Stadt­nahe Land­wirt­schaft bietet Einschrän­kungen und Chancen

Die Stadt Cergy-Pontoise liegt ca. 30 km nord­west­lich von Paris und entstand 1969 durch den Zusam­men­schluss von 15 Gemeinden. Der land­wirt­schaft­liche Betrieb der Familie Fumery liegt nur einen Stein­wurf entfernt und trotzt dem Druck der Urba­ni­sie­rung. Zwischen Enteig­nungen, Unter­richts­stunden und lokalen Part­ner­schaften hat die Familie über drei Gene­ra­tionen ihr Geschäfts­mo­dell immer wieder ange­passt. Heute führen Denis und Philémon Fumery gemeinsam den Fami­li­en­be­trieb. Sie setzen sich für eine leben­dige Land­wirt­schaft ein, die in ihrer Region verwur­zelt und auf die Stadt ausge­richtet ist.

„Nur Kämpfe, die man nicht führt, sind von vorn­herein verloren.” Mit dieser inneren Einstel­lung lässt sich auch die Land­wirt­schaft in Stadt­rand­ge­bieten gut vertei­digen. Viele Medien berichten über Strei­tig­keiten zwischen Land­wirten und Stadt­be­woh­nern, ille­gale Motor­rad­rennen oder wilde Müll­kippen. Die Realität sieht aller­dings anders aus und bietet sogar neue Chancen, sofern die Bereit­schaft besteht, sich für das öffent­liche Leben zu enga­gieren. Denis und Nathalie Fumery aus Sagy bei Cergy-Pontoise und ihr Sohn Philémon, der im vergan­genen Jahr den land­wirt­schaft­li­chen Betrieb über­nommen hat, zeigen uns, wie ihre Familie diesen Kampf seit 75 Jahren führt. 

Befris­tung

Die Fumerys stammen ursprüng­lich aus Pas-de-Calais. „Unser Vater fühlte sich in den 1950er Jahren aller­dings von der Île-de-France ange­zogen, weil es dort erschwing­liche Bauern­höfe zu über­nehmen gab”, erin­nert sich Denis Fumery. Aller­dings barg das Vorhaben damals bereits Risiken, da die länd­li­chen Gemeinden Cergy und Pontoise für ein großes Neubau­pro­jekt vorge­sehen waren, um den Druck auf die sich rasant ausbrei­tende Pariser Metro­pol­re­gion zu vermin­dern. Die weite Fluss­schleife der Oise, bevor sie wenige Kilo­meter weiter in die Seine mündet, machte das Gebiet zum idealen Standort für eine „Land­schafts­stadt“.

„Ein großer Teil des ursprüng­li­chen Hofes meiner Eltern wurde enteignet, weil er im Gebiet der neuen Stadt lag“, erzählt Denis weiter. Während der Bauphase gewährte der Staat den Land­wirten einen vorüber­ge­henden Nutzungs­status. „Das bedeu­tete, dass meine Eltern das Land weiter bewirt­schaften durften, aber die Bull­dozer konnten auch direkt vor der Ernte anrü­cken und eine Baustelle direkt in der Kultur einrichten“, fügt er hinzu.

Philémon Fumery über­nahm den Hof seines Vaters Denis im Dörf­chen Saillan­court in Sagy. Der Ort liegt 10 Auto­mi­nuten von der neuen Stadt Cergy-Pontoise und 30 Minuten vom Geschäfts­viertel Paris-La Défense entfernt.

Denis selbst musste von dem Bauernhof seiner Kind­heit im nahe gele­genen Cour­di­manche wegziehen. „Ich wusste, dass ich das Land nicht bis zur Rente bewirt­schaften würde und dass ich gezwungen sein würde, wegzu­ziehen“, erzählt er. Aber das schreckte Denis Fumery nicht ab, der sich damit abge­funden hatte, flexibel und anpas­sungs­fähig zu sein, wie es die Situa­tion erfor­derte. „Mein Vater war sehr umtriebig. Das habe ich von ihm geerbt. Ich selbst habe verschie­dene Berufe ausgeübt, bevor ich mich mit 32 Jahren nieder­ge­lassen habe.“ Denis hat sechs Brüder, die alle Land­wirte waren oder noch sind. Denis und Nathalie haben vier Kinder, darunter den 34-jährigen Philémon, der nach einem Studium der Betriebs­wirt­schaft, mehreren Auslands­auf­ent­halten und einem land­wirt­schaft­li­chen Abschluss an der Inge­nieur­hoch­schule in Angers den Betrieb über­nommen hat.

