handeln. „Es geht vor allem darum, dass die Menschen verstehen, warum sie etwas tun“, sagt Charlotte. „Wenn sie den Hintergrund eines Protokolls kennen, übernehmen sie Verantwortung.“
Diese Herangehensweise gilt auch für die berufliche Entwicklung. Ein unabhängiger Berater führt jährlich Personalbeurteilungen durch, und das gesamte Team trifft sich mehrmals im Jahr, um zu reflektieren, was gut läuft und was verbessert werden könnte.

Gemeinsame Ziele erreichen und feiern
Diese Kultur des offenen Dialogs hat einen Arbeitsplatz geschaffen, an dem Mitarbeiter Verbesserungen vornehmen möchten. Als das Team feststellte, dass die Mastitiswerte schleichend anstiegen, übernahmen sie gemeinsam die Verantwortung: Sie ermittelten im Team die Ursachen, passten die Arbeitsabläufe an und senkten die Infektionsrate von 80 Fällen pro 100 Kühe auf nur noch acht.
„Das war ein großer Erfolg“, sagt Charlotte stolz. „Wenn wir solche Ziele erreichen, feiern wir gemeinsam.“ Manchmal bedeutet das ein gemeinsames Essen im Restaurant oder einen Tagesausflug. Und ungewöhnlich für Milchviehbetriebe. Damit alle mitmachen können, werden die Melkzeiten geändert.
Man kann nicht nur sagen, dass man die Menschen wertschätzt, man muss es auch zeigen.
Charlotte West, Betriebsleiterin
„Auf den meisten Milchviehbetrieben ist das nicht üblich, aber bei uns funktioniert es“, fügt sie hinzu. „Man kann nicht nur sagen, dass man Menschen wertschätzt, man muss es ihnen auch zeigen.‟ Das Gehalt und die Prämien richten sich nach Erfahrung und Leistung, wobei möglichst ein Gehalt oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns herauskommen soll.
Hygiene‑ und Schutzmaßnahmen sind Alltag
Auch die physischen Arbeitsbedingungen spielen eine Rolle. Die Wests sind dabei, ihre Sozialräume zu modernisieren. Dazu gehört auch ein neuer Personalraum, der als „Boots-off‟-Raum konzipiert ist und einen sauberen, warmen und komfortablen Ort für Mahlzeiten und Pausen bietet.

Wenn man von den Menschen erwartet, dass sie ihr Bestes geben, muss man ihnen das richtige Umfeld bieten.
Charlotte West, Betriebsleiterin
Zwei Teammitglieder leben seit über einem Jahrzehnt in feststehenden Wohnwagen auf dem Gelände, während der Herdenbetreuer ein eigenes Haus in der Nähe hat. Schutzkleidung wird standardmäßig bereitgestellt, von Markenschürzen und -oberteilen bis hin zu farbcodierten Warnwesten: Orange für die Arbeit mit Kälbern, gelb für Kühe. Abgesehen von der Sicherheit verbessert dieses System die Hygiene zwischen den Gruppen und zeigt Charlottes Liebe zum Detail.
Hygiene‑ und Schutzmaßnahmen sind keine nachträglichen Überlegungen, sondern gehören auf dem Betrieb zur Alltagskultur. „Es handelt sich hierbei um professionelle Arbeitsplätze, nicht um irgendwelche Hilfsarbeiterjobs auf einem Landwirtschaftsbetrieb“, meint West. „Wenn man von den Menschen erwartet, dass sie ihr Bestes geben, muss man ihnen das richtige Umfeld bieten.“

Das Personal steht im Vordergrund
- Flexible Arbeitszeiten und Dienstpläne
- Garantierte Urlaubsvertretung
- Regelmäßige Schulungen und Kompetenzentwicklung
- Jährliche unabhängige Personalbeurteilungen
- Klare Kommunikation und definierte Rollen
- Leistungsprämien und Teamfeiern
- Sauberer Mitarbeiterraum und Unterkunft vor Ort
- Work-Life-Balance
Technologie spielt eine wichtige unterstützende Rolle
Während die Menschen im Mittelpunkt des Unternehmens stehen, spielt Technologie eine wichtige unterstützende Rolle. Investitionen in moderne Ausrüstung und effiziente Arbeitssysteme bedeuten, dass Aufgaben schneller und sicherer erledigt werden können, von Melkroutinen bis zur Datenverfolgung.
Charlottes Erfahrungen mit sowohl intensiven als auch extensiven Produktionssystemen während ihres Universitätspraktikums bei McDonald’s haben ihr einen breiten Blick auf die Praxis verschafft. „Ich habe gesehen, was in einem intensiven Milchviehbetrieb in Yorkshire funktioniert und ebenso in einem extensiven System in Dorset. Diese Ideen habe ich mit nach Hause genommen“, sagt sie. „Die richtige Technik kann den Arbeitsalltag für alle erleichtern. Entscheidend ist aber, dass man das Team auf diesem Weg mitnimmt.“

Charlotte und Robert West arbeiten eng zusammen, um sicherzustellen, dass die technische Ausrüstung optimal genutzt wird. Charlotte stellte beispielsweise fest, dass eine Wärmelampe, die zur Förderung der Kälbergesundheit gedacht war, nur über einer einzigen Bucht verwendet werden konnte. Das schränkte ihren Einsatz erheblich ein. Ihr Bruder Robert hat die Lampe daraufhin so modifiziert, dass sie nun mobil ist und von den Mitarbeitern an mehreren Buchten verwendet werden kann. „Nachdem die Lampe nun alle benutzen, können wir bereits eine Verbesserung der Kälbergesundheit feststellen“, sagt Charlotte.
Die Familie West hat einen traditionell geführten Milchviehbetrieb weiterentwickelt und ihn um modernes Management, klare Kommunikation, eindeutig definierte Rollen, persönliche Wertschätzung und flexible Arbeitsmodelle ergänzt. Gleichzeitig habe sie dabei die Herzlichkeit bewahrt, die Familienbetriebe so besonders macht.
Wenn es unseren Mitarbeitenden gut geht, geht es auch den Kühen gut – und damit dem gesamten Betrieb.
Charlotte West, Betriebsleiterin
Charlottes Vision ist es nun, die Entwicklung der Mitarbeitenden und die Leistungsfähigkeit der Herde gemeinsam voranzubringen. „Wir sind ein Unternehmen, aber wir sind auch ein Team“, sagt sie. „Wenn es unseren Mitarbeitenden gut geht, geht es auch den Kühen gut – und damit dem gesamten Betrieb.“ Das ist eine einfache Wahrheit, die aber in der Landwirtschaft oft übersehen wird. Für Charlotte geht es nicht nur um effektives Management, sondern auch darum, den langfristigen Erfolg und die Nachhaltigkeit ihres Familienbetriebs für künftige Generationen zu sichern.
Betriebsinfos Stocken Farm
- Betriebsgröße: 410 ha
- Standort: Princes Risborough, Buckinghamshire
- Unternehmen: Milchprodukte mit etwas Rindfleisch und Ackerland
- Herde: 420 Holstein-Friesian
- Betriebsgröße: 410 ha
- Team: 17 Personen (eine Mischung aus Voll- und Teilzeitkräften)
- Melken: Dreimal täglich
- Ertrag: Knapp 12.000 Liter pro Kuh