Daten über die Fumerys

1950: Ankunft der Familie Fumery im Val-d’Oise

1988: Grün­dung der EARL Fumery in Sagy

1995: Grün­dung des Regio­nalen Natur­parks Vexin fran­çais (striktes Bauverbot)

2005: Der Hof von Denis in Cour­di­manche zieht in die benach­barten Ortschaft Saillan­court um

2024: Über­nahme des Betriebs durch Philémon, Sohn von Denis und Nathalie Fumery

Ackerbau am Stadt­rand

Aus Angst vor einer Ausbrei­tung der Stadt „nach ameri­ka­ni­schem Vorbild“ unter­zeich­neten die lokalen Poli­tiker zu Beginn der 2000er Jahre eine Charta zur Grün­dung des Regio­nalen Natur­parks Vexin fran­çais, der sich über insge­samt 98 Gemeinden in den Dépar­te­ments von Val-d’Oise und Yvelines erstreckt. Die Charta schützt die Umwelt, indem sie die Möglich­keiten zur städ­ti­schen Expan­sion stark einschränkt und gleich­zeitig Acker­land als Kulturgut aner­kennt. Ein Sieg also für die Land­wirte.

Mehrere Nach­barn von Denis haben ihre Tätig­keit einge­stellt und ihm einen Teil ihres Landes über­tragen. Die EARL (land­wirt­schaft­liche Gesell­schaft mit beschränkter Haftung) Fumery umfasst heute 220 ha land­wirt­schaft­liche Nutz­fläche, die zwar gut zusam­men­liegt aber in 85 Parzellen und einer durch­schnitt­li­chen Größe von 3 ha unter­teilt ist. Die Böden sind hete­rogen und von tiefem Lehm- über eher gute Lehm-Kalk­böden bis hin zu Sand­böden.

In den 90er Jahren bestellte Denis Fumery bis zu 40 % seiner Fläche mit Sommer­eiweiß­erbsen. Aller­dings musste er diesen lukra­tiven Anbau wegen der Apha­no­myces (Wurzel­fäule) aufgeben. Der Getrei­de­anbau bean­sprucht nun den größten Flächen­an­teil und liefert auch Stroh, welches teil­weise an einen benach­barten Reiterhof verkauft wird. Zucker­rüben, Sommer­bohnen, Hafer und Raps runden die Frucht­folge ab. Die Boden­be­ar­bei­tung erfolgt noch recht klas­sisch. Wegen des Arbeits­kräf­te­man­gels und für die Zeit, wenn sein Vater Denis sich aus dem Betrieb zurück­ziehen will, inter­es­siert sich Sohn Philémon auch für die Vorteile der konser­vie­renden Land­wirt­schaft.

Bevor die Oise bei Conflans-Ste-Hono­rine in die Seine mündet, fließt sie am Stadt­rand von Cergy-Pontoise vorbei. Bis in die 1960er Jahre war die Region vor allem auf Gemü­se­anbau spezia­li­siert und versorgte Paris.

Kommu­ni­ka­tion zur Dees­ka­la­tion

Die Fumerys stören vor allem Fehl­ver­halten und mangelnde Aner­ken­nung. Wilde Müll­halden waren in der Vergan­gen­heit ein großes Ärgernis, das gehört jedoch langsam der Vergan­gen­heit an. Es gab auch Beschä­di­gungen an land­wirt­schaft­li­chen Geräten, aber inzwi­schen sind die Land­wirte klüger geworden: „Wir wissen, wie wir unsere Maschinen verste­cken können”, sagt Philémon Fumery mit einem Augen­zwin­kern. Wilde Motor­rad­rennen sind jedoch nach wie vor Realität. „Wir hatten Motor­rad­gruppen auf unseren Feldern“, erzählt Nathalie Fumery, „und es ist nicht einfach, ihnen unsere Miss­bil­li­gung klar­zu­ma­chen.“ Dem 34-jährige Philémon gelang es mit den Motor­rad­fah­rern ins Gespräch kommen und ihnen zu erklären, dass die Felder bewirt­schaftet werden und dies viel Arbeit erfor­dert. Und – tatsäch­lich ist die Botschaft ange­kommen!

Denis Fumery spricht über das Thema Aner­ken­nung: „Ich pendle häufig mit der RER (Regio­nal­bahn) zwischen Cergy und Paris, um beispiels­weise auf Land­wirt­schafts­messen zu helfen. Ich bin immer wieder erstaunt über die Tüten mit Chips oder indus­triell herge­stellten Süßig­keiten, welche die Jugend­li­chen von heute konsu­mieren: Was wissen sie über den Anbau und die lokal produ­zierten Lebens­mittel?“ 

Wer weiß, ob unter diesen Kindern nicht auch zukünf­tige Land­wirte sind?

Denis Fumery

Verein Rencontre Ville-Campagne

Denis Fumery ist kein Mensch, der untätig bleibt. Und so inves­tiert er weiterhin Zeit, um die Land­wirt­schaft in der Region Île-de-France zu vertei­digen, um nicht zu sagen zu reha­bi­li­tieren. Er ist einer der Mitbe­gründer von Rencontre Ville-Campagne, einem Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Öffent­lich­keit zu infor­mieren. Die Mitglieder arbeiten vor allem auf lokaler Ebene, beispiels­weise in kleinen und großen Schulen oder erst kürz­lich an der ESSEC (Höhere Schule für Wirt­schafts­wis­sen­schaften und Handel). 

„Wir fühlen uns nütz­lich, weil man uns zuhört. Wir haben auch eine Part­ner­schaft mit dem Bran­chen­ver­band für Saatgut und Pflanzen, der es uns ermög­licht mit Schul­kin­dern zu arbeiten.“ So hatte beispiels­weise die Gemeinde Neuilly-Plaisance (Seine-Saint-Denis) zu Ostern 2019 einen Park in kleine Parzellen aufge­teilt. Das Team von Denis Fumery half dabei, dort Sommer­weizen auszu­säen, der anschlie­ßend von den Fami­lien der Kindern betreut wurde. Am Ende konnten diese aus dem geern­teten Weizen Brot backen. „Wer weiß, viel­leicht haben wir unter diesen Kindern später Kandi­daten für die Land­wirt­schaft. Einige habe ich bereits ausge­bildet“, erklärt Denis.

Ernte in der Stadt Neuilly-Plaisance, weniger als 15 km in östli­cher Rich­tung von Paris entfernt. Denis Fumery gab den Schul­kin­dern Tipps zum Säen von Sommer­weizen. Viel­leicht sind unter den Anwe­senden ja zukünf­tige Land­wirte.

Weniger als 15 Minuten vom Betrieb entfernt befindet sich ein großer Reiterhof, der seit 35 Jahren Kunde der Fumerys ist und bis zu 400 Tonnen Stroh pro Jahr von ihnen bezieht. Im Gegenzug erhält Philémon Fumery große Mengen Pfer­de­mist, den er selbst kompos­tiert und jedes Jahr auf 60 ha ausbringt.

Tausch von Stroh und Mist mit einem Reiterhof

Nur 15 Minuten von Sagy entfernt liegt der Reiterhof L’Epinette in der Gemeinde Boise­ment. Bereits 1988 erkannte Denis Fumery das Poten­zial dieses Betriebs und setzte „auf das rich­tige Pferd“, denn L’Epinette wurde zu einem der florie­rendsten Reiter­höfe des Depar­te­ments. 2001 wurde ein Vertrag zwischen den beiden Unter­nehmen unter­zeichnet. Jedes Jahr zur Ernte­zeit liefert die EARL Fumery etwa 2000 Rund­ballen, also 400 Tonnen Stroh. „Ein Lohn­un­ter­nehmer presst die Ballen in der Regel 24 bis 48 Stunden nach der Ernte ”, erklärt Denis Fumery. „Wenn alle Ballen gepresst sind, schichten wir sie auf dem Gelände des Reiter­hofs zu einem großen Haufen auf.” 

Philémon fährt alle zwei bis drei Tage zum Reiterhof, um die Rund­ballen mit einem Tele­s­kop­lader zu trans­por­tieren. Darüber hinaus sieht der Vertrag mit Epinette vor, dass die Familie Fumery den Pfer­de­mist erhält. „Es handelt sich dabei um einen sehr stroh­hal­tigen Abfall, der einige Monate lang reifen und kompos­tiert werden muss, bevor er ausge­bracht werden kann.“ Auch wenn sich der finan­zi­elle Aspekt in den Augen von Philémon in Grenzen hält, bleibt er opti­mis­tisch: „Nicht weniger als 60 ha werden jedes Jahr mit diesem hervor­ra­genden orga­ni­schen Dünger versorgt“, schätzt er.

Die Website des Vereins Rencontre Ville-Campagne kann unter www.agriculteursidf.org aufge­rufen werden.